"Corona hat das Leben nach draußen verlagert", sagt Karlsruhes Umweltbürgermeisterin Bettina Lisbach im Rahmen einer Pressekonferenz. "Damit ging aber ein entscheidender Nachteil einher: Das sogenannte 'Littering', der beunruhigende Trend allen Müll, den man mit sich führt, einfach liegen zu lassen, hat seit 2020 massiv zugenommen. Und das hat mehr unangenehme Folgen, als man zunächst annimmt", so die Umweltbürgermeisterin.

Tatsächlich nennt die Vertreterin des Amtes für Abfallwirtschaft (AfA), Nicole Schmidt, gleich mehrere Beispiele für Müllhotspots mit den unterschiedlichsten Folgen. So seien die Innenstadt selbst, der Ludwigsplatz, der Friedrichsplatz, die Günther-Klotz-Anlage und nicht zuletzt der Schlossgarten regelmäßig Opfer dieser Müllflut.

1. Die Innenstadt

"Eigentlich ist die Innenstadt selbst sogar recht überschaubar", sagt die Projektleiterin der AfA, Schmidt. "Hier sind die Hauptprobleme eher am Wochenende zu finden. Immerhin hat Karlsruhe ein sehr aktives Nachtleben. Tagsüber wird die große Dichte der 2020 in der Innenstadt aufgestellten Mülleimer auch durchaus wahrgenommen, aber nachts und frühmorgens - besonders am Wochenende - kann man im Extremfall vor Müll kaum noch gehen", so Schmidt.

PK Müllentsorgung
Nicole Schmidt, Projektleiterin beim Amt für Abfallwirtschaft Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

Jener Eindruck wird auch von den Reinigungskräften selbst bestätigt, die den Müll jeden Tag beseitigen. "Um fünf Uhr morgens ist es in der Innenstadt niemals sauber", sagt Shawn Wedlock, ein Mitarbeiter der Abfallbeseitigung. "Wir reinigen die Straßen und leeren die Mülleimer viermal am Tag von fünf bis 19 Uhr, sodass ein großer Teil der Bürger die Masse an Müll nicht zu Gesicht bekommt. Trotzdem können wir nicht verhindern, dass immer noch genug für unangenehme Nebeneffekte übrig bleibt."

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Shawn Wedlock, der gebürtige New Yorker ist seit zehn Jahren beim Karlsruher Reinigungsdienst. | Bild: Lars Notararigo

Immerhin sei Müll nicht nur sehr unansehnlich und trage kaum zur Attraktivität einer Innenstadt bei, "er lockt außerdem viele Schädlinge an. Etwa Ratten und Krähen, manchmal auch Eichhörnchen, die wir entgegen unseres Willens vertreiben oder durch Kammerjäger ausräuchern müssen, wenn es zu viele werden", sagt Lisbach. "Außerdem ist Müll nicht selten toxisch. Was in der Innenstadt oft geringere Schäden anrichtet, auf Grünflächen jedoch ein sehr großes Problem sein kann."

2. Die Günther-Klotz-Anlage

Bestes Beispiel: Die Günther-Klotz-Anlage. "Der Park lädt zum verweilen, entspannen, feiern und genießen ein - und das soll er ja auch. Leider wird das Erlebnis aber häufig durch den Müll gestört", sagt Lisbach. Im Fall der Günter-Klotz-Anlage seien die Probleme des Mülls sogar noch tiefer gehend. "Die mit Abstand am meisten weggeworfenen Abfallprodukte sind Zigarettenkippen", so die Umweltbürgermeisterin. "Kippen, deren Inhaltsstoffe von der Erde aufgenommen werden und ins Grundwasser sickern."

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Und nicht nur unterirdisch entstünde durch Müll Gefahr. "Besonders an Wochenenden ist die Anlage übersät mit Glassplittern, von den Rasenflächen bis zu den Spielplätzen", erklärt die Projektleiterin der Abfallbeseitigung Schmidt. "Als beliebter Austragungsort für verschiedene Events wird die schiere Menge an  Abfall zur Regelmäßigkeit für die Günther-Klotz-Anlage. Fragen Sie mal die Karlsruhe Event- und Marketing GmbH, wie der Park nach dem Fest aussieht."

3. Der Otto-Dullenkopf-Park

Die Günther-Klotz-Anlage ist dabei keineswegs die einzige Grünfläche, die auf fast täglicher Basis vermüllt wird. "Wo immer Menschen zusammenkommen, gibt es spätestens am nächsten Tag Berge von Müll", sagt Wedlock dazu, "Auch im Otto-Dullenkopf-Park in der Oststadt ist der Rasen großflächig mit Zigarettenstummeln und Glasscherben bedeckt. Das ist typisch für Grünflächen. Natürlich findet man auch anderen Müll, etwa Lebensmittelschachteln, aber die sind im Stadtgebiet sehr viel stärker vertreten."

4. Der Friedrichsplatz

Auf dem Friedrichsplatz etwa, dem nächsten Hotspot, seien die vielen Restaurants, Bäckereien, Imbissbuden und sonstigen Lebensmittelverkäufern spürbar. "Man findet hier Pizzaschachteln, Fast-Food-Kartons, Tüten aus Papier und Plastik und sehr viel mehr", erklärt Wedlock. "Ein großes Problem ist dabei die Sperrigkeit dieses Abfalls. Normalerweise fahren wir mit der Kehrmaschine über den Platz, aber so etwas wie eine Pizzaschachtel passt natürlich nicht einfach so hinein."

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Ohne Müll ist der Friedrichsplatz ein sehr schöner Anblick. | Bild: Paul Needham

So müsse Abfall dieser Größe von Hand eingesammelt werden. "Und es ist nicht einmal so, als hätten wir keine Abfalleimer in der Nähe", ergänzt Umweltbürgermeisterin Lisbach. "Die Mülleimer in der Innenstadt sind sehr voluminös und reichen teils bis unter die Erde - trotzdem sind sie irgendwann voll und der Müll wird einfach daneben auf der Straße entsorgt. Laut einer Studie wird 40 Prozent des Mülls in einem Umkreis von zwei bis zehn Metern zu einem Mülleimer auf die Straße geworfen."

5. Der Schlossgarten

Beispiele wie diese treffen auch auf den Schlossgarten zu - einem weiteren, äußerst problematischen Müll-Hotspot. "Es gibt hier nichts, was ich noch nicht an Müll gesehen habe", sagt AfA-Mitarbeiter Wedlock. "Kippen, Flaschen, Schuhe, Erbrochenes, Blut, Handys, Autoschlüssel, Sofas und einmal sogar eine Spülmaschine." Ein Problem sei dabei auch, dass der Schlossgarten nur teilweise in der Zuständigkeit der Stadtverwaltung liege.

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Müll sei ein normaler Anblick im Schlossgarten. | Bild: Gisela Splett

"Immerhin hat auch die Landesregierung ihren Anteil im Unterhalten des Parks um das Karlsruher Schloss", so Lisbach. "Die Kooperation läuft auch sehr gut, allerdings kommen wir dem Müll auch mit vereinten Kräften nicht bei", meint die Umweltbürgermeisterin. "Auch das Land kann die Reinigungszyklen verdichten und mehr Mülleimer zur Verfügung stellen - an der Menge an Müll würde das aber meines Erachtens kaum etwas ändern."

"Es braucht einen Bewusstseinswandel der Bürger"

Die Müllproblematik sei deutlich tiefer verwurzelt. "Nicht nur in den genannten Hotspots, sondern in der ganzen Stadt nimmt der Müll sehr oft überhand. Das AfA ist sowohl personell als auch finanziell an seinen Grenzen. Wir versuchen mit aller Macht, die Stadt sauber zu halten, aber momentan können wir nicht mehr aufwenden", erklärt Lisbach. "Es liegt an den Bürgern selbst, Verantwortung dafür zu zeigen", sagt sie weiterhin.

Video: Lars Notararigo

Sicherlich sei es möglich, Bußgelder auf Umweltverschmutzung zu legen, doch dazu müssten Umweltsünder auf frischer Tat ertappt werden - das Problem sei damit also kaum gelöst. "Nein, es ist ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung nötig", sagt Lisbach. "Es liegt im Interesse aller Karlsruher, sorgsam mit ihrem Müll umzugehen und ihn immer fachgerecht zu entsorgen. Nicht nur für Gesundheit und Ästhetik, sondern auch, weil wir mit weniger Reinigungsarbeiten auch Geld sparen würden.