Dämmriges Licht, Graffiti an den Wänden und eine Menschenschlange im Corona-Abstand vor einigen aufgestellten Tischen: Was klingt wie der Eingang  zu einem Nachtclub, ist in Wahrheit eine Gabenstelle für Bedürftige - aufgestellt in einer Unterführung in der Nähe des Kühlen Krugs in Karlsruhe. 

Gabenstelle Unterführung
Bild: Thomas Riedel

Hier können sozial benachteiligte Menschen jeden Donnerstag von Tisch zu Tisch gehen, sich etwas aussuchen und mitnehmen - wie in einer Kantine. Die Helfer sammeln die Waren in gelben Boxen, reichen sie weiter und überreichen sie am letzten Tisch dann an ihre "Kundschaft". Anschließend wird die Box desinfiziert und kehrt an den Start zurück.

Gabenstelle Unterführung
Bild: Thomas Riedel

Bis zu 40 Menschen werden hier an einem Abend bedient. Doch nach der Ausgabe der gespendeten Lebensmittel ist noch nicht Schluss, für einige Helfer geht es dann mobil weiter, denn: Die Essenausgabe ist auch der Treffpunkt für "Latsche" und sein "Kältebus-Team".

Bedürftige suchen Hilfe nicht im Internet

Angefangen hat für ihn alles im letzten Jahr, pünktlich zum ersten Lockdown im März. "Ich habe gewusst, wenn jetzt die Tafeln zumachen, dann müssen wir was unternehmen", erklärt "Latsche", der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, im Gespräch mit ka-news.de. Danach habe er sich bei einer Nachbarschaftshilfe auf Facebook angemeldet und Flyer an die Türen der Tafeln und Supermärkte gehängt.

"Es gab viel Angebote, aber keine Nachfrage, weil die Leute, die Hilfe brauchen, meist nicht im Internet unterwegs sind", erklärt Latsche. "Ein paar Stunden später ging es schon los." Die Organisation der "Aufträge", die per Telefon ihren Weg zu Latsche fanden, wurde dann über die Facebook-Gruppe abgewickelt.

Gabenstelle Unterführung
Latsche hat das Projekt "Kältebus Light" auf die Beine gestellt. | Bild: Thomas Riedel

Ein Helfer brachte die Bestellungen dann schließlich zu der jeweiligen Person.  Schon kurze Zeit später fuhren Latsche und sein Team zum Beispiel Frühstückpakete für die Bahnhofsmission aus. So entstand im Frühjahr ein Fahrdienst, der das Prinzip des zukünftigen Kältebusses bereits verinnerlichte. "In den Hochzeiten haben wir an einem Tag bis zu 100 Essensportionen an Bedürftige ausgegeben", erzählt er.

DRK förder Kältebus-Ersatz

Nachdem der Lockdown aufgehoben wurde und die Hilfsorganisationen ihren Dienst wieder aufnehmen konnten, wendet sich Latsche anderen Aufgaben zu, vermittelt unter anderem Helfer an soziale Projekte in Karlsruhe. Doch er merkt schnell: Hilfe wird nicht nur kurzfristig gebraucht, sondern das ganze Jahr über.

"Wenn ich versuche was zu machen, dann möglichst auch was Langwieriges - und diese langwierigen Projekte entstehen meistens durch Netzwerke", sagt Latsche. So sei dann letztendlich auch die Gruppe "Von Mensch zu Mensch" entstanden, die seit November vergangenen Jahres auch den "Kältebus" fährt - und das, wenn möglich, täglich.

Gabenstelle Unterführung
ka-news.de Volontärin Verena im Gespräch mit Latsche von der Gruppe "von Mensch zu Mensch" | Bild: Thomas Riedel

Der Grund: Aufgrund des verschärften Lockdowns kann der reguläre Kältebus des DRK, der seit Januar 2019 in Karlsruhe unterwegs ist, seine Arbeit aktuell nicht mehr ausführen. Latsche erkannte: Eine Alternative muss her - der "Kältebus light", wie er das Projekt nennt. Doch anders als der Name es vermuten lässt, ist der alternative Kältebus kein Bus, sondern eine "Fahrgemeinschaft", bestehend aus mehreren Privatfahrzeugen der Helfer. Die Waren, die meist von größeren Läden, Vereinen oder Gruppen gespendet werden, finden in den Kofferräumen Platz. 

Latsche hält auch hier die nötigen Kontakte und baut das Netzwerk rund um die Fahrer weiter aus, erklärt er im Gespräch mit ka-news.de. Auch das DRK sei über seine "Vertretung" informiert und fördere den Kältebus zum Beispiel mit gespendeten Waren oder Aushilfskräften.

Schlafsäcke sind besonders begehrt

Gestartet wird meistens am Bahnhof, von dort aus fahren Melanie und Raphaela, zwei Helfer aus Latsches 20 Mann starken Teams, die weiteren Stationen an. Wie viele Menschen dort auf den "Kältebus" warten, sei unterschiedlich.

Helferin Melanie
Melanie fährt Lebensmittel, Klamotten und Co. an Obdachlose aus | Bild: Verena Müller-Witt

"Am Bahnhof haben wir immer etwa zwei bis drei Leute, hin und wieder kommen dann noch welche dazu", erklärt Melanie gegenüber ka-news.de. "Danach fahren wir eine Runde über den Friedrichsplatz, die Kaiserstraße durch zur Hirschstraße, zur Stephanskirche und zum Europaplatz."

Spenden
Bild: Verena Müller-Witt

Dort werden dann die Spenden an die Bedürftigen verteilt, die diese dankbar annehmen. Von Schlafsäcken über Kleidung, bis hin zu individuellen Sonderwünschen - alles haben die Helfer im Gepäck. Im Winter seien die warmen Schlafsäcke besonders begehrt - zirka 40 Stück seien inzwischen herausgegeben worden.

Es braucht Wärme, Präsenz und Kommunikation

"Wir haben im November viel ausgegeben, aber sobald das Wetter anzieht, suchen sich die meisten Obdachlosen eine Unterkunft. Einige bleiben allerdings draußen, weil sie mit den Regeln nicht klarkommen", erklärt Latsche im Gespräch mit ka-news.de.

Kältebus-Ersatz
Der "Kältebus" ist kein Bus, sondern besteht aus den Privatfahrzeuge der Helfer. | Bild: Verena Müller-Witt

"Deshalb fahren wir fast jeden Tag raus, sind präsent und kommunizieren mit den Obdachlosen." Ihm gehe es dabei hauptsächlich um den "warmen Gedanken - egal, ob der als warme Suppe, warme Klamotten oder als warmer Schlafsack daherkommt. Denn wenn wir rausgehen, gibt das vielen Menschen eine  Tagesstruktur - und hält sie noch ein bisschen über Wasser."

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