"Fast zwei Drittel aller Studienabbrüche passieren in den ersten zwei Semestern", erzählt die Diplom-Psychologin Köster im Gespräch mit ka-news. Die Studenten lernen eine neue Welt kennen, teilweise weit weg von Familie und Freunden und sie lernen neue Strukturen kennen. "Der Studieneinstieg ist nicht einfach", weiß Köster. "Viele stellen sich ihr Studium nach der Schule anders vor und sie merken schnell, dass sie sich getäuscht haben." So auch an den Karlsruher Hochschulen.
Studienabbrüche: Deutschland im Mittelfeld
Für zahlreiche Studenten folgt die Ernüchterung der Vorfreude auf den Fuß: Laut einer Studie des HIS Hochschul-Informations-System beendeten von 100 Studienanfängern im Wintersemester 2006/2007 28 ihr Studium nicht - also 28 Prozent brachen vorzeitig ab. Beim Studienbeginn 2004/2005 waren das drei Prozent weniger. Im Vergleich zu anderen OECD-Mitgliedern belege Deutschland laut dieser Studie einen unteren Mittelfeldplatz.
Während in Japan elf Prozent, in Dänemark 16 und in Frankreich 21 Prozent ihr Studium nicht beendeten, lagen die Werte in Schweden (46 Prozent) und Norwegen (37 Prozent) deutlich höher als in der Bundesrepublik. Eine Gesamtquote sei durch den sukzessiven Übergang zu den Bachelor- und Masterstudiengängen aber schwierig. Ein vergleichweise gutes Bild zeigt sich jedoch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT): 1.666 Studierende schlossen hier ihr Studium im Wintersemester 2011/2012 nicht ab. Das sind nach Angaben der größten Karlsruher Hochschule 7,39 Prozent der 22.552 Studierenden. Im Vergleich dazu waren es im Wintersemester 2006/2007 10,67 Prozent. Seit diesem Spitzenwert der letzten zehn Jahre hat sich die Abbruchquote am KIT zwischen sieben und acht Prozent eingependelt.
Gründe für Studienabbrüche sind vielschichtig
Doch insgesamt nehme der Druck durch die Umstellung auf die Bachelorstudiengänge kontinuierlich zu, so Köster gegenüber ka-news: "In den letzten zehn Jahren hat sich die Beratungsnachfrage in der PBS verdreifacht." Alleine im Jahr 2011 berieten Köster und die anderen Mitarbeiter der PBS 1.112 Karlsruher Studenten. "Die Studenten verspüren den Druck, dass alles sofort laufen muss und die Noten stimmen müssen, da sie alle zählen." Hinzu komme die Angst vor Prüfungen aber auch private Hintergründe - Druck, der sowohl von außen wie innen komme. "50 Prozent unserer Patienten sind sehr stark belastet durch Lern- und Leistungsdruck, haben Existenzängste oder sind depressiv. Bei den Erstsemestern ist es sogar so, dass sie noch depressiver und ängstlicher sind. Zudem fühlen sie sich oft isoliert", erklärt die Psychologin.
Die Gründe für einen Studienabbruch seien vielschichtig, eine genaue Analyse im Nachhinein oft problematisch - so auch die Erfassung der Studienabbrüche in einer genauen Zahl. "Viele wechseln auch einfach nur das Fach oder gehen in eine andere Richtung", so Köster. Für die kommenden Jahre erwartet sie keinen Einbruch bei der Beratungsnachfrage, auch 2012 werde ein vergleichbarer Wert wie im Jahr 2011 erreicht, ist sie sich sicher. Um den Studierenden zu helfen, liegt der Schwerpunkt in der PBS bei den Einzelgesprächen: "Wir müssen die Gespräche individuell gestalten, obwohl oft gleiche Symptome auftreten", sagt die Leiterin der kostenlosen Anlaufstelle des Studentenwerks. "Manche müssen Lernen lernen, andere belastet es sehr, dass sie in Karlsruhe noch keine Hobbys oder Freunde haben."
Studienabbruch vermeiden: KIT bietet Anlaufstellen für Studienbeginner
Um den Start in das Studium zu ebnen und zu erleichtern, initiierte die PBS Ende Oktober einen runden Tisch im Studentenwerk Karlsruhe. In vier Kurzvorträgen und einer Diskussionsrunde erörterten verschiedene Institutionen, was in Zukunft für Studienanfänger getan werden könnte. Köster will hier den Dialog zwischen Schulen und Hochschulen stärken, um die "Kluft zwischen Schule und Studium" zu überbrücken. Derzeit gebe es einen "riesen Dschungel" an Möglichkeiten, so Köster. Die Zentralisierung der Karlsruher Studienangebote in einem Infoportal sei ein möglicher Schritt. Hier sollten dann auch die Studenten mitgenommen werden, um deren Fragen zu berücksichtigen.
Auch das KIT bietet eine Anlaufstelle für die Fragen der Studenten - auch für Fragen vor dem Studium, erklärt das KIT auf Anfrage von ka-news. Das Servicezentrum für Information und Beratung (zib) biete Studienfachberatungen und organisiere Veranstaltungen, die Studieninteressierten bei der Orientierung der Studienwahl helfen sollen. Das zib stehe zudem bei Fragen zum Studienalltag bis hin zu psychologischer Beratung und Trainigs zur Verfügung. Zudem wird nach KIT-Angaben derzeit eine Arbeitsgruppe errichtet, die die Motivationen für Studienabbrüche erfassen soll. Ergebnisse liegen nach Hochschulangaben bisher nicht vor.
MINT-Kolleg des KIT
Für Studierende der Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Natuwissenschaft und Technik (MINT) gebe es zudem ein Sonderangebot, da die Studienangebote als besonders anspruchsvoll angesehen werden. Das MINT-Kolleg des KIT und der Universität Stuttgart biete deshalb Vorkurse, Präsenzunterricht, Online-Lernprogramme und Ringvorlesungen und erleichtere damit den Einstieg in das Fachstudium, so das KIT abschließend.
Hier finden Interessierte weitere Informationen zur Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks, zum Servicezentrum für Information und Beratung und zum MINT-Kolleg.