Heute kaum mehr vorstellbar, aber tatsächlich wahr: Ein US-Amerikaner - die ja nicht zwangsläufig für ihre berühmten Fußball-Trainer bekannt sind - hatte dem 1894 gegründeten Phönix Karlsruhe das Spiel mit dem runden Leder beigebracht. Und das, obwohl Karl (Carl) Gustav Strube nicht einmal als Feldspieler, sondern als Torhüter aktiv war! 

Der Mann aus Portland, der nach feiner englischer Sitte die Anfangsbuchsstaben seiner zwei Vornamen auf der Visitenkarte angeführt hatte, also als "C. G. Strube" (manchmal auch Struve) in alten Chroniken auftauchte, war Mitglied im "International Football Club", beim Straßburger FC und später bei den "Karlsruher Kickers" gewesen. 

Der "erste KSC-Trainer" ist ein Phantom

Wer es nicht weiß: Der "International Football Club" (IFC) war von Fußball-Pionier Walther Bensemann 1889 in Karlsruhe gegründet worden und soll der erste süddeutsche Fußballverein überhaupt gewesen sein.

Die Star-Truppe der "Karlsruher Kickers", selbst ernannter "Meisterschaftsklub des Kontinents", im Jahr 1895: Gründer und ...
Die Star-Truppe der "Karlsruher Kickers", selbst ernannter "Meisterschaftsklub des Kontinents", im Jahr 1895: Gründer und Fußball-Pionier Walther Bensemann mit Ball - in der hinteren Reihe (2.v.r.) der "erste KSC-Trainer" Karl Gustav Strube. | Bild: Staisch

Über den "ersten KSC-Trainer" ist herzlich wenig bekannt und obwohl Strube auf dem berühmten Mannschaftsfoto der "Karlsruher Kickers" aus dem Jahr 1895 abgebildet ist, bleibt er doch ein Phantom. Überliefert ist aber, dass Strube bei den "Kickers", einer regionalen Auswahlmannschaft, die Positionen "2. Captain" und in Vertretung von Gründer Bensemann "1. Captain" inne gehabt hatte. 

Darüber hinaus hatte er beispielsweise bei Spielen am 16. Dezember 1893 sowie am 16. Juni 1894 nachweislich zwischen den (noch selten vorhandenen) Pfosten gestanden - die Presse hatte jedenfalls im schönen "Denglish" verkündet: "Goalkeeper Strube war gut!" Bensemann hatte zudem in einem Artikel bestätigt, dass Strube aus "Portland, Oregon" stammte.

Die "Lehre von der Kombination" macht in Karlsruhe die Runde

Aber was hatte Strube den jungen "Phönixlern" denn nun beigebracht? Bekannt ist ja, dass Ende des 19. Jahrhunderts vor allem englische Studenten und Geschäftsleute den Fußball in Deutschland eingeführt und den deutschen Kickern zuerst das Schießen und Dribbeln beigebracht hatten. So liegt nahe, dass der Amerikaner deutschen Ursprungs den Karlsruhern die "bisher unbekannte Lehre von der Kombination" vorgestellt hatte - das Zusammenspiel gilt als "dritter Schritt der Fußball-Kunst".

Vom Erzrivalen Karlsruher Fußballverein (KFV) ist jedenfalls überliefert, dass dort der Engländer Robert Cooper, ehemaliger Spielführer des "International Football Club", als "unbezahlter Traineur" tätig war und das Kombinieren importierte. Eines ist klar: Strube und Cooper konnten bei den späteren Deutschen Meistern von 1909 (Phönix) und 1910 (KFV) nur auf fußballerische Mission gehen, weil sich der IFC und die "Karlsruher Kickers" aufgelöst hatten.

Auch über Cooper ist wenig bekannt: Er könnte früher bei Middlesbrough und Grimsby Town in England aufgelaufen sein - und war in Deutschland allgemein als "Forward" (also Stürmer) und im Speziellen als "Halbrechter" zum Einsatz gekommen. Fix ist allerdings, dass er sich laut einer Generalversammlung des KFV im Oktober 1896 "vom officielen Spiel zurückziehen" musste, da er "leider keine Zeit" mehr hatte, "dem schönen Sport zu huldigen". Die Karlsruher hatten ihn danach flugs zum Ehrenmitglied ernannt.

"Raketenbälle" und hohe Schüsse sind Geschichte

Neben der Dribbelkunst - damals Hauptkriterium hoher Fußballklasse - hatten die Fußballer der ersten Stunde bevorzugt, hoch in Richtung Tor zu ballern. "Sämtliche Stürmer müssen sich einen sicheren, niederen Schuss angewöhnen", hatte noch 1907 der Berichterstatter der Süddeutschen Sportzeitung die schwarzblauen Angreifer beim Spiel Phönix gegen Frankonia Karlsruhe (5:2) ermahnt.

Und auch "Mondbälle" waren bei Spitzenklubs keine Seltenheit: So war Phönix-Läufer Firnrohr beim Spiel gegen Viktoria Mannheim (10:3) im Mai 1907 wegen seiner "Raketenbälle" kritisiert worden, "die er des öfteren steigen lässt".

"Lufttorpedo": Phönix-Kapitän Arthur Beier (l.) beim Kopfball, der vor dem Ersten Weltkrieg eine "exotische Spezialübung" darstellte.
Die Mannschaft von Phönix Karlsruhe im Jahr 1907 - Verteidiger Firnrohr (vorne 1.v.r.) war für seine "Raketenbälle" berüchtigt. | Bild: Staisch

Als der Kopfball nach Karlsruhe kam

Phönix-Kapitän Arthur Beier hatte sich dagegen bei einem Engländer eine "exotische Spezialübung" der damaligen Zeit abgeschaut und speziell trainiert: Den Kopfball! Kein Witz: Anders als im modernen Fußball war er zur Kaiserzeit noch eine Sensation. Kaum ein Sportler beherrschte ihn, da er lange als umstritten galt. Neben Technik war auch Mut gefragt, denn die harten Verschnürungen der ersten Bälle führten beim "Köpfler" oftmals zu Verletzungen.

Beier hatte sich von Frederic "Fred" Moorman, dem britischen Sturmführer der "Karlsruher Kickers", in die Kopfballkunst einweisen lassen - auch Beier war anfangs für die "Kickers" aufgelaufen, das erste Mal 1892 gegen Baden-Baden im zarten Alter von zwölf Jahren!

Phönix-Kapitän wird zum "menschlichen Lufttorpedo"

Besonders lebensnah beschreibt "Der-Kicker"-Experte Joseph Michler das Kopfballungeheuer Beier: "Was er leistete, würde heute mit der Marke 'menschlicher Lufttorpedo' belegt werden. Mochten sie den Arthur decken, wie sie wollten, nachdem ihnen ja seine Hauptstärke zu genüge bekannt war, half alles nichts: Plötzlich schoss ein Rotkopf in die Höhe, ein blauschwarz gekleideter Menschenkörper lag fast waagrecht in der Luft. Im nächsten Moment schon stieß die Stirnkante zu und im Netz rasselte es! Beier hatte eingeköpft!"

Die Mannschaft von Phönix Karlsruhe im Jahr 1907 - Verteidiger Firnrohr (vorne 1.v.r.) war für seine "Raketenbälle" berüchtigt.
"Lufttorpedo": Phönix-Kapitän Arthur Beier (l.) beim Kopfball, der vor dem Ersten Weltkrieg eine "exotische Spezialübung" darstellte. Das Foto entstand 1912 beim Spiel gegen den VfR Mannheim. Rechts ist Mannschaftskollege Ernst Karth zu sehen. | Bild: Staisch

Überliefert ist jedenfalls, dass Moorman ein wahrer Meister des Kopfballspieles gewesen sein muss: "Er hatte den Ball auf seinem Kopf adoptiert und ließ ihn nur zeitweise herunter", hatte Bensemann 1894 geschrieben. Moorman war generell ein Mann mit "Köpfchen": 1895 hatte er das erste praktische Handbuch über den deutschen Fußball herausgebracht, 1912 war er zum ersten Professor für englische Sprache an der Universität von Leeds ernannt worden. 

Er ertrank jedoch auf tragische Weise bereits 1919 bei einem Unfall im Familienurlaub. Sein Nachfolger an der Uni wurde übrigens J.R.R. Tolkien - Schöpfer von "Herr der Ringe".

Trotz Taktik kein regelmäßiger Torreigen

Mit dem Märchen, dass der Fußball in der "Steinzeit des Kickens" ohne jede Taktik ausgekommen war, kann also aufgeräumt werden. Fakt ist, dass das 2-3-5-System - auch "Pyramiden-System" und "Schottische Furche" genannt - um die Jahrhundertwende bei Phönix und dem KFV nachgewiesen werden kann. Das System war vom englischen Amateur-Team "Royal Engineers" (FA-Cup-Gewinner 1875) erfunden worden und dominierte zwischen etwa 1880 und Mitte der 1920er Jahre.

Allerdings waren trotz fünf nomineller Stürmer Torspektakel nicht an der Tagesordnung. Der Grund: Die von 1866 bis 1925 geltende Abseitsregel - drei (statt heute zwei) gegnerische Spieler mussten bei Ballabgabe der eigenen Torlinie näher sein - lud zu einer relativ bequemen Abseitsfalle ein, die viele Treffer verhindert hatte.

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