Einen ersten Beschluss für das Projekt "Öffentlicher Raum und Mobilität Innenstadt" fällte der Karlsruher Gemeinderat bereits im Januar 2020. Teil dieses Projekts sind auch zwei Reallabore, die unter anderem aufgrund der Pandemie erst in diesem Sommer ihre "reale" Komponente entfalten.

Nördliche Karlstraße als Reallabor

"Mit diesem Reallabor in der Karlstraße konnten wir erst am 18. Juli loslegen", sagt Oberbürgermeister Frank Mentrup bei einem Pressetermin vor Ort dazu. "Umso glücklicher bin ich, dass es nun doch klappt."

PK nördliche Karlstraße
Bild: Lars Notararigo

Seit Mitte des Monats nämlich hat die nördliche Karlstraße erste Veränderungen durchlaufen, die langfristig - ähnlich wie die Kaiserstraße - eine lebenswertere, kulturell ansprechendere und attraktivere Form annehmen soll. "Dazu haben wir sehr viele Optionen, die wir im Rahmen dieses Reallabors auf Durchführbarkeit und Akzeptanz seitens der Bürger prüfen wollen", so Mentrup.

Eine durchgehende Fußgängerzone

Derzeit sei die Karlstraße recht unwirtlich und sehr auf den Autoverkehr ausgelegt, so der OB. "Hier treffen sich Fußgänger, Rad- und Autofahrer auf engem Raum, was immer wieder zu Konflikten und Gefährdungen führt. Das ist umso bedenklicher, da die nördliche Karlstraße  mit dem Passagehof und dem Europaplatz zwischen zwei Fußgängerzonen liegt und sie so unterbricht", sagt er.

Eine bessere Alternative sehe Mentrup darin, die nördliche Karlstraße ebenfalls hauptsächlich Fuß- und Radverkehr zu widmen. Bis zum Ende des Reallabors am 31. Oktober solle der Straßenabschnitt für Kraftfahrer gesperrt werden.

PK nördliche Karlstraße
Bild: Lars Notararigo

Schon jetzt seien nur Anlieger und von 8 Uhr bis 11 Uhr der Lieferverkehr berechtigt, die Autospur zu nutzen. Leider scheine dieses Verbot bisher nur in geringem Ausmaß zu fruchten.

Autoschlange

"Wir haben seit zwei Wochen eine neue Beschilderung aufgestellt, die auf das Verbot von Kraftfahrzeugen innerhalb dieses Streckenabschnitts aufmerksam macht. Allerdings agieren manche Autofahrer im Rahmen ihrer Gewohnheit und tun sich teilweise etwas schwer, die Beschilderung zu erkennen - oder auch sie ernst zu nehmen", erklärt Oberbürgermeister Mentrup während sich hinter ihm eine Autoschlange formiert.

PK nördliche Karlstraße
Bild: Lars Notararigo

Gegen diese Ordnungswidrigkeiten zu agieren sei laut dem Leiter des Ordnungsamtes, Maximilian Lipp, nicht ganz einfach. "Obwohl es nicht mehr so schlimm ist wie anfänglich, können wir als Stadt recht wenige Maßnahmen ergreifen, die widerrechtlichen Fahrer zu Ordnung zu rufen. Wir sind nicht berechtigt, in den fließenden Verkehr einzugreifen. Dazu benötigen wir die Hilfe der Landespolizei", erklärt Lipp.

Maximilian Lipp, Leiter des Ordnungsamtes Karlsruhe.
Maximilian Lipp, Leiter des Ordnungsamtes Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

Diese unterstütze die Stadt zwar tatkräftig, könne den vergleichsweise kurzen Streckenabschnitt der nördlichen Karlstraße nicht den ganzen Tag überwachen.

"Wir werden aber innerhalb der nächsten Wochen prüfen, wie wir die Einfahrt erschweren und wo wir Blitzer aufstellen können. Ansonsten müssen wir uns auch auf den Gewöhnungseffekt verlassen", so Lipp. "Wir haben keineswegs erwartet, dass sich alle Autofahrer sofort den neuen Bedingungen anpassen werden. So etwas braucht Zeit", meint Lipp.

Ein wortwörtlicher "Hotspot"

Aber selbst wenn der Kraftverkehr nun aus der Häuserschlucht im Schatten des Prinz-Max-Palais weicht - was soll getan werden, um die Lebensqualität dort zu verbessern. "Nun, zunächst haben wir schon jetzt neue Sitzgelegenheiten, kostenlosen Lesestoff und einen Bereich für spielende Kinder eingerichtet", sagt Mentrup. "Außerdem halten wir es für sehr sinnvoll, den Pflanzenwuchs zu fördern und wenn möglich den Asphalt zu entsiegeln", meint der OB weiterhin.

PK nördliche Karlstraße
Die Sitzbänke stehen jedem offen und die Bücher dürfen kostenlos gelesen werden - nur mitnehmen darf man sie nicht. | Bild: Lars Notararigo

Nicht umsonst sei die Umgebung des Prinz-Max-Palais ein Punkt an dem sich die Hitze mangels Absorptionsmöglichkeiten sammelt - ein wortwörtlicher "Hotspot", wie der OB es ausdrückt. "Wir könnten uns einiges mehr an Grün statt mehr Autoverkehr vorstellen", sagt Mentrup. Und vielleicht ließe sich die autofreie Strecke sogar ans Straßenbahnnetz anbinden.

Eine neue Haltestelle in der Karlstraße?

"An den Klimaschutz muss man bei derartigen Neuerungen immerhin auch denken. Und das nicht nur durch mehr Pflanzen. Ich könnte mir zum Beispiel sehr gut vorstellen, dass der Abschnitt auf lange Sicht eine oberirdische Haltestelle erhält, die sie mit dem Europaplatz verbindet", sagt Mentrup. Nicht zuletzt deshalb, da die oberirdischen Haltestellen bis 2025 beim Europaplatz abgebaut werden sollen.

PK nördliche Karlstraße
Wird das Palais in den nächsten Jahren eine Haltestelle? | Bild: Lars Notararigo

"Wo genau eine solche Haltestelle Platz hätte, müssen wir im Rahmen des Reallabors erst ausprobieren. Genauer gesagt planen wir, viele neue Ideen hier in der Karlstraße auf Tauglichkeit zu testen.

Zukunft der Karlstraße bleibt offen

Dabei werden wir nicht nur das Gebiet selbst, sondern auch die nähere Umgebung mit einbeziehen. Es nutzt schließlich nichts, wenn die Karlstraße zwar vom Autoverkehr unbehelligt bleibt, dafür aber in den umliegenden Straßen ein Verkehrschaos entsteh", so Mentrup.

Welche Ideen sich als für die Zukunft der Karlstraße als passend erweisen, müsse man also in den kommenden Sommermonaten sondieren.