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Karlsruhe KIT-Professor klärt auf: Ist die Corona-Infektionsgefahr im Karlsruher ÖPNV tatsächlich so niedrig wie gedacht?

Vor wenigen Wochen veröffentlichte die Charité Research Organisation (CRO) eine Studie zum Corona-Infektionsrisiko im ÖPNV. Das Ergebnis: Das Risiko einer Infektion im ÖPNV ist im Vergleich zum Individualverkehr nicht höher. Die Freude bei den Verkehrsbetrieben - auch in Karlsruhe - war groß. Doch wie aussagekräftig ist die Studie wirklich?

"Unsere Busse und Bahnen bieten unseren Fahrgästen ein großes Maß an Sicherheit. Ich freue mich deshalb sehr über die Bestätigung von wissenschaftlicher Seite, dass wir mit unseren umfangreichen Reinigungs- und Lüftungsmaßnahmen sowie der Kontrolle der Maskenpflicht den richtigen Weg eingeschlagen haben" - so erklärt Alexander Pischon, Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), vor wenigen Wochen. 

681 Teilnehmer für fünf Wochen beobachtet

Der Grund: Eine Studie der Charité Research Organisation (CRO) zeigt, die Corona-Infektionsgefahr im ÖPNV ist nicht höher als im Individualverkehr. Seit Februar 2021 wurden über fünf Wochen lang insgesamt 681 freiwillige Teilnehmer im Alter von 16 bis 65 Jahren im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) im Rahmen der Studie begleitet. 

Achim Dittler ist Professor am KIT in Karlsruhe.
Achim Dittler ist Professor am KIT in Karlsruhe. | Bild: KIT

Doch wie aussagekräftig ist diese bisher einzigartige Studie? ka-news.de spricht darüber mit Achim Dittler vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Dort ist Dittler Institutsleiter für mechanische Verfahrenstechnik und Mechanik und Leiter der Arbeitsgruppe Gas-Partikel-Systeme. Außerdem gehört er zum Expertenkreis "Aerosole" der Landesregierung Baden-Württemberg. 

"Es handelt sich hier um eine epidemiologische Kohortenstudie, kausale Zusammenhänge werden hier nicht untersucht", eröffnet Dittler. "Durch Datenerhebung werden nicht formale Risikofaktoren bewiesen, sondern trägt eine solche Studie möglichst viele Belege zusammen um eine Verursachung durch einen bestimmten Risikofaktor zu erklären oder nach Zusammenhängen zu suchen", so Dittler weiter. 

Kausale Zusammenhang fehlt

Für Studien dieser Art sei vor allem ein Punkt kritisch: der kausale Zusammenhang. "Komme ich von bestimmten Zusammenhängen die ich während der Datenerhebung gefunden habe, auch zu einer kausalen Aussage", erklärt der KIT-Professor. In der Studie sei dies nicht unbedingt der Fall, wie Dittler weiter erklärt. "Im Bezug auf die einzelnen Risikofaktoren vermisse ich den kausalen Zusammenhang mit einer Corona-Infektion."

Ein Mann und eine Frau mit FFP2-Masken steigen in eine U-Bahn. (Symbolbild)
Ein Mann und eine Frau mit FFP2-Masken steigen in eine U-Bahn. (Symbolbild) | Bild: Sven Hoppe/dpa

Dittler erklärt beispielsweise: "Wenn man alleine mit dem Fahrrad oder alleine im Auto fährt, ist dies keine Quelle für eine Corona-Infektion. Das gewählte Verkehrsmittel ist nur dann ein Risiko, wenn Personen bei dessen Nutzung einem potenziell infektiösen Umfeld ausgesetzt sind. Dieser Nachweis fehlt."

So wurden während der Studie 3,8 Prozent der Teilnehmer, die mit dem Fahrrad unterwegs waren und 5,36 Prozent der Autofahrer positiv auf Corona getestet. "Hier fehlt der Zusammenhang zwischen Verkehrsmittel und der Infektion", so Dittler. Die Erklärung wie es trotzdem zu einer Infektion kommen konnte ist naheliegend.

Infektionen erfolgten wahrscheinlich außerhalb der Beobachtungszeit 

"Es wurde nur der Arbeitsweg ausgewertet, was nur zirka drei Prozent der Gesamtzeit des Studienzeitraums ausmacht. Es wird also nur ein ganz geringer Teil beobachtet und die anderen 97 Prozent werden vernachlässigt", meint Dittler und ergänzt: "Ja 3,8 Prozent der Personen aus der Gruppe der Radfahrer haben sich angesteckt, aber nicht durchs Radfahren sondern wahrscheinlich im Zeitraum der anderen 97 Prozent."

Ähnlich würde es sich bei Nutzern des ÖPNV verhalten, da auch hier kein kausaler Zusammenhang mit der Infektion und dem Verkehrsmittel nachgewiesen wurde. Dieser fehlende kausale Zusammenhang sei einer der Schwachstellen der Studie, so Dittler. 

Die Studie kommt in ihrem Schlussfazit zu dem Ergebnis, das kein Zusammenhang zwischen einem Corona-Infektionsrisiko und der Nutzung des ÖPNV bestehe. Die Studie selbst macht keine vergleichende Aussagen zu ÖPNV und Individualverkehr. 

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Corona-Virus in Karlsruhe: Der Corona-Virus hält Karlsruhe in Atem: Alle Zahlen der Infizierten, Schutzmaßnahmen, Absagen von Veranstaltungen und weitere Informationen für die Fächerstadt und die Region in diesem Dossier.
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  •   schlaule2
    (384 Beiträge)

    02.06.2021 16:25 Uhr
    Im leere Baehnle um Elfe ischs
    Risiko gleich null wenn ich alloi drin hocke tun tun, ischs rappelvoll wenn alle zum schaffe fahre tun tun ischs deutlich höher, ha her
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  •   udoh
    (1961 Beiträge)

    01.06.2021 17:16 Uhr
    Sollte die "Studie" lediglich irgendwie zu einen Wunschergebnis kommen?
    Diese "Statistik" mit einer für mich unbrauchbar kleinen Stichprobe bei mehrheitlich nicht nachverfolgbaren Infektionsursachen lies mich gleich an der Professionalität und/oder Ergebnisoffenheit zweifeln. Danke an jeden der sich traut auch politisch Unerwünschtes zu sagen.
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  •   myopinion
    (89 Beiträge)

    01.06.2021 08:03 Uhr
    Kontrolle der Maskenpflicht
    ist ja wohl lächerlich. Der KVV und sein "Sicherheitsunternehmen" BIG kontrollieren die Maskenpflicht NICHT. Als es noch die Verpflichtung zur FFP2 Maske gab haben selbst die Kontrolleure keine FFP2 Maske getragen.
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  •   mueck
    (12184 Beiträge)

    01.06.2021 08:12 Uhr
    !
    Für die galt gesetzlich auch keine FFP2-Pflicht!
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  •   myopinion
    (89 Beiträge)

    01.06.2021 08:32 Uhr
    oh
    das wusste ich nicht. Ich dachte es gelten die gleichen Regeln für alle. Mir war nicht bewusst (hab es mal wieder vergessen), daß manche extra Regeln haben. Danke für den Hinweis
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  •   acn128
    (7 Beiträge)

    01.06.2021 11:45 Uhr
    FFP2-Pflicht
    Die Mitarbeiter:innen sind deswegen nicht verpflichtet, eine FFP2-Maske zu tragen, da ansonsten die mit einer Pflicht einhergehenden Arbeitsschutzmaßnahmen umgesetzt werden müßten.
    Das bedeutet, eine max. Tragedauer (70 Minunten, soweit ich mich erinnere) und dann eine verpflichtende Pause (30 Min.) müßte eingehalten werden.
    Das ist aber politisch nicht gewollt, da es Geld kosten würde und ist daher eben keine Pflicht.

    Ein weiteres Beispiel dafür, ob Geld oder Leben wichtiger ist.
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  •   udoh
    (1961 Beiträge)

    01.06.2021 16:52 Uhr
    Die Pausenzeiten für FFP2-Träger dürfen harter Baustellentätigkeit angepasst sein
    Am Schreibtisch, im Büro, beim Gas-/Bremshebel schieben oder gemächlichen Radfahren sehe ich nicht die Belastung die mir das FFP2 tragen irgendwie zum Problem werden lässt. Beim Treppensteigen nach ein paar Etagen verstehe ich dann, warum man bei den ursprünglichen Einsatzzwecken wie Steine in verstaubter Umgebung schleppen die Pausenzeiten vorgeschrieben hat, die es nun Firmen zum Problem werden lässt FFP2's ohne extra Pausen vorzuschreiben. Vielleicht sollte die BG hier mal etwas nachbessern
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  •   acn128
    (7 Beiträge)

    31.05.2021 19:01 Uhr
    Bessere Forschungsergebnisse hier
    Hier gibt es eine bessere (und transparente) Forschung aus Berlin:

    https://zerforschung.org/posts/auf-der-suche-nach-corona-im-berliner-untergrund/

    "Die Zahlen sind mit viel Vorsicht zu genießen, aber die Daumenregel “In jeder vollen U-Bahn sitzt statistisch eine infizierte Person” bleibt."

    Schade, daß diese Ergebnisse nirgends näher betrachtet werden, ich finde sie sehr interessant.
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  •   barheine
    (617 Beiträge)

    31.05.2021 18:04 Uhr
    Wenigstens wissen wir, dass wir nichts wissen. Und das nach mehr als einem Jahr Corona!
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  •   patrickkk
    (2050 Beiträge)

    31.05.2021 17:39 Uhr
    ...
    Schön zu sehen das Ka-News hier nochmal nachgehakt hat!
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