Otto Wirz ist homöopathischer Arzt in der Oststadt in Karlsruhe. Er lebt alleine in der Georg-Friedrich-Straße in einer Wohnung im zweiten Stock, die gleichzeitig als seine Praxis dient. Wirz kommt ursprünglich aus Koblenz und ist zur Zeit seiner Ermordung 53 Jahre alt. Er ist vielleicht das merkwürdigste Mordopfer in unserer Serie.

Wirz lebt alleine

Bekannt als Exzentriker hat der mittelgroße, sehr magere Wirz keine engen Freunde und ist sehr fromm. Mitten in der Stadt lebt er zurückgezogen. Zweimal war der Arzt verlobt aber jedes Mal lösten die Frauen die Verlobung auf Grund seines schwierigen Charakters auf. Zudem beschäftigt er sich mit "übernatürlichen Dingen" und nimmt an spiritistischen Zirkeln eines seiner Patienten teil.

Karlsruhe Oststadt um 1920.
Karlsruhe Oststadt um 1920. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe, 8/Alben 3 III/3a

Andererseits ist Wirz als sehr gütig bekannt und er behandelt oft arme Patienten umsonst. In dieser anfangenden Inflationszeit legt er wenig Wert auf Geld. Dabei wohnt er aber ohne Dienstboten, da er mal vom Personal bestohlen wurde und führt seinen Haushalt allein. Der Homöopath wird von vielen als "Retter aus höchster Not" verehrt, doch von anderen als "Kurpfuscher" verdammt.

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An diesem 17. September 1921, dem Morddatum, geht der Arzt im Reformhaus (im Volksmund bekannt als "Graspalast") mittags essen. Hinterher besucht er eine Patientin in der Sternbergstraße und erzählt dieser, dass jemand um 14 Uhr auf ihn in der Wohnung wartet. Was nach Zeugenaussagen als nächstes passiert erscheint etwas verwirrt und merkwürdig.

Zeugenaussagen widersprechen sich

Die Frau mit dem Termin um 14 Uhr erzählt der Polizei später, dass sie beim Weggehen einen Mann im Wartezimmer sah, der hinter ihr zum Arzt ging. Um 14.15 treffen sich zufällig zwei weitere Patienten – ein Mann und eine Frau – vor der Wohnung. Sie läuten und es kommen jedoch nicht ein Mann, sondern zwei Männer heraus. Der eine sagt, "Dr. Wirz hält heute keine Sprechstunde", aber der andere weist die beiden Patienten ins Wartezimmer.

Mord Wirz
Bild: Volksfreund 21.9.1921

Nach einer Weile erscheint dann Wirz blutüberströmt aus dem Sprechzimmer und sagt, er sei überfallen worden. Dann geht er wieder rein und verschließt die Tür. Die zwei Patienten gehen weg, weil sie denken, als Arzt wird er sich selber helfen können und es wird keine Sprechstunde stattfinden.

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Insbesondere erscheint die Aussage der beiden letzten Patienten unglaubwürdig – die Zeugen können die beiden Männer nicht deutlich beschreiben – jedoch haben sie laut der damaligen Akten "unzweifelhafte" Alibis für die Tatzeit. Ein Mitbewohner im gleichen Haus erzählt der Polizei eine etwas andere Geschichte. Gegen 14.30 Uhr – also etwa die Zeit, zu der die beiden Patienten behaupteten, Dr. Wirz im Wartezimmer gesehen zu haben – trifft dieser Mitbewohner auf der Treppe den schwerblutenden Arzt, der sagt, er sei überfallen worden.

Mit seiner Hilfe wird Wirz in die Wohnung im ersten Stock geschleppt, wo ihm ein Notverband angelegt wird, das Krankenauto geholt und die Polizei alarmiert. Der Arzt bricht kurz zusammen und als er wieder zu Bewusstsein kommt, fragt die Polizei, was passiert ist. Wirz will jedoch nicht direkt antworten und sagt bloß, "Lasst mich doch in Ruhe! Der Kerl hat einen Hammer gehabt! Warum das passiert ist? Um 2000 Mark", jammert der Arzt. "Ist das mein Lohn?"

Wirz stirbt im Krankenhaus

Er gibt dem Polizeibeamten den Wohnungsschlüssel, nennt aber den Namen des Täters nicht, obwohl er ihn offensichtlich kennt. Wirz wird ins Städtische Klinikum gebracht, aber eine Notoperation um 15.30 Uhr hilft ihm nicht mehr. Er stirbt gegen 20 Uhr an seinen schweren Verletzungen.

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Die Polizei kann sich Folgendes zusammenreimen: Wirz habe den oder die Täter in seinem Sprechzimmer zwischen 14 Uhr und 14.15 Uhr empfangen und sich an den Schreibtisch gesetzt, um ein Rezept auszustellen. Dabei bekommt er mehrere Hammerschläge auf den Hinterkopf und ist erst bewusstlos.

Als er wieder bei Bewusstsein ist, versucht er, sich in den ersten Stock zu schleppen, wo der Mitbewohner ihn findet. Bei Wirz findet man nur noch 60 Pfenning. Seine Geldkassette, die circa 2000 Mark enthält, ist verschwunden. Der Fall wird jetzt als Raubmord eingestuft.

Fall bleibt bis heute ungelöst

Am Tatort selbst sieht es katastrophal aus. Das Sprechzimmer ist überall mit Blut bespritzt, die Blutspur führt von dort ins Wartezimmer und ins Schlafzimmer. Das Blut tropft sogar durch das Sofa im Sprechzimmer hindurch – hier lag er wahrscheinlich bewusstlos. Auch der Schreibtisch ist voll Blut und auf dem Boden liegt das blutbefleckte Rezept, das er gerade ausgestellt hat – wahrscheinlich für den Täter.

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Hier steht der Name Lohner, Lechner oder Lehner und ein ähnlicher Name wird in Wirzs Buchhaltung gefunden, mit dem Vermerk "pauper" (arm) und bei der Bezahlung "0." Im Bett des Arztes werden 13.200 Mark und 30.000 österreichische Kronen noch gefunden. Für die "Mitteilung von Anhaltspunkten" wird eine Belohnung von 5.000 Mark ausgesetzt – dies wird später noch auf 10.000 Mark erhöht.

Die Polizei geht jedem Hinweis nach – und es sind sehr viele. Beispielsweise hat ein Patient vor einiger Zeit Geld von Dr. Wirz geliehen, hat es nicht zurückbezahlt und ist dann verschwunden. Angeblich wurde dieser neulich in der Altstadt gesehen.

Eine Spur führt bis nach Berlin

Ein anderes Mal hat man gehört, wie ein Unbekannter in der Nähe der Wohnung sagt, er hätte die Arbeitslosigkeit satt und würde einem den Schädel einschlagen. Etwas später gibt ein Mann zu, er habe Schmiere gestanden, während seine Komplizen Dr. Wirz ermordet und beraubt haben. Dies wird aber von den "Komplizen" geleugnet und auch die Zeugen können diese nicht erkennen.

Ida Wüst (Filmschauspielerin
Ida Wüst (Filmschauspielerin

Immer wieder werden diesem Geständigen Widersprüche in seiner Aussage nachgewiesen. Dabei wird festgestellt, dass ein mögliches Schlüsselelement fehlt – ein Kundenbuch von Dr. Wirz, das wichtige Informationen enthalten könnte. Der Geständige sagt, das Buch sei in Berlin bei der berühmten Filmschauspielerin Ida Wüst versteckt und daraufhin macht sich ein Polizeibeamter auf den Weg nach Berlin.

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Ida Wüst weiß nichts von der Sache und ist erst empört – scheidet aber in Freundschaft vom Beamten und schenkt ihm ein Foto von sich mit einer persönlichen Widmung. Dieses Foto kommt zu den Polizeiakten, während der Geständige schlussendlich auf seinen Geisteszustand untersucht wird.

Die Polizei ruht aber nicht und folgt weiterhin jeder Spur. Über die nächsten Jahre treffen ständig neue Hinweise ein, aber meistens handelt es sich um belanglose Gerüchte. Der Fall ist bis heute nicht geklärt.

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