Bis 2028/29 soll in der Kriegs- und Ettlinger Straße in Karlsruhe ein komplexes Wohn- und Verwaltungsareal entstehen, das unter anderem auch das neue Landratsamt beheimaten soll. Hierfür wurden die ehemaligen Gebäude abgerissen, was laut "Architects for Future" alles andere als umweltfreundlich ist. Wir sprachen mit der Bewegung, die auf weitere Missstände in Karlsruhe aufmerksam macht.
Während die Bewegung "Fridays for Future" mittlerweile den meisten Menschen bekannt ist, dürften viele von "Architects for Future" bisher noch nichts gehört haben. Wer seid ihr und was ist euer Ziel?
Als "Architects for Future" stehen wir solidarisch zur "Fridays for Future"-Bewegung und setzen uns für die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens ein. Die Bauwirtschaft ist unter anderem für über 40 Prozent der Emissionen, den größten Ressourcenverbrauch und einen enormen Flächenverbrauch verantwortlich.
Das ist erschreckend, macht aber auch deutlich, wie viel in der Baubranche für die Erhaltung lebensfreundlicher Umgebung getan werden kann. "Architects for Future" wurden gegründet, um diesen enormen Einfluss der Baubranche aufzuzeigen, sodass alle Beteiligten endlich Verantwortung übernehmen.
Aktuell liest man von euch häufig den Hashtag "#ichbinnochgut". Hiermit sind aber sicherlich keine Lebensmittel gemeint. Was steckt dahinter?
Falls du den Satz #ichbinnochgut vor einem Gebäude gesichtet hast, ist dieses bereits durch Abriss oder Verfall gefährdet. Wir möchten darauf aufmerksam machen und plädieren dafür, Abriss kritisch zu hinterfragen!

Wie schädlich ist der Abriss von bestehenden Gebäuden denn für die Umwelt?
Das ist leicht vorstellbar, wenn man sich überlegt: Was würde ich auf einer einsamen Insel tun? Wenn dort eine Hütte steht, würde ich sie abreißen und mit neuen Materialien eine neue bauen? Dass der Aufwand und Ressourcenverbrauch größer ist als bei einer Reparatur bzw. Wiederverwendung der Materialien, kann man sich leicht vorstellen. Das verschenkte Einsparpotential ist also enorm.

Je nach Bauweise entstehen Durchschnittlich bis zu 50 Prozent der Gebäudeemissionen bereits beim Bau eines Gebäudes und 60 bis 70 Prozent der grauen Energie, also der unsichtbaren Energie, die bereits bei der Herstellung und beim Transport und beim Einbau der Materialien entstanden sind, befinden sich in der Tragstruktur eines Gebäudes.
Heute ist das Bauwesen noch ein lineares System – vom Abbau der Ressource über ihren Einbau in Form von Materialien und Bauteilen im Gebäude bis zur Deponierung. Wie soll diese Linearität auf einem endlichen Planeten Bestand haben?
Und weshalb wird sich dann immer häufiger dazu entschieden, alte Gebäude abzureißen und neue zu bauen?
Leider ist das aktuell häufig die kostengünstigere Variante. Der Planungsaufwand beim Umbauen, Sanieren, Aufstocken, Anbauen, kurz beim Umgang mit dem Bestand, ist meistens viel höher, als einfach auf der grünen Wiese neue Gebäude auf wertvollen Flächen zu errichten. Bauen im Bestand muss einfacher und damit rentabler werden!
Wie nehmt ihr die Situation diesbezüglich in Karlsruhe wahr? Gibt es hier konkrete Zahlen, an denen man sich orientieren kann? Und wo finden sich dort Gebäude, die noch "gut" sind?
Man könnte sich fragen, ob Karlsruhe zur Abrissstadt Nr. 1 wird. Eine fragwürdige Ehre… Wir beziehen unsere Informationen hauptsächlich aus der Lokalpresse und tragen diese in unserem Netzwerk zusammen. In der "Stadtzeitung" vom 10. Februar 2023 wird eine Zahl von 30 Gebäuden auf dem Stadtgebiet genannt, die für den Abbruch freigegeben sind. Auf Anfrage der Partei "Die Linken" teilte dies die Stadtverwaltung mit.
Einige Gebäude konnten wir ausfindig machen und haben diese im Rahmen einer bundesweiten Aktion von "Architects for Future" markiert, um darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig es ist, Abriss kritisch zu hinterfragen. Zu den Gebäuden, die bereits abgerissen sind oder abgerissen werden sollen, zählen das Landratsamt, das ehemalige Postgiroamt und der Stephanssaal.

Das sind zum Großteil Gebäude, deren Substanz noch gut weiter nutzbar wäre. Oft entstehen ähnliche Nutzungen an derselben Stelle, oft steckt auch reine Grundstücksspekulation dahinter. Hier braucht es ein Umdenken, diese unachtsame Verschwendung von Grauer Energie, grauen Emissionen und Ressourcen können wir uns in Zeiten der Klimakrise und Ressourcenknappheit schlichtweg nicht mehr leisten.
Lasst uns auf ein konkretes Thema zu sprechen kommen: Den Neubau des Karlsruher Landratsamtes. Wie ist eure Position hierzu? Was würdet ihr vielleicht anders machen?
Wenn das Landratsamt-Hochhaus weiter genutzt statt abgebrochen wird, ob als Büro- oder als Wohngebäude, dann muss für dieses Volumen an Büros oder Wohnungen keine neue Tragstruktur aus Stahlbeton und Stahl errichtet werden. Dies erspart eine Emission von geschätzt 13.000 Tonnen CO2. Das entspricht einem Verbrauch von 60 Mio. kWh Gas, dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 2.500 Einfamilienhäusern.
Ferner muss der Stahlbeton und Stahl nicht energieaufwändig abgebrochen, abgefahren und recycelt werden. Dass eine Um- bzw. Nachnutzung des Hochhauses möglich ist, hatten bereits mehrere Untersuchungen ergeben. Dass das Hochhaus abgerissen werden muss, weil es schadstoffhaltig ist, ist kein Argument. Erstens ist es in Betrieb, das heißt die Schadstoffe sind gebunden und nicht in die Luft freigesetzt, denn sonst könnte es nicht betrieben werden.

Zweitens müssen die Gebäudeschadstoffe, egal ob Abriss oder Umnutzung, fachgerecht, separat und unter Auflagen des Arbeitsschutzes ausgebaut und entsorgt werden. Was an Gebäudeschadstoffen nicht ausgebaut werden kann, muss – wie bereits im jetzigen Betrieb – luftdicht abgekapselt bleiben bzw. werden.
Das heißt, zu einem bestimmten Zeitpunkt der Sanierung, wenn die Schadstoffe vor dem potentiellen Abriss entfernt worden sind, gibt es einen schadstofffreien Rohbau, der ohne Risiko weiter genutzt werden könnte.
Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, wieviel Energie und Emissionen da schon drin stecken. Die dürfen nicht länger verschwendet werden. Wir können nicht mehr so weiterbauen, als gäbe es kein Morgen.
Es wird damit geworben, aufgrund der "grünen Areale" nachhaltige Maßnahmen zu tätigen. Aber wie nachhaltig ist dieses Bauvorhaben denn tatsächlich?
Sicher wurden bei Entwurf und Planung verschiedene Aspekte zur Nachhaltigkeit berücksichtigt. Der Punkt ist jedoch: Kaum ein Gebäude schafft es, im Laufe seines Lebenszyklus die verbrauchten Ressourcen und die bei der Errichtung entstandenen Emissionen durch Einsparungen in der Nutzung wieder auszugleichen. Zudem wird in die Rechnung noch nicht einbezogen, was an Grauer Energie und Ressourcen bereits im Altbau steckt.
Wenn man also fragt: Ist ein Gebäude nachhaltig? Muss man sich immer fragen: Gibt es eine Alternative zum Neubau? Denn, wir betonen es noch einmal: Je nach Bauweise entstehen durchschnittlich bis zu 50 Prozent der Gebäudeemissionen bereits beim Bau eines Gebäudes. Eine Weiternutzung des Bestandes ist wesentlich nachhaltiger, darum müssen wir deutlich sagen: der Neubau ist es nicht!
Und gibt es noch andere Projekte in Karlsruhe, an denen ihr euch stört?
Wir stören uns vor allem auch am geplanten Abriss des ehemaligen Postgiroamtes. Die Stadt fordert vom Investor ein Gutachten, welches eine Sanierung mit Umbau einem Neubau, unter Berücksichtigung ökologischer und wirtschaftlicher Aspekte, gegenüberstellt. Es ist zu befürchten, dass die ökologischen Aspekte – wie beim Landratsamt – nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Ein weiteres Beispiel ist das ehemalige Gründerzentrum "P90" in Durlach, das von der Sparkasse gekauft wurde und vermutlich abgerissen wird, um dort einen Neubau zu errichten. An beiden Standorten könnte mit innovativen Sanierungskonzepten ein Zeichen gesetzt werden.
Führt ihr denn bereits aktiv Gespräche mit der Karlsruher Verwaltung dazu? Und mit wem seid ihr noch in Kontakt bzw. wie macht ihr auf eure Anliegen aufmerksam?
"Architects for Future Karlsruhe" sind dem Klimabündnis beigetreten. Hier schließen sich verschiedene Gruppen zusammen, um beispielsweise offene Briefe an die Politik zu richten, Mahnwachen zu veranstalten oder Aktionen gemeinsam zu planen. Mit dem Klimabündnis, in dem das Thema "Bauen und Sanieren“ durch eine Arbeitsgruppe bearbeitet wird, nehmen wir zu aktuellen Planungen in Karlsruhe Stellung. Wir würden uns über einen Austausch mit Politik und Verwaltung freuen.
Zum Tag der Umwelt vor wenigen Wochen hattet ihr auch eine großangekündigte Aktion. Was habt ihr hier konkret gemacht – und welche Erfolge konntet ihr verzeichnen?
In Karlsruhe haben wir im Rahmen einer bundesweiten Aktion eine Liste mit abrissgefährdeten Gebäuden im Raum Karlsruhe erstellt und an ausgewählten Gebäuden durch eine Sprühmarkierung Aufmerksamkeit generiert. Ziel war es, den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt vor Augen zu führen, wie viele Gebäude vom Abriss betroffen sind und das Bewusstsein für die Graue Energie, die in Gebäuden verbaut ist, zu stärken. Deutschlandweit haben sich daran zirka 30 Ortsgruppen beteiligt. Es gab viel Medienecho und natürlich viel positives Feedback auf den Sozialen Medien.

Es ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen, was die Aktion nun in Karlsruhe konkret bewirkt hat. Wir versuchen in jedem Fall seit unserer Ortsgruppengründung Ende 2020 regelmäßig mit verschiedenen öffentlichen Aktionen wie dieser, Medienbeiträgen, Ausstellungen und Veranstaltungen Sichtbarkeit für unsere Anliegen in der Karlsruher Bevölkerung zu schaffen. Die Resonanz ist sehr gut und wir freuen uns auf weitere Aktionen!