Von außen sieht die Bahn noch unscheinbar aus. Es ist ein Fahrzeug, wie es noch heute häufig auf den Schienen in und um Karlsruhe zu sehen ist. Doch bald soll es die Bahn in sich haben: Schon Anfang 2019 soll das Fahrzeug mit der Nummer 808 nämlich die erste Bahn sein, die autonom fahren kann. Derzeit laufen die Umbauarbeiten oder besser gesagt der Einbau der modernen Technik in die rund 30 Jahre alte Bahn.

Man habe bewusst ein ausgemustertes Fahrzeug genommen, so Ascan Egerer, technischer Geschäftsführer der AVG, im Gespräch mit ka-news: "Es ist für diesen Zweck von Vorteil, wenn wir dieses Fahrzeug nicht mehr im normalen Betrieb brauchen. So kann man da auch mal Löcher reinbohren für eine Kamera oder ähnliches."

Die Technik gibt es schon, jetzt der Einbau in die Bahn

Nicht nur zwischen dem Einbau der Technik und den ersten Versuchen liegt recht wenig Zeit: Erst Ende September haben der Technologiekonzern Thales Deutschland und die AVG eine Absichtserklärung unterzeichnet, in der man sich auf ein gemeinsames Projekt für eine autonome Stadtbahn verständigt. Man wolle mit dem Projekt nach der Entwicklung des TramTrains für das Karlsruher Modell erneut Pionierarbeit leisten, sagte Egerer damals.

Ascan Egerer, technischer Geschäftsführer bei den Verkehrsbetrieben Karlsruhe (VBK) und der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG)
Ascan Egerer, technischer Geschäftsführer bei den Verkehrsbetrieben Karlsruhe (VBK) und der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Die Pionierarbeit unterscheide sich im Groben in zwei Teile: Zum einen soll es möglich sein, eine Bahn ohne menschliches Steuern über ein Eisenbahngleis fahren zu lassen. Zum anderen soll die Fahrt möglichst unabhängig von einem Fahrdraht sein, mit einer Batterie also eine gewisse Strecke ohne Oberleitung überbrücken. 

Batterie-Lösung ist bislang noch nicht gefunden

"Wir haben jetzt mit dem ersten Teil angefangen, dem autonomen Fahren, und das war das, wo ich auch überrascht war, weil ich dachte, das dauert länger. Die Batterie-Technik ist ja eigentlich eher ein Standard und das haben wir ganz schnell mal eingebaut – die Realität ist aber genau anders herum", so Egerer. Doch nur für das autonome Fahren seien die Komponenten da, die nur noch eingebaut werden müssen. Vieles komme dabei aus dem Automobilbereich.

Auf den Außenflächen haben die Studierenden der Hochschule für Gestaltung viele Freiheiten: Die Zoo-Werbung kommt runter, gefordert sind ...
Auf den Außenflächen haben die Studierenden der Hochschule für Gestaltung viele Freiheiten: Die Zoo-Werbung kommt runter, gefordert sind nun innovative Vorschläge für die Hülle der autonomen Bahn. | Bild: ARTIS - Uli Deck

Bis zum Ende des Jahres soll die Bahn dann mit der Technik ausgestattet sein. Studierende der Staatlichen Hochschule für Gestaltung sollen in der Zeit dafür sorgen, dass auch das Äußere der Bahn "innovativ" ist, also die Bedeutung des Fahrzeugs unterstreicht. Und was passiert dann?

Erst Rheinhafen, dann vielleicht irgendwann Ettlingen

Zunächst soll die autonome AVG-Bahn nur auf dem Betriebshof beim Rheinhafen fahren. Die ersten Versuche dazu sollen noch Anfang des kommenden Jahres starten. "Je nachdem welche Ergebnisse diese Versuche liefern, entscheiden wir dann über das weiter Vorgehen", so Egerer in Interview mit ka-news. Das weitere Vorgehen könnte ein Ausweiten der Teststrecke sein: Denkbar wäre, dass die Bahn dann auf einer Stichstrecke, auf der kein anderer Zugverkehr stattfindet, autonom fahren darf.

Diese Bahn war bis vor Kurzem im "normalen" Bahnbetrieb unterwegs - bald soll sie mit fortschrittlicher Technik alleine fahren können.
Diese Bahn war bis vor Kurzem im "normalen" Bahnbetrieb unterwegs - bald soll sie mit fortschrittlicher Technik alleine fahren können. | Bild: ARTIS - Uli Deck

Solche Strecken sind auch langfristig das denkbare Einsatzgebiet von autonomen Bahnen. So sei es nicht das Ziel, dass irgendwann die Bahnen von alleine durch die Innenstadt fahren - vielmehr sollen Strecken abgedeckt werden, auf denen heute kein regelmäßiger Bahnverkehr stattfindet, weil es sich schlicht nicht rechnen würde. Aber im dauerhaften Betrieb wird man die autonome Test-Bahn wohl eher nicht sehen. Hierfür würden, wenn es soweit kommt, eher neue Fahrzeuge angeschafft werden.

Fährt sich die Bahn bald selbst in die Waschanlage?

Die alte Bahn sei eher als Versuchsträger zu sehen, entspreche grundsätzlich nicht mehr den Ansprüchen an einen zeitgemäßen Personenverkehr. Einen Hintergrund hat der Einbau in ein recht aktuelles Fahrzeug dann aber doch: Wie Ascan Egerer beschreibt, könnten die Bahnen möglicherweise abseits des Verkehrs mit Fahrgästen nicht nur im Kundentransport autonom fahren. Solche Technologien könnten beispielsweise auch im Betriebshof für Vorteile sorgen.

Bahn Führerkabine
In den Karlsruher Bahnen sitzen wohl noch einige Jahre Lokführer - nur vielleicht irgendwann im Betriebshof nicht mehr immer. | Bild: Eric Dewald

Derzeit entsteht in den Abendstunden, wenn die Bahnen abgestellt werden, immer wieder Staus im Betriebshof. Künftig könnten die Fahrer dort beispielsweise Feierabend machen, und die Bahn könnte alleine in die Werkstatt oder in die Waschanlage rollen, beschreibt Egerer. Insofern sei auch die Nachrüstung der bestehenden Bahnen von Interesse, auch wenn keine Vollautomatisierung angestrebt wird. Weiterer Vorteil der zusätzlichen Technik: Durch die zusätzlichen Sensoren und die Technik könnte die Sicherheit im Betrieb erhöht werden.

Nächste Bahn-Generation könnte schon von der Technik profitieren

Bahnfahrten auf Knopfdruck oder Bahnen, die von alleine zur Waschanlage rollen: Bis all dies Realität wird, wird es noch einige Zeit dauern. Für Ascan Egerer ist die Teilnahme an dem Projekt aber die Chance, das Thema voranzutreiben. Ganz pragmatisch: Man könne auf diese Art direkt die Entwicklung beeinflussen und später nicht nur als Abnehmer fungieren. Die nächste Generation von Bahnen, die wohl Ende der 2020er-Jahre in Auftrag gegeben werden kann, kann dann schon mit der heute zu erforschenden Technik bestellt werden.