Es ist ein ungeheuerlicher Vorwurf: Vor dem Landgericht Karlsruhe müssen ein 53-Jähriger und seine Lebensgefährtin wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und Beihilfe hierzu verantworten.

Dem Paar wird vorgeworfen, zwischen 2011 und 2013 ein zwei- bis vierjähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Dessen mutmaßlichen Peiniger waren keine Unbekannten: So sei die Mitangeklagte nach Angaben der Staatsanwaltschaft die leibliche Tante des Mädchens - dennoch soll sie das Kind nicht vor weiteren Übergriffen geschützt haben. 

Sieben Fälle von sexuellem Missbrauch im Landkreis Karlsruhe

Es sind Prozesse wie diese, die die Frage aufwerfen: Wie häufig kommt es in der Fächerstadt zu sexueller Gewalt gegenüber Kindern? "Im Landkreis Karlsruhe gab es im vergangen Jahr 289 Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls", erklärt eine Sprecherin des Jugendamtes Karlsruhe auf Anfrage von ka-news.

Das Fazit: In insgesamt 97 Fällen hätte man eine Gefährdung des Kindeswohls - in 43 Fällen akut, in 54 latent - feststellen können. In sieben Fällen ging es dabei um sexuelle Gewalt. "Das zeigt, dass der Anteil an Fällen des sexuellen Missbrauchs, die so bei uns bekannt werden, einen geringen Anteil ausmacht", folgert die Jugendamtssprecherin. Viel häufiger komme es zu körperlicher oder psychischer Gewalt.

90 Prozent der Täter kommen aus dem näheren Umfeld

Und dennoch: "Es muss jedoch von einer nicht zu unterschätzenden Dunkelziffer ausgegangen werden", so die Sprecherin weiter. Wie viel Prozent der tatsächlichen Missbrauchsfälle überhaupt gemeldet werden, sei nur schwer einzuschätzen. Der Grund: "Kinder verschweigen solche Übergriffe oft aus Scham, weil sie sich schuldig fühlen, der Täter sie bedroht oder sie denken, dass ihnen sowieso keiner glauben wird", erklärt die Sprecherin. Das ist auch nicht verwunderlich, kommen die Täter nach Einschätzung des Jugendamtes doch aus dem näheren sozialen Umfeld.

Die bestätigt man auch bei der Beratungsstelle "Wildwasser& Frauennotruf": "Studien belegen, dass etwa 90 bis 95 Prozent der Täter im Umfeld des Kindes zu suchen sind", meint eine Mitarbeiterin im Gespräch mit ka-news, "und auch uns wird eher selten von Übergriffen von Fremden berichtet." Oftmals würden die Täter im Vorfeld eine Bindung zu ihrem Opfer herstellen, Zutraulichkeit mit Geschenken oder ähnlichem herstellen. "Wenn es zu einem Übergriff kommt, werden die Kinder dann häufig zur Verschwiegenheit ermahnt", erzählt die Wildwasser-Mitarbeitern. Gleichzeitig sei eine Einschätzung meist schwierig, da das Kind sich nicht eindeutig äußern könne. "Wir beobachten zudem den Trend, dass sich Opfer oder Eltern immer häufiger gegen eine Anzeige entscheiden", schildert sie, "viele Opfer haben das Bedürfnis, dass die Belästigung aufhört, wollen aber aus den unterschiedlichsten Gründen keine Bestrafung des Täters."  

Die Folgen eines sexuellen Missbrauchs können für die Opfer fatal sein: Die Liste umfasst nach Angaben des Jugendamtes unter anderem Depressionen, Bindungsstörungen, Drogenmissbrauch, selbstzerstörerisches Verhalten, Angstzustände, soziale Isolation, Schlaf- und Essstörungen, Haut- und Magenerkrankungen aber auch Prostitution. Der Grat der Ausprägung sei dabei von Fall zu Fall unterschiedlich. 

Hinweiszeichen können auf Missbrauch hindeuten

Gibt es Anzeichen, die auf sexuellen Missbrauch hindeuten? "Mögliche Hinweiszeichen sind natürlich offensichtliche Verletzungen im Genitalbereich, die von einem Kinderarzt beurteilt werden können", erklärt die Sprecherin des Jugendamtes, "häufig sind es aber eher unspezifische Verhaltensauffälligkeiten." Mögliche Alarmzeichen seien: 

  • Auffallende Ängstlichkeit
  • Rückzug in sich selbst
  • Auffällige, plötzliche Verhaltensänderungen
  • Aggressives oder unterwürfiges Verhalten
  • Ess- und Schlafstörungen
  • Offensichtliches Meiden, mit einer bestimmten Person allein zu sein
  • Sexualbetontes Verhalten wie etwa altersunangemessenes sexuelles Spielen
  • Körperliche Auffälligkeiten, zum Beispiel Verletzungen
  • Häufiges Kranksein

Aber Vorsicht: "All diese Symptome können auf einen Missbrauch hindeuten, müssen es aber nicht notwendigerweise", ermahnt die Expertin. So sieht das auch die Wildwasser-Mitarbeiterin: "Auffälliges Verhalten muss nicht zwangsläufig mit sexueller Gewalt einhergehen", betont diese, "einen festen Katalog mit Symptomen, die zweifelsfrei auf Missbrauch hindeuten, gibt es nicht - jeder muss sein Kind hier sehr genau beobachten." So gebe es durchaus auch Fälle, in denen sich das Kind auch gar nichts anmerken lasse. 

Wenn man dennoch einen Verdacht hegt, kann man sich Karlsruhe an die Beratungsstelle Wildwasser, andere Beratungsstellen, das Jugendamt oder die Polizei wenden, so das Jugendamt. Bei einem begründeten Verdacht folgen dann Gespräche mit dem Kind, dessen näheren Umfeld, Ärzten und ein Hausbesuch des Jugendamtes. Dieses greift dann unter Umständen ein: "Bei Bedarf wird das Kind zu seinem Schutz von uns in Obhut genommen und das Familiengericht eingeschaltet", schildert die Jugendamtssprecherin. 

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