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Karlsruhe Studienabbrüche in Karlsruhe: "Manche müssen Lernen lernen"

Viele Schüler haben nur einen Wunsch: Hoffentlich ist die Schule bald zu Ende und der Abschluss in der Tasche! Mit dem Studium soll dann alles besser werden. Endlich kann selbst bestimmt werden, was gelernt werden soll - das unabhängige Studentenleben verspricht Freiheit, Spaß und lange Nächte in der Uni-Bibliothek. Doch für viele Studenten folgt schnell die Ernüchterung: Besonders in den ersten Semestern werden Studierende zu Studienabbrechern, weiß Sabine Köster, Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle (PBS) des Studentenwerks Karlsruhe.

"Fast zwei Drittel aller Studienabbrüche passieren in den ersten zwei Semestern", erzählt die Diplom-Psychologin Köster im Gespräch mit ka-news. Die Studenten lernen eine neue Welt kennen, teilweise weit weg von Familie und Freunden und sie lernen neue Strukturen kennen. "Der Studieneinstieg ist nicht einfach", weiß Köster. "Viele stellen sich ihr Studium nach der Schule anders vor und sie merken schnell, dass sie sich getäuscht haben." So auch an den Karlsruher Hochschulen.

Studienabbrüche: Deutschland im Mittelfeld

Für zahlreiche Studenten folgt die Ernüchterung der Vorfreude auf den Fuß: Laut einer Studie des HIS Hochschul-Informations-System beendeten von 100 Studienanfängern im Wintersemester 2006/2007 28 ihr Studium nicht - also 28 Prozent brachen vorzeitig ab. Beim Studienbeginn 2004/2005 waren das drei Prozent weniger. Im Vergleich zu anderen OECD-Mitgliedern belege Deutschland laut dieser Studie einen unteren Mittelfeldplatz.

Während in Japan elf Prozent, in Dänemark 16 und in Frankreich 21 Prozent ihr Studium nicht beendeten, lagen die Werte in Schweden (46 Prozent) und Norwegen (37 Prozent) deutlich höher als in der Bundesrepublik. Eine Gesamtquote sei durch den sukzessiven Übergang zu den Bachelor- und Masterstudiengängen aber schwierig. Ein vergleichweise gutes Bild zeigt sich jedoch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT): 1.666 Studierende schlossen hier ihr Studium im Wintersemester 2011/2012 nicht ab. Das sind nach Angaben der größten Karlsruher Hochschule 7,39 Prozent der 22.552 Studierenden. Im Vergleich dazu waren es im Wintersemester 2006/2007 10,67 Prozent. Seit diesem Spitzenwert der letzten zehn Jahre hat sich die Abbruchquote am KIT zwischen sieben und acht Prozent eingependelt.

Gründe für Studienabbrüche sind vielschichtig

Doch insgesamt nehme der Druck durch die Umstellung auf die Bachelorstudiengänge kontinuierlich zu, so Köster gegenüber ka-news: "In den letzten zehn Jahren hat sich die Beratungsnachfrage in der PBS verdreifacht." Alleine im Jahr 2011 berieten Köster und die anderen Mitarbeiter der PBS 1.112 Karlsruher Studenten. "Die Studenten verspüren den Druck, dass alles sofort laufen muss und die Noten stimmen müssen, da sie alle zählen." Hinzu komme die Angst vor Prüfungen aber auch private Hintergründe - Druck, der sowohl von außen wie innen komme. "50 Prozent unserer Patienten sind sehr stark belastet durch Lern- und Leistungsdruck, haben Existenzängste oder sind depressiv. Bei den Erstsemestern ist es sogar so, dass sie noch depressiver und ängstlicher sind. Zudem fühlen sie sich oft isoliert", erklärt die Psychologin.

Die Gründe für einen Studienabbruch seien vielschichtig, eine genaue Analyse im Nachhinein oft problematisch - so auch die Erfassung der Studienabbrüche in einer genauen Zahl. "Viele wechseln auch einfach nur das Fach oder gehen in eine andere Richtung", so Köster. Für die kommenden Jahre erwartet sie keinen Einbruch bei der Beratungsnachfrage, auch 2012 werde ein vergleichbarer Wert wie im Jahr 2011 erreicht, ist sie sich sicher. Um den Studierenden zu helfen, liegt der Schwerpunkt in der PBS bei den Einzelgesprächen: "Wir müssen die Gespräche individuell gestalten, obwohl oft gleiche Symptome auftreten", sagt die Leiterin der kostenlosen Anlaufstelle des Studentenwerks. "Manche müssen Lernen lernen, andere belastet es sehr, dass sie in Karlsruhe noch keine Hobbys oder Freunde haben."

Studienabbruch vermeiden: KIT bietet Anlaufstellen für Studienbeginner

Um den Start in das Studium zu ebnen und zu erleichtern, initiierte die PBS Ende Oktober einen runden Tisch im Studentenwerk Karlsruhe. In vier Kurzvorträgen und einer Diskussionsrunde erörterten verschiedene Institutionen, was in Zukunft für Studienanfänger getan werden könnte. Köster will hier den Dialog zwischen Schulen und Hochschulen stärken, um die "Kluft zwischen Schule und Studium" zu überbrücken. Derzeit gebe es einen "riesen Dschungel" an Möglichkeiten, so Köster. Die Zentralisierung der Karlsruher Studienangebote in einem Infoportal sei ein möglicher Schritt. Hier sollten dann auch die Studenten mitgenommen werden, um deren Fragen zu berücksichtigen.

Auch das KIT bietet eine Anlaufstelle für die Fragen der Studenten - auch für Fragen vor dem Studium, erklärt das KIT auf Anfrage von ka-news. Das Servicezentrum für Information und Beratung (zib) biete Studienfachberatungen und organisiere Veranstaltungen, die Studieninteressierten bei der Orientierung der Studienwahl helfen sollen. Das zib stehe zudem bei Fragen zum Studienalltag bis hin zu psychologischer Beratung und Trainigs zur Verfügung. Zudem wird nach KIT-Angaben derzeit eine Arbeitsgruppe errichtet, die die Motivationen für Studienabbrüche erfassen soll. Ergebnisse liegen nach Hochschulangaben bisher nicht vor.

MINT-Kolleg des KIT

Für Studierende der Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Natuwissenschaft und Technik (MINT) gebe es zudem ein Sonderangebot, da die Studienangebote als besonders anspruchsvoll angesehen werden. Das MINT-Kolleg des KIT und der Universität Stuttgart biete deshalb Vorkurse, Präsenzunterricht, Online-Lernprogramme und Ringvorlesungen und erleichtere damit den Einstieg in das Fachstudium, so das KIT abschließend. 

Hier finden Interessierte weitere Informationen zur Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks, zum Servicezentrum für Information und Beratung und zum MINT-Kolleg.

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Kommentare (26)
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  •   chrisrut
    (423 Beiträge)

    13.11.2012 13:41 Uhr
    KIT- Rechnung
    Wenn pro Semester 7 % abbrechen sind das für mich bei durchschnittlich 6 Semestern aber mindestens 30% von denen die angefangen haben.
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  •   prinz-luitpold
    (353 Beiträge)

    13.11.2012 13:48 Uhr
    Falsch verstanden
    Im Semster 2011/2012 haben sich 7% der Gesamtstudierenden vorzeitig exmatrikuliert. Diese werden somit als Studienabbrecherquote geführt. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie 2 oder 42 Semester eingeschrieben waren. Alles andere wäre in der Beschreibung zu kompliziert und würde zu noch fragwürdigeren Beispielrechnungen als der deinen führen.
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  •   chrisrut
    (423 Beiträge)

    13.11.2012 18:01 Uhr
    naja
    Am Anfang stehen zahlen von 100 die 2006 angefangen haben 28 abgebrochen. Aber Das KIT bezieht die Quote auf die Gesamtzahl der Studenten. Wenn ich von 7 Semestern für den Bachelor ausgehe waren es also theoretisch ca.
    WS 06 100
    SS 07 93
    WS 07 87
    SS08 81
    WS 08 75
    SS 09 70
    WS 09 65
    SS 10 59
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  •   prinz-luitpold
    (353 Beiträge)

    13.11.2012 19:29 Uhr
    Texte erfassen und verstehen
    Die 28% beziehen sich auf alle Studierenden in Deutschland, die sieben % auf das KIT. Lies den Text noch mal gründlich.
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  •   chrisrut
    (423 Beiträge)

    13.11.2012 20:53 Uhr
    hab ich
    Im Artikel wird meines erachtens aber der Eindruck erweckt als hätte das KIT weniger Abbrecher als im Durchschnitt.
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  • unbekannt
    (195 Beiträge)

    13.11.2012 13:10 Uhr
    Weder dumm noch faul
    Ich hatte damals während des Studiums 3 volle Tage arbeiten müssen, um die Wohnung+Essen bezahlen zu können. Klar mit Geld von den Eltern wäre es einfacher gewesen, aber so lernt man die andere Seite des Studiums kennen.
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  • unbekannt
    (14337 Beiträge)

    13.11.2012 18:16 Uhr
    Wenns durch besondere Umstände
    wirklich nicht zu stemmen wäre, für was gibt es BAföG?
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    13.11.2012 11:07 Uhr
    Würde
    mich mal interessieren wie die Quote früher war, zumindest bei den Herren wär das interessant.
    Das Abi ist geschafft, man ist schön orientierungslos und fängt halt mal was an. Wie das läuft - keine Ahnung.

    Zu BW und Zivizeiten hatte man noch Zeit sich was zu überlegen.
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  •   kscgrufti
    (3709 Beiträge)

    13.11.2012 11:53 Uhr
    Die Quote war früher
    bestimmt net so hoch, da konnte man ja auch studieren, so lange man wollte bzw. so lange es finanzierbar war. Heut muss man ja in einer bestimmten Zeit fertig werden, sonst hat sichs von allein erledigt. Obwohl, da fällt mir ein, früher gabs in vielen Fächern keinen NC, da wurde dann über die Prüfungen selektiert (bis zu 80% Durchfallquote). Dadurch warens dann doch wieder mehr Abbrecher.
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    13.11.2012 13:25 Uhr
    Vordiplom
    musste nach dem sechsten Semester geschafft sein. Das war die einzige Einschränkung.
    Früher war das schon lockerer, aber die Arbeitswelt hat sich auch brutal verändert.
    Da bräuchtest du heute nicht mehr ankommen mit 20 Semestern auf dem Buckel und was wollen.
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