Die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) wurde vom Forschungszentrum in den Jahren 1967 bis 1970 als Pilotanlage für die kommerzielle Wiederaufarbeitung in Wackersdorf errichtet. Laut Angaben der WAK wurden in der Zeit von 1971 bis 1990 in der Anlage etwa 200 Tonnen Kernbrennstoffe aus Versuchs- und Leistungsreaktoren aufgearbeitet. Der Betrieb wurde 1991 eingestellt. Der Bund, das Land Baden-Württemberg und die Energieversorgunsunternehmen beschlossen im selben Jahr die WAK vollständig rückzubauen.

Aus einem Projektbericht vom Juli 1991, der ka-news vorliegt, geht hervor, dass die Stilllegung und der vollständige Rückbau der Anlage bis 2003 abgeschlossen sein sollte. Doch die dort erzeugte hochradioaktive Abfalllösung (HAWC), auch "Karlsruher Atomsuppe" genannt, verblieb länger in der Anlage.

Ursprünglich sollte Atomsuppe nach Belgien

Es sei völlig utopisch gewesen, dass die Müll-Konditionierung und Endlagerung wie ursprünglich geplant bereits 1995 beginnen und 2003 abgeschlossen werden soll, kritisiert die Karlsruher Bundestagsabgeordnete und atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, gegenüber ka-news. Der Sprecher der WAK, Peter Schira, widerspricht: Der Rückbau habe sich verzögert, da ein "Konzeptwechsel" notwendig geworden sei. Ursprünglich sei geplant gewesen, die Atomsuppe in Karlsruhe abzufüllen und in speziellen Castor-Behältern nach Mol in Belgien zu bringen, um sie dort zu verglasen. Aufgrund hoher Kostenriskien und fehlender Akzeptanz bei der Bevölkerung für Castor-Transporte in den 90er Jahren sei man von diesen Plänen abgerückt, so Schira. Daher habe man sich entschlossen, die radioaktive Suppe vor Ort in Karlsruhe zu verglasen. Hierfür musste eine eigene Verglasungsanlage gebaut werden, die schließlich 2009 ihren Betrieb aufnahm.

Bis November 2010 wurde aus 60.000 Kubikmetern radioaktiver Brühe 56 Tonnen Abfallglas. Dieses Abfallglas befindet sich nun in den fünf Castor-Behältern, die am Mittwochmorgen etwa 6,5 Kilometer auf Karlsruher S-Bahn-Gleisen zurückgelegt haben.

Über 2,6 Milliarden Euro Gesamtkosten

Die Gesamtkosten für die Entsorgung des radioaktiven Abfalls und den Rückbau der WAK liegen laut Schätzungen der Bundesregierung vom Dezember 2007 bei 2,6 Milliarden Euro, davon 2,2 Milliarden Euro für Verglasung und Rückbau. Die restlichen 400 Millionen Euro seien Lagerkosten in Zwischen- und Endlagern.

Hier liegt allerdings das nächste Problem: Eigentlich sollten die Karlsruher Glaskugeln in einem stillgelegten Bergwerk in Niedersachsen abgestellt werden. Der sogenannte Schacht Konrad sollte bis 2014 zu einem Endlager für schwach- bis mittelradioaktive Abfälle ausgebaut werden. Mittlerweile geht die Bundesregierung aber davon aus, dass Schacht Konrad - wenn überhaupt - erst im Jahr 2019 geöffnet werden kann. Dadurch entstehen weitere Kosten von 250 Millionen Euro, da der Atommüll länger in Zwischenlagern bleiben muss als vorgesehen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hervorgeht. Diese Mehrkosten werden alleine vom Steuerzahler getragen, sagt Grünen-Politikerin Kotting-Uhl.

Steuerzahler bezahlen den gröten Teil

Denn mit der Stilllegeung der WAK im Jahr 1991 wurde die finanzielle Beteiligung der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) an Projektkosten pauschal abgegolten. So heißt es in der Stilllegungsvereinbarung von 1991, die ka-news vorliegt: "Damit sind alle Ansprüche gegen die DWK abgegolten, die sich im Zusammenhang mit diesem Vertrag, insbesondere aus Nullbetrieb, Restbetrieb (einschließlich HWAC-Lagerbetrieb), Stilllegung und Beseitigung der WAK, Entsorgung aller Abfälle einschließlich HWAC-Entsorgung mit Zwischen und Endlagerung der HAWC-Glasblöcke sowie der Auflösung der WAK-GmbH ergeben". Hinter der DWK stehen heute noch die Betreiber der Kernkraftwerke.

Kotting-Uhl empört sich: "Seit fünf Jahrzehnten stehen wir Steuerzahler für explodierende Kosten der Atomkraft gerade." Mit den Stilllegungsvereinbarungen sei damals die Kostenbeteiligung der Industrie zementiert und die Atomindustrie aus der Verantwortung entlassen worden, so die Grünen-Politikerin.

Grüne: "Kostenaufteilung ist Irrsinn"

Die Kostenaufteilung sei ohnehin "Irrsinn", beklagt Kotting-Uhl. Aus einem Bericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur "Projektkostenschätzung 2007 für die Stilllegung, den Rückbau und die Entsorgung der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK)" geht hervor, dass an den Gesamtkosten von 2,6 Milliarden Euro die Atomindustrie mit 40 Prozent und Bund und Land zusammen mit 60 Prozent beteiligt sind.

In einem Schreiben des Bundeministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit heißt es, dass 70 Prozent der in der WAK aufbereiteten Brennelemente aus kommerziellen Kernkraftwerken stammen. Kotting-Uhl dazu: "Die Atomwirtschaft verantwortet 70 Prozent der Radioaktivität des WAK-Mülls. Das weiß die Bundesregierung - und lässt die Steuerzahler 60 Prozent der Kosten übernehmen. Hier muss endlich seriös gerechnet werden: 30 Prozent der Kosten für die öffentliche Hand, 70 Prozent für die Atomwirtschaft."

WAK-Sprecher Schira sieht das anders: "Das Konzept enstpricht nach wie vor dem Verursacher-Prinzip und ist aus meiner Sicht zeitgemäß."

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