"Mit der Flagge auf dem Schloss wollen sich die Badener gerne zu ihrer Herkunft bekennen", sagt Stadtarchiv-Historiker Volker Steck im Gespräch mit ka-news. Der Flaggenstreit zeigt: Viele Karlsruhe lieben ihre badische Fahne und sind stolz auf die badische Geschichte. Es ist eine Frage von Identität: Fahnen symbolisieren die Zugehörigkeit zu einer Gruppe beziehungsweise zu einer Nation.

Was war passiert? Am 21. Juni hat das Staatsministerium die rote Fahne verboten, die bis November im Rahmen einer Ausstellung auf dem Karlsruher Schloss wehen sollte. Denn auf Landesgebäuden sind nur Landes-, Bundes- oder Europaflaggen erlaubt: Das bedeutet auch das Ende für die Baden-Flagge, die zuvor jahrelang auf dem Karlsruher Schloss wehte. Verordnung ist Verordnung. Am Dienstag hieß es dann Aufatmen für die badische Seele: Ministerpräsident Winfried Kretschmann genehmigt die Baden-Flagge auf dem Schloss - zumindest bis November.

Woher kommt der Drang, die badische Flagge zu bewahren, obwohl wir jetzt in Baden-Württemberg leben? 

Soweit so gut. Aber woher kommt der Wunsch, die badische Flagge zu bewahren, obwohl wir jetzt in Baden-Württemberg leben? Warum konnten sich die Badener nicht mit der baden-württembergischen Fahne auf dem Schloss anfreunden - was verbindet die Karlsruher mit ihrer gelb-rot-gelben Fahne? Ist es Heimatliebe, Rebellion oder spielen noch ganz andere Faktoren eine Rolle? Um diese Fragen zu beantworten, hat ka-news einen Ausflug in die Stadtgeschichte gemacht und mit einem Historiker über die Flaggen-Liebe gesprochen.

1715 Gründung, 1771 Zusammenschluss zur Markgrafenschaft

Fangen wir von vorne an: Im Heiligen Römischen Reich war das heutige badische Gebiet grundsätzlich in zwei Markgrafschaften geteilt: Baden-Baden und Baden-Durlach, die beide von unterschiedlichen Religionen und politischen Führungen geprägt waren. Karl Wilhelm, Markgraf von Baden-Durlach, errichtete 1715 das Schloss in Karlsruhe als seine Residenz. Karlsruhe war geboren.

1771 wurden Baden-Baden und Baden-Durlach zu einer Markgrafschaft, deren Hauptstadt Karlsruhe war. Über die Flagge ist bis dato wenig bekannt: Fest steht aber, dass sich schon seit dem Mittelalter Spuren von rot-gelben Wappen in der Region finden. 

Im 18.Jahrhundert wurde nur selten eine Flagge auf dem Schlossturm gehisst.
Im 18. Jahrhundert wurde nur selten eine Flagge auf dem Schlossturm gehisst. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 476/19a

1806: Baden wird zum Großherzogtum

1806 wurde das heutige Gebiet Badens zum Großherzogtum. Nun stellte sich die Frage, welche Flagge gehisst werden sollte, da bisher keine Verordnung das Aussehen festgelegt hatte. Man orientierte sich vermutlich am Wappen des Großherzogs: Das war gelb mit einem diagonalen roten Streife, getragen von zwei Greifen. 

Die Farben gelb und rot standen für das Großherzogtum also fest, aber über die Anordnung der Streifen waren sich einzelnen Städte nicht einig, sodass verschiedene Varianten genutzt wurden. Auf dem Karlsruher Schloss wehte eine Fahne mit nur zwei Längsstreifen: rot und gelb. Sie wurde immer dann gehisst, wenn Feierlichkeiten anstanden oder der Herr des Schlosses zuhause war. In Konstanz wiederum wehte eine Flagge mit fünf horizontalen gelben und roten Streifen. Auf dem Mannheimer Schloss wehten hingegen schon 1845 gelb-rot-gelb Streifen. 

1891: Baden wird gelb-rot-gelb

1886 beantrage die badische Verwaltung die Einführung einer gemeinsamen Flaggenordnung. Erst 1891, also 85 Jahre nach der Gründung des badischen Großherzogtums, wurde letztendlich festgelegt, wie die Flagge aussehen sollte: Drei Längsstreifen gleicher Breite, von oben nach unten gelb, rot und gelb. Das war die Flagge des Landes, nicht des Großherzogs: Er hatte selber eine persönliche Standarte. Die Flagge des Landes ist bis heute so geblieben. 

Badische und Reichsflagge Postkarte
Diese Postkarte von 1906 zeigt die Reichsflagge und die Flagge Baden, über einen Doppelportrait zur goldenen Hochzeit von Friedrich und Luise. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS ol 199

1918: Revolutionäre schwenken rote Fahnen

Am Ende des ersten Weltkrieges brannte die Novemberrevolution in ganz Deutschland. Auch Baden nahm an dieser überregionalen Bewegung teil: Der Krieg war noch nicht vorbei und die Soldaten, die in Offenburg und Lahr stationiert waren, haben rebelliert - es wurden Soldatenräte gegründet und sich mit Arbeiterräten verbündet. In dieser Zeit wurde die rote, revolutionäre Fahne durch die Stadt getragen. Die Revolutionäre forderten das Ende der Fürstenherrschaft und mehr Rechte für das Volk - sie forderten eine badische Republik.

Zeitgleich hat sich eine provisorische Regierung gebildet, die den Großherzog um Rücktritt bat. Dies geschah am 22. November 1918 - freiwillig. Die provisorische Regierung konnte sich mit der Schaffung einer neuen Verfassung für die badische Republik beschäftigen. Am 21. März 1919 ist sie in Kraft getreten: Baden war ein Freistaat geworden, der sich zum Bestandteil der Weimarer Republik erklärt hat.

1919: Baden wird Republik, Fahne soll Rot-Gelb werden

Nun stellte sich die Frage, ob die Flagge ein neues Outfit bekommen sollte: Das Generallandesarchiv wollte die zweistreifige Farbfolge Rot-Gelb wieder verwenden, um die Wappenfarben abzubilden. Aber die Volksvertreter haben sich dem Vorschlag verweigert und behielten die gelb-rot-gelbe Flagge. 

Niedergang und Wiederauferstehung

Ab 1933 wurde die Autonomie der verschiedenen Republiken Deutschlands stark eingeschränkt beziehungsweise vernichtet. Politisch war Baden verschwunden - mitsamt Flagge.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Nordbaden zur amerikanischen Besatzungszone, Südbaden zur französischen. Es gab zahlreiche Versuche, das alte Badenland zu rekonstruieren. Auch Frankreich hat die Wiedervereinigung der beiden Landesteile gefördert - aus Eigeninteresse: Es wollte damit seine Besatzungszone vergrößern. 

Generell war die südbadische Regierung in Freiburg viel mehr an einer Wiedervereinigung Badens interessiert als die Nordbadener. In Freiburg wurde eine Verfassung Badens geschrieben und die alten Landesfarben als verfassungsmäßig festgelegt. Die Nordbadener im Gegenteil fürchteten vor allem, sich unter französische Militärherrschaft zu begeben.

Volksentscheid zur Vereinigung von Baden und Württemberg

Zeitgleich wollten die Alliierten schnell einen neuen deutschen Staat schaffen: Also wie sollten die Bundesländer aussehen? Die Regierungschefs von beiden Teilen Baden sowie von Nord-Württemberg und Württemberg-Hohenzollern haben sich zur Beantwortung der Frage für einen Volksentscheid entschieden. Sollte sich Baden mit Württemberg einigen oder würde das alte Land Baden zum eigenen Bundesland?

Plakat zur Volksabstimmung über den Südweststaat
Dieses Plakat zur Volksabstimmung äußerte sich für eine Einigung Badens mit Württemberg. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS X 6350

Eine harte Kampagne wurde auf beiden Seiten geführt: Die Regierung in Freiburg engagierte sich für die Wiederherstellung des alten badischen Landes, aber in Karlsruhe, Stuttgart und Tübingen haben sich die meisten Politiker für eine Einigung von Baden und Württemberg ausgesprochen.

1952: Baden-Württemberg ist geboren

Im Gesamtgebiet hat 69,7 Prozent der Bevölkerung der Vereinigung von Baden und Württemberg zugestimmt. Aber in Baden waren 52,2 Prozent dagegen, was wieder Streit auslöste. Es ist jedoch zu bemerken, dass Nord- und Süd-Baden immer noch gespalten waren, denn die Einigung hat in Nord-Baden 57 Prozent der Stimmen erhalten. Im Süden waren es nur 37,8 Prozent. 

Der Kampf war für die sogenannten "Altbadener" noch nicht vorbei: Sie haben oftmals die badische Flagge in Flyern und Zeitschriften immer wieder verwendet, noch lange nach dem Volksentscheid. 1956 hat der Interessenverband "Heimat Badenerland" eine Revision der Neugliederung beim Bundesverfassungsgericht beantragt. Das erlaubte eine neue Abstimmung, die aber erst 1970 erfolgte. 81,9 Prozent der Bevölkerung stimmte für Baden-Württemberg, das zu diesem Zeitpunkt schon seit fast zwanzig Jahren bestand. 

2018: Die Badener halten an der Flagge fest

Die Kontroverse über ein von Württemberg unabhängiges Baden war nach dem Volksbegehren 1970 endgültig vorbei. Aber mit dem Flaggenstreit der letzten Wochen hat sich sicherlich jeder Badener an der Geschichte seiner Region erinnert: Die badische Fahne als Zeichen der Heimatliebe. Vielleicht ist die Flagge auch ein Zeichen von Rebellion, ein Bewahren und Erinnern. Vielleicht steckt aber auch noch etwas anderes dahinter, vielleicht haben die Badener sich nie ganz mit dem Zusammenschluss mit Württemberg anfreunden können. Volker Steck, Historiker beim Stadtarchiv Karlsruher, hat eine weitere Sicht auf die Flaggen-Liebe.

Er fasst die Geschichte so zusammen: "Baden ist in seiner bekannten Form Anfang des 19. Jahrhunderts nach der Niederlage Napoleons entstanden und hat bis 1933 existiert: Das ist eine sehr kurze Zeit in der Geschichte! Aber seine Verteidiger haben einen sehr langen Kampf geführt." 

"Ein Komplex gegenüber Württemberg ist tief in Denkweise verwurzelt"

"Die Badener haben befürchtet, vernachlässigt zu werden, als sie mit Württemberg zusammengeschlossen wurden. Stuttgart ist zur Hauptstadt geworden: Plötzlich waren die Verwaltungen weit weg aus Karlsruhe verschwunden. Ein Komplex gegenüber Württemberg ist entstanden und in den Denkweisen bis heute tief verwurzelt geblieben", sagt Volker Steck.

Zurück zum Anfang: "Mit der Flagge auf dem Schloss wollen sich die Badener gerne zu ihrer Herkunft bekennen." Ob eine starke regionale Identität verbleibt, bezweifelt er: "Ich frage mich, ob ein Karlsruher tatsächlich mehr mit jemandem aus der Nähe des Bodensees als aus Stuttgart zu tun hat." 

Heimatliebe, Rebellion oder Minderwertigkeitskomplex - die Frage, warum die Badener ihre Fahne so sehr lieben wird sich wohl nie eindeutig beantworten lassen. So individuell jeder Badener ist, so wird jeder seine ganz eigenen Gründe haben, die gelb-rot-gelbe Fahne zu schwenken - in diesem Sinne: "Frisch auf, frisch auf!"

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