Im September 1919 ist der treue Ehemann und glücklicher Großvater Josef Grünling seit 28 Jahren Portier bei der Brauerei Sinner in Karlsruhe-Grünwinkel. Bei einem Rundgang um circa 4 Uhr morgens am 8. September wird er von einem Unbekannten überfallen und durch sechs Stiche am Kopf mit einem Messer oder Dolch so schwer verletzt, dass er zwei Tage später seinen Verletzungen erliegt. Bevor er stirbt sagt er sogar den Namen des Täters, den er offensichtlich kennt: Schröder. Doch der Verdacht fällt – erst nach Jahren – auf einen ganz anderen Mann.

Arbeitgeber setzt Belohnung aus

Grünling war ein braver und lieber Mensch, sagt die Firma Sinner – bis zum Tode war er seinem Dienst und seiner Arbeitgeberin treu. Für Hinweise zum Fall setzt sie erst eine Belohnung von 1.000 Mark aus, später wird diese auf 5.000 Mark erhöht. Trotzdem dauert es ganze zwölf Jahre, bis die Erkundigungen der Polizei im Mordfall Grünling in Grünwinkel Früchte tragen.

Die Sinner-Brauerei im Jahre 1919.
Die Sinner-Brauerei im Jahre 1919. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 7/Nl Sinner 91

Erst in der letzten Märzwoche 1932 wird im benachbarten Daxlanden der 41-jährige Wilhelm K., Maler aus einer kleinen Ortschaft in der Pfalz, verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis gebracht. Er steht unter dem Verdacht, Grünling 1919 ermordet zu haben.

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Laut Bericht führte Wilhelm K. jahrelang ein Doppelleben. Zum Zeitpunkt des Mordes war er verheiratet und hatte drei Kinder: zwei Mädchen und einen Jungen. Gleichzeitig unterhielt er mit einer gleichaltrigen, ebenfalls verheirateten Frau jahrelang ein Liebesverhältnis. Diese wohnt in der Rheinstraße in Mühlburg und hat mehrere Kinder – darunter vier uneheliche – und bestreitet ihren Lebensunterhalt durch Kartenschlagen.

Der Mord

Es wird berichtet, dass K. damals "ganz unter der Hörigkeit" dieser Frau stand. In der Mordnacht, so wird es vermutet, hat Grünling verdächtige Geräusche in einem Holzschuppen in der Hopfenstraße bemerkt, denen er dann nachging. Hier hat sich vermutlich Wilhelm K. in Begleitung einer weiblichen Person versteckt.

Todesanzeige Josef Grünling.
Todesanzeige Josef Grünling. | Bild: Badische Presse 12.9.1919

Man glaubt, dass K. zu dieser Zeit "sträflichen Umgang mit der Frau hatte und hat wahrscheinlich deswegen in der Hütte übernachtet" schreibt die Zeitung Volksfreund am 2. April 1932. Der Portier war jedoch für Wilhelm K. ein ungewollter Zeuge seiner ehelichen Untreue und deswegen hat K. ihn vermutlich beseitigt, schreibt das Durchlacher Tagblatt am 5. April 1932.

Ungelöster Mord an Josef Grünling im Jahr 1919
Bild: Thomas Riedel

Die tödlichen Stiche fallen in der Durmersheimer Straße. Nachdem er angegriffen wird läuft Grünling in seine Wohnung zurück und bricht hier zusammen. Zwei andere Kollegen werden wach und holen das Krankenauto. Hier nennt Grünling den Namen "Schröder" als Täter – ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma, der jedoch ein festes Alibi für die Tatzeit hat. "Ich muss doch sterben!" jammert Grünling der ins Städtische Krankenhaus gebracht wird, wo er zwei Tage später am starken Blutverlust stirbt.

Der Verdächtige

In der Zwischenzeit lebt Wilhelm K. seit 1930 in Scheidung und wohnt in der Goethestraße in Karlsruhe. Seit Monaten ist er seiner Unterhaltspflicht nicht nachgekommen, so dass seine Familie in großer Not ist und dem Wohlfahrtsamt zur Last fällt. Man kommt auch erst jetzt durch die Voruntersuchung hinter das Doppelleben von Wilhelm K., und es wird vermutet, dass er sich dem Einfluss seiner Freundin nicht mehr entziehen kann, da sie Mitwisserin der Tat ist.

Neben der alten Brauerei Sinner ist heute Moninger zuhause.
Neben der alten Brauerei Sinner ist heute Moninger zuhause. | Bild: Thomas Riedel

Weiter wird festgestellt, dass K. in der Mordnacht mit blutbefleckter Hose nach Hause kam. Damals erklärte er seiner Familie, dass er bei einem Autounfall ausgeholfen hat – er hätte den Verletzten aus dem Wagen transportiert und dabei Blut auf die Hose gekriegt. Heute fehlt diese Hose als Beweisstück. Dass Wilhelm K. eine solche Tat wie Mord zuzutrauen ist, berichten Zeugen, dass er öfter seine Angehörigen in brutaler Weise misshandelte und mit Totstechen und Totschießen bedrohte.

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In seiner alten Wohnung findet man unter der Matratze drei offenstehende Messer. Er hatte auch ständig eine Schutzwaffe bei sich, die er angeblich zu geschäftlichen Zwecken bei Überlandfahrten benötigte. Jetzt wird vermutet, dass Wilhelm K. auch den Mord an Otto Schwall, der im August 1920 im Gewann Listacker tot gefunden wird, auf dem Gewissen hat. Mit dem Mord an Grünling gibt es Ähnlichkeiten.

Ist ein Filzhut der entscheidende Hinweis?

Außerdem berichten Zeugen, man hörte oft, dass seine Frau Sachen sagte wie: "Wenn ich zu ihm Listacker und Grünwinkel sage, dann ist er so klein und ich kann alles von ihm haben." Und als die Leiche von Otto Schwall gefunden wird, sagt K. zu anderen: "Der ist genauso zugerichtet, wie Grünling."

Ungelöster Mord an Josef Grünling im Jahr 1919
Bild: Thomas Riedel

Der Firma Sinner gehen seit einiger Zeit "private Mitteilungen aus unterrichteten Kreisen" im Hinblick auf die Beteiligung Wilhelm K. an der Mordsache Grünling zu, aber der Hauptanhaltspunkt ist jetzt ein Filzhut, den der Mörder am Tatort vergessen hat. Ein stark abgetragener, weicher graugrüner Hut mit einem grünschirmenden Band ohne Futter wurde damals am Tatort gefunden, und wird von Zeugen als Eigentum von K. identifiziert.

Ungelöster Mord an Josef Grünling im Jahr 1919
Bild: Thomas Riedel

Vor Allem werden im Hut Kopfhaare gefunden, die von der Farbe zwar leicht anders sind, was aber zurückzuführen ist, dass der Mord bereits dreizehn Jahre zurückliegt. Wilhelm K. leugnet, etwas mit den Morden zu tun zu haben. Andere verdächtige Personen kommen eventuell auch in Frage, und es werden von allen Haarproben genommen.

Wilhelm K. wird aus der Haft entlassen - Fall bleibt ungelöst

Die Voruntersuchung gegen K. ist bereits eingeleitet, geführt vom Landgerichtsrat Walther Koransky, der ein Jahr später als jüdisch-stämmiger Katholik von den Nationalsozialisten in den Ruhestand gesetzt wird. Die Haarproben werden an den Sachverständigen Professor Popp in das Kriminalwissenschaftliche Institut in Frankfurt geschickt.

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Popp stellt fest, dass der Hut keinem der Verdächtigen gehört haben könnte – die Kopfweite stimmt nicht, und die Haarproben stimmen nicht mit den Haaren im Hut überein. Ende April 1932 wird Wilhelm K. aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Verdachtsgründe scheinen zur Überführung nicht ausgereicht zu haben. Bis heute ist der Fall nicht geklärt.

Alle Bilder zur Brauerei Sinner:

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