Die Pandemie ist in allen Gesellschaftsschichten ein Ausnahmezustand. Auch in jenen, die oft kaum Beachtung finden und manchmal sogar totgeschwiegen werden. Um Wohnungslose und Obdachlose in Karlsruhe kümmert sich unter anderem die Diakonie Karlsruhe. Doch inwieweit ist es überhaupt möglich, sozial benachteiligten Menschen im Einklang mit den Covid-Einschränkungen zu helfen?

"Wir sind flexibel und gut vorbereitet"

"Wir haben viel erlebt in den zwei Jahren der Corona-Zeit", sagt Anita Beneta, Leiterin der Abteilung für Migration, Integration und sozialer Arbeit der Karlsruher Diakonie. "Entsprechend sind wir flexibel und gut vorbereitet, auch in der zweiten Alarmstufe", meint die Sozialarbeiterin. Das betreffe auch nie "neuen" Aufgaben, die erst mit Beginn der Corona-Wellen relevant wurden. 

Anita Beneta, Leiterin der Abteilung für Migration, Integration und sozialer Arbeit der Karlsruher Diakonie
Bild: Andreas Friedrich

"Viele unserer Klienten haben psychische Erkrankungen", erklärt Beneta. "Alleine die psychischen Herausforderungen der Lockdowns hat an vielen Obdach- und Wohnungslosen gezehrt. Glücklicherweise hat Karlsruhe viele Sozialarbeiter, die unsere Klienten möglichst individuell betreuen." Besonders die Unterscheidung zwischen Obdach- und Wohnungslosen sei dabei nicht außer Acht zu lassen.

Obdach- und Wohnungslose?

"Wohnungslose besitzen keinen festen Wohnsitz, sondern leben in tendenziell staatlichen, sozialen Einrichtungen. Obdachlose hingegen haben überhaupt kein Dach überm Kopf", erklärt Beneta. So gesehen seien Obdachlose eine Unterkategorie beziehungsweise ein Extrem der Wohnungslosen. 

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"Beide Kategorie wollen wir durch die Pandemie bringen", so Beneta. "Und nicht nur durch die Pandemie, natürlich auch durch den Winter, der für unsere Klienten eine Gefahr darstellen kann." Die Corona-Verordnungen seien dabei auch bei guter Organisation keine allzu einfache Aufgabe.

"Manche Wohnungslose sind verantwortungsvoller als Menschen mit festem Wohnsitz"

"Zur Pandemiebekämpfung kooperieren wir eng mit der Stadt. Wir bieten medizinische Hilfe, Tests und sollte ein Klient infiziert sein, auch Räume zur Quarantäne an. In den regulären Wohn- und Aufenthaltsräumen achten wir auf die Abstands- und Maskenpflicht", sagt die Sozialarbeiterin. "Außerdem erklären wir den Klienten auch die neuen Verordnungen, falls sie Fragen haben. Und wir bieten ihnen die Möglichkeit zur Impfung." 

Geht es nach der EU-Kommission, soll schon bald niemand in der EU mehr auf der Straße schlafen müssen.
(Symbolbild). | Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Diese Impfangebote fänden sowohl in den Räumlichkeiten der Diakonie als auch auf der Straße statt. "Viele unserer Streetworker stehen innerhalb Karlsruhes in Kontakt mit einigen Obdachlosen und verabreichen auch ihnen eine Impfdosis, sofern sie sich bereiterklären", sagt Beneta weiterhin.

Und die Impfbereitschaft sei sehr groß. "Es gibt Wohnungslose, die sich in dieser Hinsicht verantwortungsvoller zeigen als Menschen mit festem Wohnsitz.  Entgegen ihrer häufigen Stigmatisierung."

"Wir haben die Aufgabe, ihre Menschenwürde zu wahren"

"Alleine das Wissen, dass es Orte gibt, an denen man ihnen mit der Corona-Situation hilft, ist eine enorme Entlastung für Wohnungs- und Obdachlose", erklärt die Leiterin für soziale Arbeit. "Und uns fällt als Träger der Wohnungslosenhilfe die Aufgabe zu, dabei ihre Menschenwürde zu wahren." Das gelte nicht nur für Pandemiebedingungen, sondern auch für die Winterkälte.

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"Karlsruhe ist in Sachen Erfrierungsschutz wirklich vorbildlich", erklärt Beneta. "Es gibt genügend Erfrierungsschutzräume, die getrennt für Männer und Frauen angelegt wurden. Grundsätzlich muss in Karlsruhe also niemand erfrieren. Wir haben in dieser Hinsicht auch eine gewisse Stammkundschaft." Dennoch komme es immer wieder zu Fällen, in der jemand auf den frostigen Fächerstraßen sein Ende findet. Warum?

"Man kann niemanden zwingen, sich helfen zu lassen"

Sowohl bei der Corona-Krise als auch innerhalb der kalten Monate müssten die entsprechenden Klienten der Diakonie ihre Hilfe auch annehmen. "Ob jemand ohne Wohnsitz in ein betreutes Wohnungsangebot zieht oder nicht ist letztlich seine Entscheidung", sagt Beneta. Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Impfen, zumindest vor Einführung der Pflicht.

Obdachlose liegen unter einer Eisenbahnunterführung.
Symbolbild). | Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa/Archivbild

"Ob sie nun einen festen Wohnsitz haben oder nicht, es sind erwachsene Menschen mit Selbstbestimmungsrecht und man kann sie nicht zwingen, sich helfen zu lassen", so die Sozialarbeiterin. "Man darf nicht vergessen, Obdachlose haben immer einen Grund, warum sie nicht in einen sozialen Wohnraum möchte, egal, wie stichhaltig man diesen Grund auch finden mag."

"Wir können diese Menschen nicht im Stich lassen"

Dennoch versuche die Diakonie auch denjenigen zu helfen, die die Erfrierungsschutzräume nicht von sich aus aufsuchen. "Unsere Streetworker gehen oft raus und durchsuchen die Straßen nach Obdachlosen. Sie stellen ihnen Schlafsäcke, Decken, Zelte oder sonstige Möglichkeiten zur Verfügung, sich vor der Kälte zu schützen." Wie viele Menschen dabei jede Hilfe ablehnen könne man aber kaum sagen.

(Symbolbild)
(Symbolbild) | Bild: pixabay

"Wir haben viel Kraft investiert, um das Virus mit zu bekämpfen, gerade jetzt im Winter. Und wir werden weiter machen. Wir sind stolz, dass viele wohnungs- und obdachlose Menschen in Karlsruhe in diesen Zeiten zu uns halten", sagt Beneta. "Und wir können sie nicht im Stich lassen."

 
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