Fragt man Susanne Filder nach den besonderen Momente der letzten 55 Jahre als Schaustellerin in Karlsruhe, so erzählt sie Anekdoten aus den Leben der Messbesucher: "Eine Frau im hohen Alter wollte trotz gesundheitlicher Probleme noch ein letztes Mal auf die Mess' kommen, wieso kann ich nicht sagen, aber ihr Mann hat ihr diesen Wunsch erfüllt."

Als die beiden sich bei mir eine Waffel holten, brach die Frau zusammen. Das war ein Erlebnis, welches die Schaustellerin nicht vergessen konnte: "Die kommenden Tage kam der Mann erneut alleine - er sagte sie sei nur wenige Zeit nach dem Zusammenbruch verstorben. Solche Momente nehmen einen natürlich dann sehr mit."
Zwischen Waffelduft und Liebesgeschichten
Aber auch fröhliche, unvergessliche Momente sind Susanne Filder im Gedächtnis geblieben – etwa, wenn sich zwei Menschen auf der Mess' verlieben: "Mit 15 habe ich am Schießstand meiner Tante angefangen zu arbeiten – und von da an wusste ich: Ich will nie etwas anderes machen. Mein Vater sagte damals zu mir: 'Du hattest schon immer ein Zigeunerherz.'" Und damit hatte er wohl recht behalten.

"Ich habe miterlebt, wie aus Paaren Familien wurden – wenn sie im nächsten Jahr nicht mehr zu zweit, sondern mit einem Kind zurückkamen. Viele meiner Kunden sind mit mir alt geworden. Heute besuchen sie mich mit ihren Enkeln." Und so lebe bis heute die Tradition der Mess' weiter.
"Bei uns kann sich wirklich jeder amüsieren – ganz gleich, wie viel Geld man zur Verfügung hat", betont Susanne Filder. "Auch ohne etwas auszugeben, kann man eine schöne Zeit haben – umgeben von Musik, bunten Lichtern und fröhlichen Menschen. Die Mess' ist ein Ort der Begegnung, an dem jeder willkommen ist."

Eine Waffel für die Ewigkeit
Auch Susanne Filder selbst hat auf der Mess' die Liebe gefunden – an einem Ort, der heute ihr ganzes Leben prägt. "Es war ursprünglich der Waffelstand meines Mannes, beziehungsweise der seines Vaters", erzählt sie. "Und genau das ist es, was das Schaustellerleben ausmacht: Tradition." Seit 125 Jahren gibt es Filders Waffeln – das Grundrezept wurde nie verändert. Die Toppings wechseln mit der Zeit, doch die Waffel bleibt die gleiche.

"Es ist die Liebe zum Stand, die uns Schausteller verbindet", sagt sie. "Wir sind immer unterwegs - das ist pure Freiheit. Ich könnte mir ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Wir leben in unserem Wohnwagen, und was wir mitnehmen, ist unser Laden – das ist unser Zuhause, unser Leben."
Schaustellerin mit Herz – aber Mutter zuerst
Trotz ihrer tiefen Verbundenheit zur Schaustellerei hat Susanne Filder ihren Kindern stets die Freiheit gelassen, ihren eigenen Weg zu wählen. "Meine Kinder sind ganz normal in Neureut zur Schule gegangen“, erzählt sie. "Wir hatten oft das Glück, dass unsere Termine mit den Ferien zusammenfielen. Und wenn sich doch einmal Tage überschnitten, sprang die Familie ein und half bei der Betreuung."
Zu Zeiten ihres Mannes sei das noch nicht selbstverständlich gewesen. "Mein Mann war mein wandelndes Lexikon – er war so klug. Er hätte die Schaustellerei gern hinter sich gelassen. Für mich stand deshalb fest: Meine Kinder sollen die Wahl haben." Und die haben sie genutzt. Der jüngere ihrer beiden Söhne hat sich bewusst gegen das Schaustellerleben entschieden. "Er ist ganz privat geworden", sagt sie schmunzelnd. "Er wollte nie Schausteller sein – und das ist auch in Ordnung."

Ganz anders ihr älterer Sohn: "Er ist mit seinen Läden deutschlandweit unterwegs. Er wird auch meinen Stand übernehmen, wenn ich in Rente gehe. Er kommt ganz nach mir: Er liebt, was er tut, und trägt die Freude am Beruf genauso im Herzen wie ich." Für Susanne Filder ist das der größte Lohn: "Meine Kinder sind mein größtes Geschenk. Sie sind mein persönliches Highlight der letzten 55 Jahre."
Allein weiter – Nach dem frühen Verlust des Partners
Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes im Alter von nur 47 Jahren übernahm Susanne Filder die Waffelbäckerei allein – und führte sie mit Herz und Hingabe weiter.
In die Rente geht es nun mit einem lachenden und einem weinenden Auge
"Die Liebe zu meinem Stand macht es mir schwer, in Rente zu gehen", gesteht Susanne Filder. "Meine Schwiegertochter, die die Waffelbäckerei übernehmen soll, kann es noch gar nicht fassen. Sie sagt immer: 'Du wirst auch in deiner Rente noch die Erste sein, die morgens im Laden steht.' Und sie wird damit wahrscheinlich oft recht haben.“

Trotz der starken Verbundenheit zum Schaustellerleben ist es für die 70-Jährige nun an der Zeit, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen: "Körperlich schaffe ich vieles nicht mehr, und der große Unterschied wird für mich sein: Ich kann im Laden stehen, aber ich muss nicht. Ich kann tun, was ich will – ohne Verpflichtungen. Das macht den Unterschied."
Dankbar und erfüllt – ohne To-do-Liste ins neue Kapitel
Susanne Filder hat keine Bucket List mehr zu erledigen: "Ich liebe mein Leben und bereue nichts. Ich werde mein Leben weiterhin genauso führen wie zuvor – nur mit weniger Verantwortung." Ihr Erfolgsgeheimnis ist einfach: Dankbarkeit. "Ich bin dankbar für das, was ich habe, und das macht mich glücklich."
Wie sehr sie das Leben als Schaustellerin erfüllt, hat Susanne Filder besonders während der Corona-Zeit erfahren. "Damals dachte ich, mein Leben sei vorbei", erinnert sie sich. "Nicht mehr reisen zu können, nicht mehr unter Menschen zu sein – das war für mich ein völliger Albtraum."

Doch auf der anderen Seite spürte sie, wie sehr sich die Stadt für die Schausteller einsetzte, wie die Menschen plötzlich für sie kämpften und ihnen etwas zurückgaben. Diese Erfahrung war für sie prägend. "Wir dürfen nicht aussterben", so ihre Überzeugung, "auch wenn die Zeiten hart sind."
Die Bürokratie macht es heutzutage den Schaustellern schwer
Was Schaustellern heute das Leben besonders schwer macht, ist laut Susanne Filder insbesondere die Bürokratie. Personal zu finden sei schwierig – viele potenzielle Mitarbeitende scheuen sich, sich für einen Zweitjob offiziell anzumelden, da sich die Arbeit aufgrund der steuerlichen Belastung am Ende kaum noch lohne.

Hinzu kommen komplizierte gesetzliche Auflagen: In jedem Bundesland gelten andere TÜV-Vorgaben, die sich zudem regelmäßig ändern. Auch der Transport der Verkaufsstände unterliegt je nach Region unterschiedlichen Regelungen – oft mit erheblichen Kosten verbunden. "Selbst wenn wir Zeit hätten, fahren wir nicht mehr spontan auf andere Feste", erklärt Filder. "Der Aufwand für Genehmigungen und Transport steht in keinem Verhältnis mehr."

Anspruchsvoll, aber fair – das heutige Publikum
Auch das Publikum habe sich im Laufe der Jahre verändert, stellt Susanne Filder fest. Die Besucher seien anspruchsvoller geworden, möchten genau wissen, was ihnen angeboten wird, und legen großen Wert auf Qualität. "Das finde ich aber gut", sagt sie. "Ich selbst achte auch darauf, was in meinem Essen drin ist, und schätze regionale Produkte." Dieser Trend sei auch bei anderen Schaustellerbetrieben deutlich spürbar – und letztlich überlebten die, die auf Qualität setzen.
