"Ich erinnere mich noch ganz genau an unsere erste Begegnung", erzählt Susanne Euler, Oberärztin der Medizinischen Klinik III im Städtischen Klinikum Karlsruhe. "Ich habe in unseren langen Flur geschaut, und da saß er auf einmal. Mitten im Flur war ein Golden Retriever." 

Besuchshund Hannes.
Besuchshund Hannes. | Bild: Jeremy Gob

Dieser ungewohnte Anblick gehört seit Juli zum Alltag auf der Palliativstation des Städtischen Klinikums Karlsruhe. "Alle zwei Wochen ist Hannes für zweieinhalb Stunden im Dienst", erklärt seine Halterin und Palliativ-Krankenschwester Katja Rull - doch bis dahin war es ein weiter Weg. 

Ein Hund kommt auf die Station

"Als Frau Rull mit ihrer Idee ankam, ihren Hund auf der Station einzusetzen, waren wir sofort begeistert", sagt die Oberärztin. "Meine Familie und ich erleben tagtäglich, was der Umgang mit einem Hund für Menschen bedeutet“, erklärt Rull. "Das wollte ich gerne auch unseren Patientinnen und Patienten ermöglichen.“

Dr. Susanne Euler, Oberärztin der Medizinischen Klinik III.
Dr. Susanne Euler, Oberärztin der Medizinischen Klinik III. | Bild: Jeremy Gob

Nach positiver Resonanz aus dem Team, sei der Vorschlag bis zur Geschäftsführung hochgereicht und schlussendlich genehmigt worden - wenn auch nicht finanziert. Die Kosten übernahm schlussendlich der Verein blut.eV.

Durch Spenden finanziert

"Bei Finanzierungsfragen ist das Klinikum sehr wirtschaftlich eingestellt. Emotionale Angebote setzen sich daher nur schwer durch", erklärt Euler. Daher sei man auf die Hilfe des Fördervereins und Spendengeber angewiesen. Seit 2005 ist der Verein blut.eV über den Förderkreis mit der Palliativstation verbandelt.

Katharina Ottinger, blut. eV
Katharina Ottinger, blut. eV | Bild: Jeremy Gob

"Als wird von diesem tollen Projekt hörten, wollten wir unsere Unterstützung anbieten", sagt Katharina Ottinger, vom Verein blut.eV. Die Vereinsspenden bezahlen Hannes Tierarztrechnungen, entlohnen seine Einsätze im Klinikum und  haben seine bisherige Ausbildung finanziert - schließlich kann nicht jeder beliebige Hund im Klinikum arbeiten.

Vom Familienmitglied zum Besuchshund

"Ursprünglich wollte ich eigentlich nur einen Familienhund - für die Kinder", gesteht Rull. Mit einer befreundeten Hundetrainerin habe sie sich daher intensiv beraten und gemeinsam einen jungen Welpen ausgewählt. "Ich brauchte die Unterstützung, schließlich kannte ich mich kaum mit Hunden aus", sagt die Palliativ-Krankenschwester. Am wichtigsten war von Anfang an: "Eine gute Bindung zwischen Mensch und Tier."

Katja Rull, Palliativ-Krankenschwester.
Katja Rull, Palliativ-Krankenschwester. | Bild: Jeremy Gob

Damit aus einem geeigneten Familienhund jedoch ein Besuchshund für die Klinik wird, war eine spezielle Ausbildung nötig. "Im Ausbildungszentrum 'HandinPfote' hat Hannes alles Nötige für den Klinikalltag gelernt", sagt Rull. Impulskontrolle, Abbruchsignale und vorsichtiges Annähern seien dabei zentrale Ausbildungsinhalte gewesen. "Am Wichtigsten ist jedoch, dass sich Hannes auch Pausen gönnt - und klare Grenzen setzt", erklärt Rull. Ohne sein Einverständnis geschieht also nichts.

Pause muss sein

"Wenn es ihm zu viel wird, dann merkt man das direkt. Hannes sucht sich dann einen stillen Platz und legt sich gemütlich hin", meint seine Halterin - Hannes mache keine Überstunden. Das habe er bereits ausgiebig mit der Familie geübt. "Wenn sich Hannes mitten im Fußballspiel ausklinkt und hinlegt, dann müssen das die Kinder respektieren - auch wenn es schwer ist", sagt Rull.

Besuchshund Hannes.
Besuchshund Hannes macht eine kleine Pause im Schatten. | Bild: Jeremy Gob

Auf der Palliativstation hat Hannes bereits einen angestammten Rückzugsort. "In unserem Wohnzimmer und dem Multifunktionsraum des Psychologen kann er sich jederzeit eine Auszeit nehmen", erklärt Oberärztin Euler. Von dort aus begleite dann Katja Rull seine Patientenbesuche, welche kaum einer Ankündigung bedürfen.

Doktor Hannes zur Visite

"Sobald 'Hannes' gerufen wird, ragen schon die Köpfe aus den Zimmern", berichtet Euler. Meistens komme man der großen Nachfrage nach dem Golden Retriever kaum nach. Wer das Glück hat, die persönliche Visite von Doktor Hannes zu genießen, bekommt schließlich einiges geboten.

"Allein die Nähe zu Hannes tut den Patienten gut", sagt die Oberärztin. Der Golden Retriever genieße die Zeit ebenfalls, schließlich warten bei seinen Besuchen einige Leckerlies und Streicheleinheiten. Viel Interaktion sei allerdings nicht immer möglich, meint Euler - den Patienten fehle dafür die Kraft.

Besuchshund Hannes.
Besuchshund Hannes. | Bild: Jeremy Gob

Das ist für Doktor Hannes kein Problem. "Bei bettlägerigen  Patienten bekommt Hannes ein separates Bett - so kann man sich gegenseitig beschnuppern", erklärt Rull. Der haarige Zimmergenosse könne so ausgiebig bestaunt, gekrault und gefüttert werden. Das sei Vielen bereits genug.

Auf dem Weg zur Arbeit - als Hund

Doch nicht jeder ist den flauschigen Vierbeinern zugeneigt. "Damit es nicht zu unerwünschten Begegnungen kommt, haben wir klare Vorgaben - an die wir uns halten", sagt die Oberärztin. Hannes habe beispielsweise einen eigenen Arbeitsweg, einen Hygieneplan und ein geregeltes Prozedere, bis der Kontakt zu Patienten hergestellt würde.

Auf dem Gelände des Städtischen Klinikums Karlsruhe sind Hunde nicht erlaubt.
Auf dem Gelände des Städtischen Klinikums Karlsruhe sind Hunde nicht erlaubt - eigentlich.... | Bild: Jeremy Gob

"Mit ausdrücklicher Erlaubnis kommt Hannes dann zu Besuch", erklärt Katja Rull - und das nur mit ihrer Anwesenheit. So lernt er in einer kontrollierten Umgebung: "Die Frau ist nett, das Bett ist keine Gefahr und zur Belohnung gibt es Leckerlies." Diese alltäglichen Dinge mussten beide erst lernen. "Auch die unterschiedlichen Gerüche, wie Desinfektionsmittel und Urinbeutel waren für Hannes erstmal neu", sagt Rull.

Eine Begegnung der besonderen Art

Nach einer ruhigen Eingewöhnungsphase konnte der Golden Retriever mit seiner Arbeit beginnen. "Wer Hunde und Tiere liebt, für den ist Hannes eine wunderschöne Begegnung", meint die Palliativ-Krankenschwester. Die eigenen Tiere sind auf der Station nämlich nicht erlaubt - wie im gesamten Städtischen Klinikum. "Erst im Hospiz ist der Besuch der eigenen Vierbeiner wieder möglich, hier geht es leider nicht", erklärt Rull.

Besuchshund Hannes.
Besuchshund Hannes bekommt eine kleine Belohnung. | Bild: Jeremy Gob

Eine Begegnung ist Katja Rull besonders im Gedächtnis geblieben, sie erinnert sich noch genau: "Eine Patientin mit Hirntumor - kaum ansprechbar - wurde von ihrem Ehemann besucht. Hinzu kam Hannes und machte es sich auf dem Bett bequem", dann sei das Unfassbare geschehen. "Auf einmal legt die Frau ihre Hand auf sein Fell und öffnet ihre Augen. Ihrem Gatten und mir kamen sofort die Tränen", erzählt die Palliativ-Krankenschwester sichtlich gerührt.

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"Bisher hat Hannes wirklich tolle Arbeit geleistet und er ist sowohl den Patienten als auch dem Team, sichtlich ans Herz gewachsen", meint Oberärztin Euler. Ausweiten wolle man das Angebot allerdings erstmal nicht. "Mehr als alle zwei Wochen werden wir nicht vor Ort sein", bestätigt Halterin Rull. So werden weder Patienten, noch Hannes überfordert - und es bleibt genug Zeit zum Herumtrollen mit der Familie.