Alle zwei Jahre führt das Tiefbauamt eine Prüfung des baulichen Zustands durch, um die Standsicherheit des Landgrabens zu gewähren. Bei der letzten Prüfung am Donnerstag durfte ka-news dabei sein. Wir stiegen an der Kreuzung der Sophienstraße/Yorkstraße ein und liefen unterirdisch bis zum Lameyplatz in Mühlburg.

Regelmäßige Sicherheitsprüfungen im Landgraben

Wolfgang Kappler ist Leiter des Kanalbetriebs im Tiefbauamt und führt das Vermessungsteam durch den überwölbten Kanal, der eine durchschnittliche Größe von 5,40 auf 4,60 Meter hat. Das Gewölbe wurde in mehreren Abschnitten unter verschiedenen Bauherren errichtet, weshalb es unterschiedliche Höhen und Breiten aufweist.

Landgraben Karlsruhe
Der Landgraben in Karlsruhe in Richtung Mühlburg. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Bei der Korrektion haben sie eine dichte Sohle aus Beton und Ziegeln gebaut und alles wasserdicht gemacht“, erklärt Wolfgang Kappler. “Das hat bis jetzt alles sehr gut gehalten“.

Bei der Prüfung wird beispielsweise untersucht, ob Steine im Gewölbe fehlen oder ob Risse entstanden sind. Mit Hilfe von Messgeräten lässt sich auch sofort überprüfen, ob sich irgendwo giftige Gase oder Dämpfe bilden. Man sieht Straßenschilder an der Wand, die sich an den Stellen befinden, an denen Seitenstraßen auf der Oberfläche liegen. Diese werden nach Bedarf erneuert, denn einige sind bereits mit Kalk-Kristallen bedeckt.

Landgraben Karlsruhe
Landgraben Karlsruhe, Sicht nach Mühlburg. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

In der Regel fährt einmal im Jahr ein Reinigungsapparat durch, um das links des Kanals liegende Bankett zu reinigen und mögliche Ablagerungen auf der Wasseroberfläche zu entfernen. Der Geruch im Landgraben ist nicht unbedingt angenehm, aber auch nicht ganz so stark, wie man befürchten könnte. Und Ratten haben wir keine gesehen. “Es gibt hier fast gar keine Ratten“, versichert Wolfgang Kappler.

Kleiner Wasserfall in Richtung Karlsruhe Mühlburg

An manchen Stellen hängen Spinnweben von der Decke und schaffen eine gespenstische Atmosphäre. Zusammen mit dem Team kann man den Graben als ein Wunderwerk betrachten, aber wenn man alleine in der Dunkelheit unterwegs wäre, hätte er sicherlich einen ganz anderen Charakter. Auch Regenwasser fließt in den Kanal, was bedeutet, dass der Wasserpegel bei starkem Regen auch ansteigen kann. Im Kanal fließt immer Mischwasser, erklärt Wolfgang Kappler – Abwasser und Regenwasser zusammen.

Landgraben Karlsruhe
Der Landgraben in Karlsruhe Nähe Lameyplatz | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Wir laufen mehr als einen Kilometer in Richtung Mühlburg – das Wasser fließt immer schneller neben uns her, da es am Lameyplatz abwärts fließt. Hier entsteht ein kleiner Wasserfall. Der weiterführende, leere Tunnel nach dem Wasserfall führt zur Alb und kann bei Überfluss das überströmende Wasser aufnehmen. Danach biegt der Wasserstrom nach rechts ab und fließt zum Klärwerk in Neureut, wo in verschiedenen Prozessen die gröbsten Inhaltsstoffe entfernt werden.

Vom Fischteich bis zur Kanalisation

Eigentlich entstand der Landgraben ursprünglich im 11. Jahrhundert. Damals wurde das Kloster Gottesaue gebaut und auf dem Grundstück wurden Fischteiche angelegt. “Dazu wurde auch ein flacher Graben bis zur Alb angelegt, um die Fischteiche zu versorgen“, sagt Wolfgang Kappler. Im Jahr 1588 ordnete der Markgraf Ernst Friedrich von Baden-Durlach den Ausbau des Grabens an. Dieser sollte die Kinzig-Murg-Rinne zwischen dem neuen Schloss Gottesaue und Durlach zur Alb in Mühlburg entwässern.

Landgraben Karlsruhe
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

1768 wurde der Landgraben durch den Steinkanal bis zur Pfinz erweitert, um das Hochwasser aufnehmen zu können – und diente gleichzeitig als Transportweg für Baustoffe in Karlsruhe. Zuerst war alles offen und ab 1794 durften die Bürger Abwasser aus Küche und Bad in den Landgraben leiten, aber keine Fäkalien. In diesem Jahr bekam ein Müller in Mühlburg die Genehmigung, eine Mühle am Landgraben zu bauen. Dafür musste der Graben aufgestaut werden und dies führte dazu, dass er verschlammte und stark roch.

Profile der städtischen Abzugskanäle in Paris und Karlsruhe.
Profile der städtischen Abzugskanäle in Paris und Karlsruhe. | Bild: Stadtarchiv, vom Nachlass Carl Bregenzer

1815 wurde damit angefangen, den Landgraben zu überwölben. Viele Bürger erwarteten, dass die Stadt die Kosten übernehmen würde, doch die Eigentümer der angrenzenden Grundstücke mussten diese Kosten selber tragen – dafür bekamen sie aber auch das Eigentumsrecht an den neuen Flächen. Die Überdachungsmaßnahmen dauerten bis 1905.

Im Jahr 1877 bekam Stadtbaumeister Hermann Schück den Auftrag, eine Kanalisation für die Fächerstadt zu entwickeln. Zu diesem Zweck wollte Schück den Landgraben ausbauen und vertiefen. Aber zuerst musste die Mühle zurückgekauft werden, um den Mühlenstau zu beseitigen. Die sogenannte Korrektion des Landgrabens dauerte von 1883 bis Ende 1884.

Sanierung des historischen Wasserlaufs "Landgraben" unter der Stadt, 1968.
Sanierung des historischen Wasserlaufs "Landgraben" unter der Stadt, 1968. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe, 8/BA Schlesiger 1968 A 16/12/3/34

Nach Abschluss der Arbeiten hatte der Landgraben einen Querschnitt von 17 Quadratmeter – nur die Kanalisation in Paris hatte damals einen größeren Sammelkanal. Mit der modernen Kanalisation verbesserten sich die hygienischen Verhältnisse in der Fächerstadt erheblich und Seuchen und Krankheiten traten seltener auf.

Kahnfahrt mit Großherzog Friedrich I

Am 2. Januar 1885 machte Großherzog Friedrich I bei der Besichtigung des Bauwerks eine unterirdische Kahnfahrt. Die zweitgrößte Kanalisationsanlage in Europa hat eine Länge von 5000 Metern, von denen 3.000 überwölbt sind, schreibt Karlsruhes Zeitung “Der Landbote“ im Januar 1885. Die Gesamtkosten belaufen auf rund eine Million Mark.

Der Kahn fährt von der Oststadt durch Karlsruhe unter dem Markplatz hindurch bis zur Gasanstalt in der Weststadt, berichtet Der Landbote. Die überwölbte Strecke ist durch Gas erleuchtet und überall am Gewölbe stehen die Namen der Straßen, die man passiert. “Karlsruhe besitzt jetzt eine Wasserader, deren gesundheitliche Bedeutung nicht hoch genug angeschlagen werden kann“, schreibt die Zeitung.

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Tote im Landgraben entdeckt

Ganz ungefährlich war der Landgraben im 19. Jahrhundert nicht. Im September 1817 wird ein junges Kind im Graben gefunden, das “wahrscheinlich absichtlich in den Landgraben geworfen und verborgen worden ist“, wie das Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt berichtet. Auch im März 1846 wird bei Mühlburg eine unbekannte Leiche entdeckt, die schon seit mehreren Wochen im Wasser liegt.

Im Oktober 1885, bereits nach der Korrektion, fällt ein junger Mann in Knielingen bei seiner Prüfung durch und erschießt sich mit einem Revolver auf der Knielinger Gemarkung. Er hat sich am Landgraben aufgestellt, damit er anschließend ins Wasser fällt, wo er dann aufgefunden wird.

Verlauf des Landgrabens

Von Durlach kommend verläuft der Landgraben entlang der Durlacher Allee, dann entlang der Kapellenstraße und wechselt in der Höhe der Waldhornstraße auf die Nordwestseite. Danach läuft er weiter nördlich bis zum Marktplatz, unter dem Rathaus und weiter unter Bankhof und Herrenhof. Dann verläuft der Graben unter dem Ludwigsplatz und wieder unter Gebäuden bis zum Leopoldplatz. Ab hier läuft er unter der Sophienstraße, dann macht er einen Schlenker und verläuft bis Mühlburg.

Landgraben Karlsruhe
Beim Lameyplatz gibt es einen kleinen Wasserfall. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Unterirdisch am Lameyplatz angekommen, können wir den kleinen Wasserfall beobachten. Hier biegt der Kanal in Richtung Klärwerk ab und führt weiterhin geradeaus in die Alb. Wolfgang Kappler zeigt den Tunnel, der weiterhin zur Alb führt. Wir steigen die steile Treppe hoch und verlassen die unheimliche, aber wundervolle Welt unter der Stadt.

 
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