"Das Thema der aus Afghanistan Flüchtenden ist für viele - auch für uns - sehr emotional", sagt Franziska Buresch von der Hilfsorganisation Seebrücke Karlsruhe im Gespräch mit ka-news.de. Unter ihrer Mitorganisation fand sich am Freitag, 20. August, eine Demonstration unter dem Titel "Luftbrücke" auf dem Marktplatz zusammen.

Franziska Buresch, Mitorganisatorin der Demonstration "Landbrücke" zur schnellen Evakuierung afghanischer Staatsbürger.
Franziska Buresch, Mitorganisatorin der Demonstration "Landbrücke" zur schnellen Evakuierung afghanischer Staatsbürger. | Bild: Seebrücke

Mehr als 300 Teilnehmer - deutsch und afghanisch- pochten zu dieser Demo auf eine schnelle Evakuierung der Menschen, die von den Taliban gefährdet seien. Dabei wurde zur Bereitschaft aufgerufen, eine große Zahl von Geflüchteten in Europa, Deutschland und Karlsruhe aufzunehmen.

"Frei nach dem Motto: Lasst sie bloß nicht nach Europa"

"Viele Politiker sprechen sich dafür aus, keine Flüchtlinge nach Europa aufzunehmen,  sondern die Gegebenheiten im Herkunftsgebiet zu verbessern. Aber das meint normalerweise Folgendes: Man unterstützt die Staaten um Afghanistan herum finanziell, damit sie Auffanglager einrichten", sagt Buresch.

Seebrücke Demo "Luftbrücke"
Eine afghanischstämmige Familie demonstriert für die Aufnahme der Gefährdeten. | Bild: Thomas Riedel

"Die Masse der flüchtenden Menschen soll dabei durch die umliegenden Länder abgebremst werden. Frei nach dem Motto: Lasst sie bloß nicht nach Europa. Und das, obwohl viele der 'Ortskräfte' nur deshalb von den Taliban verfolgt werden, weil sie mit Europa zusammengearbeitet haben." Für solche Mitarbeiter, sei es eine immense bürokratische Hürde überhaupt aus Kabul ausgeflogen, geschweige denn in Europa eingelassen zu werden. 

"Erst Evakuierung, dann Bürokratie"

Nicht wenige Ortskräfte haben während der Kampfhandlungen ihre Ausweispapiere verloren und seien daher nicht zur Ausreise registriert worden. "An manchen Tagen wurden genau sieben afghanischstämmige Mitarbeiter von deutschen Einsatzkräften evakuiert. 65.000 Bierdosen winkte die Bürokratie allerdings problemlos durch", so Buresch.

Seebrücke Demo "Luftbrücke"
Sowohl deutsche, als auch afghanischstämmige Karlsruher demonstrierten für die Evakuierung der Ortskräfte. | Bild: Thomas Riedel

"Wir fordern daher eine schnelle und konsequente Evakuierung und Aufnahme möglichst vieler Ortskräfte per Luftbrücke. Falls sie keine Papiere haben, sollen sie bis auf Weiteres ein 'Visa on arrival', also ein Fluchtvisum bekommen", so Buresch. "Ein Antrag der Grünen auf ein solches Verfahren wurde bereits von CDU, CSU und SPD abgelehnt."

Seebrücke Demo "Luftbrücke"
Während der Demo sei die Luftbrücke ein wichtiges Anliegen gewesen. | Bild: Thomas Riedel

Was nach der Evakuierung geschehe, könne man im Nachhinein immer noch bürokratisch erfassen und entscheiden. Doch das Kernanliegen sei dabei: "Erst Evakuierung, dann Bürokratie." Ebenso solle die Bürokratie an anderen Stellen angepasst werden - besonders beim Thema Abschiebung.

"Die Abschiebung nach Afghanistan wird noch immer unterstützt"

"Baden-Württemberg ist nach Bayern das Bundesland, das die Massenabschiebungen nach Afghanistan am stärksten unterstützt", wie Buresch erklärt. "Und das obwohl die Abschiebung nach Afghanistan mittlerweile vom Innenministerium ausgesetzt wurde." 

Seebrücke Demo "Luftbrücke"
Bild: Thomas Riedel

Dies sei weniger als eine Woche zuvor vom Innenminister Seehofer selbst zu verhindern versucht worden: "Am 5. August hat Horst Seehofer ein Dokument an die Europäische Kommission unterschrieben, das darauf plädiert, sich die Abschiebung nach Afghanistan offen zu halten. 'Die Abschiebung auszusetzen schafft für die Menschen dort nur einen Anreiz, nach Europa zu kommen', heißt es zum Beispiel darin", sagt Buresch.

"Wir führen diese Menschen der Todesstrafe zu"

Von fünf weiteren Staatsvertretern verschiedener europäischer Länder sei das Dokument mitunterzeichnet worden. "Angeblich soll Afghanistan als Land sicher genug sein um eine Abschiebung zu rechtfertigen. Allerdings hat der Global Peace Index Afghanistan zum zweiten Mal in Folge als unsicherstes Land der Welt eingestuft", so die Aktivistin. Besonders für nicht heterosexuelle Menschen berge es immense Gefahren.

Seebrücke Demo "Luftbrücke"
Bild: Thomas Riedel

"Wenn Deutschland Menschen in dieses Land zurückschickt, einen Staat, in dem die Todesstrafe vorherrscht, führen wir als Nation einige Menschen der Todesstrafe zu", so Bureschs Einschätzung. "Und das obwohl wir sie hier in Deutschland so vehement ablehnen."

"Wir sind entsetzt über die Scheinheiligkeit"

Viele Vertreter der Politik, die nun öffentlich ihr Mitgefühl gegenüber den Opfern der Taliban verkündeten, seien laut Bureschs Ansicht dafür verantwortlich, dass in der Vergangenheit immer wieder afghanische Flüchtlinge in die Gefahrenzone zurückgeschickt wurden. "Wir sind entsetzt über diese Scheinheiligkeit", so ihre Worte.

Seebrücke Demo "Luftbrücke"
Bild: Thomas Riedel

Eine solche "Scheinheiligkeit" höre nicht an dieser Stelle auf: "Der Krieg in Afghanistan sollte auch geführt werden, damit Frauen und Mädchen zur Schule gehen können. Aber von denjenigen, die als Flüchtlinge in Karlsruhe leben, darf niemand die Regelschule besuchen. Es gibt höchstens Feldschulen ohne regulären Lehrplan."

"Flucht muss entkriminalisiert werden"

Dieser Umstand trage auch dazu bei, dass die Integration der Geflüchteten erschwert werde und sich verschiedene soziale Feindbilder halten konnten. "Das ist unsere dritte Forderung. Wir wollen Flucht entkriminalisieren. Flüchtenden wird noch immer von vielen Seiten vorgeworfen, eigentlich nur auf die Sozialleistungen Deutschlands aus zu sein und deshalb hierher zu kommen", so Buresch,

Seebrücke Demo "Luftbrücke"
Bild: Thomas Riedel

"Ihnen wird vorgeworfen, nach Europa und nicht in die unmittelbaren Nachbarländer geflohen sind. Die Gründe, warum sie ihre Heimat verlassen und nicht in den oft instabilen Nachbarländern geblieben sind, werden dabei verharmlost oder in den Hintergrund gerückt", wie die Demonstrantin erklärt.

Seebrücke Demo "Luftbrücke"
Bild: Thomas Riedel

"Auf diese Weise wird ihre bloße Anwesenheit kriminell konnotiert. Ein Umstand, der von einigen politischen Strömungen bewusst so gewollt ist. Und das wollen wir ändern." Zu diesem Zweck setze die Demo auch auf Austausch und Kommunikation. Einige afghanischstämmige Redner seien daher zu Wort gekommen.

"Wir haben 20 Jahre für unsere Grundrechte gekämpft"

Ein Karlsruher afghanischer Herkunft habe sich daher entschlossen, spontan vor auf dem Marktplatz eine Ansprache zu halten. Dabei kritisiert er vor allem den mangelnden Einsatz zur Evakuierung: "35 Millionen Menschen fürchten in Afghanistan um ihr Leben", so seine Worte. "Die Fluchtwege abzusperren sind keine gute Lösung."

Video: Seebrücke Karlsruhe

Zwar räume er ein, dass Deutschland "nicht alle 35 Millionen aufnehmen kann", doch zumindest könne man die Situation absichern. "Wir haben 20 Jahre für unsere Grundrechte gekämpft", spricht er vor dem Publikum. "Und wir wollen jetzt nicht wieder zurück."

Die gesamte Bilderserie zur Seebrücke-Demo "Luftbrücke":

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