"Auch diesmal wollen wir beim #digitalk ein vielleicht zukunftsweisendes Thema behandeln", sagt Uwe Gradwohl, der den digitalen Stammtisch einmal mehr im Triangel Open Space am Kronenplatz Karlsruhe moderiert. "Denn diesmal möchten wir in eine ganz neue Realität eintauchen - das sogenannte 'Metaverse'", sagt der Wissenschaftsredakteur des Südwestrundfunks.

#digitalk Juni 2023
Uwe Gradwohl moderiert den #digitalk. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Besagtes "Metaverse" dürfe man dabei aufgrund seiner Bezeichnung nicht falsch auffassen. "'Metaverse' hat nicht zwangsläufig etwas mit der Firma 'Meta', vormals 'Facebook' zu tun, sondern bezeichnet zunächst einfach einen virtuellen, digital gestalteten Raum, der die verschiedensten Möglichkeiten bietet. Solche Räume gibt es seit den 2000er-Jahren", so Gradwohl.

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Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Der Konzern "Meta" sei dabei stark in die Entwicklung dieser Metaversen involviert, weshalb der Name laut Gradwohl absichtlich gewählt wurde, um eine Assoziation herzustellen. "Was so ein Metaverse aber unabhängig vom betreibenden Konzern, kann - und welche Zukunft es in der Gesellschaft einnehmen kann, besprechen dabei unsere drei Referenten."

Daniel Duwe: Wie wird Virtual Reality auf der Welt aufgenommen?

Passend zu virtuellen Räumen und Begegnungen, wird der erste Referent digital zugeschaltet. Daniel Duwe, Leiter des Joint Innovation Hub, einer Arbeitsgruppe des Fraunhofer Instituts für Innovationsforschung, hält seine Vortrag direkt aus dem andalusischen Sevilla. Sein Schwerpunkt ist dabei, wie verschiedene Gesellschaften ein Metaverse als virtuellen Raum überhaupt annehmen.

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Daniel Duwe glänzt an diesem Abend mit Online-Präsenz. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

"Dazu habe ich verschiedene Daten ausgewertet, die das Fraunhofer Institut erhoben hat. Was sofort ins Auge fällt, ist dass die Option, das Leben ins Metaverse zu verlagern in unterschiedlichen Kulturkreisen unterschiedlich aufgenommen wird", sagt Duwe. "In China, den USA und Deutschland befragten wir letztes Jahr je 1.500 Menschen."

"Menschen in China sind sehr viel weiter in der Nutzung dieser Technologie"

Auffällig: Der Unwille, Virtual Reality zum regulären Teil des Lebens werden zu lassen liegt in der deutschen und amerikanischen Bevölkerung bei über 20 Prozent der befragten. In China sind es nur 8 Prozent. Im Gegenzug liege die Bereitschaft, sich teilweise zugunsten von VR anzupassen in China bei über 60 Prozent - selbst bei der Reduktion von Wohnraum.  In Deutschland sprachen sich 69,5 Prozent strikt dagegen aus.

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Wie ist die Akzeptanz, das Leben ins Metaverse zu verlagern? | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

"Aus Daten wie diesen geht eigentlich schon hervor, dass die Menschen in China schon sehr viel weiter in der Nutzung der Metaverse-Technologie sind als in Deutschland", so Duwe. "Interessant ist auch, dass in den USA und Deutschland eher eine rein virtuelles, von der Realität getrenntes Metaverse-Konzept präferiert wird, während Menschen aus China sich eher auf ein Augmented-Reality-Konzept einlassen würden, dass sich mit der Realität überblendet."

Dabei wurde nicht nur Freizeit, sondern auch Lernen und Arbeiten sinnvolle Nutzung der Virtual Reality genannt. Welches Potenzial hinter dieser Nutzung verborgen liegt, bespricht der nächste Referent. 

Thomas Zorbach: "Das Internet wird begehbar"

"Mit einem Virtual-Reality-Helm haben wir eine völlig andere Wahrnehmung als auf die bisherige Medientechnologie", sagt Thomas Zorbach, Gesellschafter der Marketingagentur "vm-People" und spezialisiert auf VR-Storytelling, "Wir starren nicht mehr auf Bildschirme, sondern sind mittendrin in der Veranstaltung. Das Internet wird begehbar."

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Thomas Zorbach, zweiter Referent des Abends. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Damit biete das Metaverse völlig andere Potenziale als der Rest der Medienlandschaft. "Um einige Beispiele zu nennen: In der Corona-Zeit habe ich mich per VR mit Kollegen getroffen - das war ein Erlebnis, das nicht mit einem Videocall zu vergleichen ist. Wir alle hatten dank der räumlichen Simulation zum ersten Mal wieder wirklich das Gefühl zusammen zu sein", sagt er.

Bei der Geburt dabei - durch Virtual Reality

Solche Erlebnisse seien dabei nur die Spitze des Eisbergs. "Der 22. Oktober vergangenen Jahres war für mich ein besonderer Tag, denn dort wurde meine Freundin hochschwanger ins Krankenhaus eingeliefert. Ich aber hatte an diesem Tag einen positiven Corona-Test", sagt Zorbach.

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Zorbach demonstriert die Brille direkt vor Publikum. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

"Also hat sie die VR-Brille mitgenommen und ich konnte zumindest ersatzweise bei der Geburt dabei sein. Das hatte auch den Mehrwert, dass die Geburtswehen durch das ausgeschüttete Dopamin der Nutzung der Brille gehemmt wurden."

"Die Studierenden sind weniger abgelenkt"

Einen solchen Nutzen habe sich Zorbach nach eigener Aussage nicht träumen lassen. Wohl aber sehe er in der Zukunft optimale Ansätze, das Metaverse weiter in die Gesellschaft zu integrieren. Nicht zuletzt im Bildungssektor sehe er die Möglichkeit für frischen Wind.

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Eine VR-Vorführung über die Leinwand. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

"Ich habe probeweise angefangen, über Virtual Reality an der Karlshochschule zu unterrichten, was optimal funktioniert hat. Man kann durch VR Anschauungsobjekte direkt vor Augen führen oder an Orte Reisen, in denen man in einem Hörsaal nur berichtet. Einer der Studierenden meinte sogar, er sei durch die VR-Brille weniger abgelenkt durch sein Handy."

Regina Bäck: "Kunst in einer anderen Realität"

Besonders bei der Bildung liegen die Grenzen der VR laut der dritten Referentin, Regina Bäck, nur bei der Vorstellungskraft der Entwickler und User. "Meine Themen für heute sind Medienkunst, Schulisches und deren Zukunft im Metaverse", sagt die freischaffende Künstlerin, Unternehmerin und Pädagogin.

"Auch ich habe Daten erhoben und mir die Möglichkeiten der VR-Kunst angesehen, auch im Hinblick auf Diversität, etwa wie sich Transpersonen im Metaverse künstlerisch verwirklichen können. Genauso wie Jugendliche inner- und außerhalb des Kunstunterrichts im Metaverse arbeiten können."

Ein virtuelles Museum

Das sogenannte "Museum of other Realities", ein virtueller Austauschplatz für künstlerische Werke aller Art sei dabei ihr zentraler Ansatzpunkt gewesen. "Hier können sich Künstler jeden Alters, Geschlechts und jeder Herkunft sich austauschen", sagt sie.

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"Es gibt virtuelle Vernissagen zu jedem Thema rund um die Welt, wobei es auch häufig spezifisch um Inklusion geht", so Bäck. Um wirkliche Inklusion zu erreichen, grundsätzlich bei der Gestaltung des noch immer den Kinderschuhen entwachsenden Metaverse, sehe Bäck aber noch einige Herausforderungen.

"Wem gehört das Metaverse?"

"Für Menschen die blind sind oder im Rollstuhl sitzen, ist das Metaverse leider gar nicht bis nur schwer nutzbar, da man dafür natürlich sehen und problemlos gehen können muss", erklärt Bäck. "Genauso sind Kinder und Jugendliche im virtuellen Raum wie schon im Internet leider häufig ungeschützt, was unter Umständen zu Missbrauchsfällen führen kann."

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Noch nicht alle Ecken und Kanten seien ausgebügelt. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Ebenso müsse man sich fragen, wem das Metaverse eigentlich gehört. "Letzten Endes gibt es verschiedene Firmen, die ein VR-Angebot unterbreiten und so enorm viele Daten über die User sammeln können. Daten auf die die User selbst keinen Zugriff haben, das Thema der Datensouveränität ist also noch immer ungeklärt", sagt sie.

Zukunft des virtuellen Raums?

Derlei Probleme demonstrieren, dass das Metaverse trotz großen Fortschritten in den vergangenen Jahren noch immer am Anfang seiner Historie steht. "Es gibt für das derzeitige Stadium den schönen Ausdruck 'VR-Cavemen', sprich, wir sind in diesem Bereich noch Höhlenmenschen, die eine gewaltige Entwicklung vor sich haben könnten", meint Bäck.

"Wie diese Entwicklung aussehen und verlaufen wird, liegt ganz bei uns, denn wir haben jetzt die Chance, die Weichen zu stellen."

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Über den #digiTALK

Die Veranstaltungsreihe #digiTALK setzt sich mit Themen der digitalen Welt von morgen auseinander und rückt gezielt Diskussionen und Austausch in den Mittelpunkt. Die Themen verstehen sich als Karlsruher Beitrag zu aktuellen Debatten einer zunehmend digitalen und vernetzten Gesellschaft.

Der #digiTALK ist ein Gemeinschaftsprojekt des Wissenschaftsbüros der Stadt Karlsruhe, der Initiative karlsruhe.digital, des Nachrichtenportals ka-news.de sowie der Karlshochschule International University.

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