Ob Tschernobyl oder Fukushima: Diese Orte sind im öffentlichen Bewusstsein präsent, die bekanntesten Unfälle in Kernkraftwerken sind mit ihrem Namen verknüpft. Damit ein solches Unglück künftig vermieden wird, sollten heutige Reaktoren so sicher wie möglich betrieben werden. Hierfür ist vor allem eines wichtig: das Know-How.

"Wir haben das Problem geerbt"

Rund zehn Kilometer nördlich von Karlsruhe, auf dem Campus Nord des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), soll genau dieses Wissen entstehen: Hier ist das Atomforschungszentrum der Europäischen Union angesiedelt, das den Namen Joint Research Centre (JRC) trägt. Es soll der Politik helfen, aufgrund gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Rundgang im Joint Research Center
In Norden der Stadt Karlsruhe wird an der Sicherheit von Atomkraftwerken geforscht. | Bild: ka-news.de

In Deutschland ist der Atomausstieg bereits seit vielen Jahren beschlossene Sache: Bis zum Jahr 2022 soll das letzte Kernkraftwerk hierzulande vom Netz gehen. Doch damit sind die Atomkraft und die mit ihr verbundenen Risiken noch lange nicht Geschichte. Ein Beispiel dafür ist das Problem der Endlagerung - für hoch radioaktive Abfälle ist in Deutschland noch immer kein Standort gefunden. 

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"Wir haben das Problem von unserer Elterngeneration geerbt, jetzt müssen wir Lösungen finden", sagt Gabriele Tamborini vom JRC im Gespräch mit ka-news.de. In den Laboren des Institutes werden die Eigenschaften von Brennstäben untersucht. Sicherheit ist hierbei das A und O, das Gelände ist mit mehreren Kontrollen geschützt, sodass sich kein Fremder Zugang verschaffen kann.

Rundgang im Joint Research Center
Gabriele Tamborini vom Joint Research Center. | Bild: ka-news.de

"Selbst durch die kleinsten Mengen können wir sehr viel über die Stoffe verstehen"

Für ihre Arbeit benötigen die Wissenschaftler keine großen Mengen an radioaktivem Material. "Insgesamt sind es nur mehrere Kilogramm, die hier derzeit liegen", sagt Forscher Thierry Wiss, der Proben im Gramm und Milligrammbereich unter Mikroskopen untersucht.

Rundgang im Joint Research Center
Forscher Thierry Wiss | Bild: ka-news.de

"Selbst durch die kleinsten Mengen können wir sehr viel über die Stoffe verstehen." Zum Vergleich: Nur wenige Meter weiter, im Zwischenlager Karlsruhe, befinden sich in großen Hallen derzeit rund 70.000 Kubikmeter strahlendes Material. 

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Um die Sicherheit bestehender Atomkraftwerke weiter zu verbessern, wird erforscht, wie sich die Brennstoffe unter verschiedenen Bedingungen verhalten. Beispielsweise unter einer hohen Temperatur oder unter hohem Druck.

Mit diesem Wissen sollen künftige Katastrophen verhindert werden können. "Wir untersuchen auch, wie wird die Lagerkonditionen des Atommülls verbessern können", sagt Thierry Wiss. 

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JRC bildet Inspektoren gegen Nuklearschmuggel aus

Unter anderem kommen dabei die "heißen Zellen" zum Einsatz. In den Kammern werden - hinter 90 Zentimeter dicken Ölfenstern - die Brennstäbe gelagert und mit einem ferngesteuerten Greifer zerteilt. 

Auch ein Forschungsreaktor ist für das JRC in Betrieb, allerdings nicht in Karlsruhe, sondern im niederländischen Petten. Weitere nukleare Forschungslabore des JRC befinden sich an den Standorten Geel in Belgien und im italienischen Ispra.

Rundgang im Joint Research Center
Hinter Ölfenstern - 90 Zentimeter dick - wird mit den Brennstäben hantiert. | Bild: ka-news.de

Das JRC ist dabei nicht nur ein Ort der Forschung, sondern auch der Bildung. Um gegen die Nuklearschmuggel anzukämpfen, werden hier Inspektoren ausgebildet, die auf der ganzen Welt die Grenzen überwachen. Denn: Radioaktivität ist kein Problem, das vor Ländergrenzen Halt macht.

Bei Atomkatastrophe: Daten in Echtzeit schützen die Bürger

"Einmal hat ein Detektor bei einem russischen Lkw angeschlagen", erzählt Thierry Wiss. Es habe sich daraufhin herausgestellt, dass im Motor des Fahrzeugs verunreinigtes Metall verbaut war. Viele Metallschrotte der Industrie seien belastet. "Immer wieder stoßen wir auf solche unerwarteten Quellen."

Rundgang im Joint Research Center
Thierry Wiss, Wissenschaftler am Joint Research Center. | Bild: ka-news.de

Ein weiteres Beispiel zeigt noch deutlicher, wie die Forschung des JRC für den Schutz der Bürger Europas sorgt: Unter dem Namen EURDEP wurde eine Online-Plattform entwickelt, die im Falle einer Atomkatastrophe fast in Echtzeit über die Ausbreitung der Radioaktivität informiert. Dazu werden die Daten von rund 1.000 Messstationen in ganz Europa zusammengeführt.

Neuer Laborflügel soll Flugzeugabstürzen standhalten

Derzeit entsteht auf dem Gelände ein riesiger Betonkoloss, der neue Laborflügel M. Die Wände sind 1,80 Meter dick und sollen Erdbeben und sogar Flugzeugabstürzen standhalten. Hier sollen die Labore nach der Fertigstellung einziehen. 

Rundgang im Joint Research Center
Sicherheit ist am JRC ein zentrales Thema. Die Labore sind nur über Metallschleusen zugänglich. | Bild: ka-news.de

In der Vergangenheit wurde auch die Kritik  laut. Zuletzt haben im April 2019 Anti-Atom-Aktivisten gegen die Arbeit demonstriert. Ihr Vorwurf: Es werde durch die Forschung an der Entwicklung neuer Reaktorsysteme mitgewirkt.

Gabriele Tamborini vom JRC findet auf diese Vorwürfe klare Worte: "Etwas, das leider viele nicht verstehen: der Atomausstieg geht nicht von heute auf morgen. Für Radioaktivität gibt es keinen An-Aus-Schalter."

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