Barbara M. ist seit Mitte der 80er Jahre HIV positiv. Nach der Geburt ihres Sohnes, der negativ zur Welt kam, erfuhr die damals 24-Jährigen von ihrer Diagnose. "Damals hieß der Virus noch HTLV-III und man wusste überhaupt nicht, wie man damit umgehen sollte", erinnert sich die heute 50-Jährige. Es sei ein Todesurteil gewesen, dem viele Menschen zum Opfer fielen. "Seit 1987 gab es nur ein einziges Medikament zur Therapie. Es hatte einen schlechten Ruf, weil seine Wirkung sehr umstritten war. Es wurde oft deutlich überdosiert verabreicht."

"Ich hatte Glück, überlebt zu haben"

M. engagierte sich zu dieser Zeit in einer Gruppe von HIV positiven Frauen. Heute ist sie die einzige, die aus dieser Gruppe noch lebt. "Ich hatte einfach Glück", stellt sie nüchtern fest. 1995 lag sie schwerkrank im Endstadium von Aids im Krankenhaus. Im Jahr darauf kam die Kombinationstherapie auf den Markt, die ihr das Leben rettete und den heimtückischen HI-Virus in ihrem Körper auch heute noch in Schach hält.

Hinsichtlich der Therapie liegen Welten zwischen der Zeit vor 1996 und den Jahren danach. Mittlerweile gibt es mehr als 20 sogenannte antiretrovirale Medikamente, die - meist in einer Dreier- Kombination - erfolgreich gegen HIV eingesetzt werden. Diese sollen auf verschiedene Weisen den Virus daran hindern, die für die menschliche Immunabwehr zuständigen T-Helferzellen zu zerstören.

Dank der Medikamente sei für viele ein fast normales Leben mit einer normalen Lebenserwartung möglich. Normal sei der Umgang der Gesellschaft mit HIV und Aids auch rund 30 Jahre dem Beginn der Infektionswelle dagegen keineswegs. "Für viele Menschen ist Aids ein Tabuthema", erklärt Claudia Kramer von der Aids-Hilfe Karlsruhe. "Sie verbinden damit Sex, Drogen, Schwule, Prostituierte. Ein unbescholtener Bürger komme mit so etwas nicht in Kontakt."

Erfundene Ersatzkrankeiten sollen über HIV-Infektion hinwegtäuschen

Aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zufolge lebten 2011 in Deutschland rund 73.000 Menschen mit dem HI-Virus. Noch immer sind der Großteil der Erkrankten, nämlich rund 59.000 Personen, Männer, die Sex mit Männern haben. Seit 2010 ist die Zahl der Neuinfizierungen rückläufig. Das Institut schätzt die Zahl der HIV-Neuinfektionen im vergangenen Jahr auf rund 2.700. Auch hier ist die deutliche Mehrheit (rund 2.300 Personen) männlich.

Obwohl Barbara M. seit mehr als zwei Jahrzehnten von ihrer Krankheit weiß, hat sie nur mit wenigen Menschen darüber gesprochen. "Meine beste Freundin habe ich erst zehn Jahre nach der Diagnose informiert", sagt sie. Ihr Eltern wüssten bis heute nichts davon. Dem Arbeitgeber davon zu unterrichten, sei für den Großteil der Betroffenen schlichtweg unmöglich. Auch M. schlug feste Jobangebote aus, weil sie Furcht hatte, dass der Chef oder aufmerksame Kollegen Fragen stellen würden, wenn sie regelmäßig Medikamente einnehme und zum Arzt müsste.

Aus Angst vor Ablehnung erfinden viele Betroffenen sogar Ersatzkrankheiten, weiß auch Claudia Kramer aus Erfahrung. "Menschen mit Krebs wird Mitgefühl entgegebracht. Menschen mit Aids werden abgelehnt", sagt Cramer. So kam es fast einer Erleichterung für Barbara M. gleich, als sie wegen einer Tumoroperation ins Krankenhaus musste. "Da konnte ich endlich einmal sagen, was mit mir los war: 'Ich habe einen Tumor.'"

"Ich finde ich es schön, mich mit dem Altern rumzuplagen"

Auch wenn Barbara M. ein fast normales Leben führen kann, müsse sie mit starke Nebenwirkungen der Medikamente kämpfen. Da diese den Fettstoffwechsel durcheinanderbrächten, seien ihre  Cholesterinwerten deutlich erhöht. Das tut der Lebensfreude der 50-Jährigen jedoch keinen Abbruch. Mittlerweile engagiert sie sich wieder in einer Frauengruppe. Anders als zu früheren Zeiten ist nicht mehr ausschließlich die Krankheit Thema, wenn sich die zehn Frauen einmal im Monat treffen. Früher war sie das stets - immer mit einer Portion Galgenhumor, denn keine glaubte daran, alt zu werden.

"Eigentlich finde ich es schön, dass ich mich mit dem Altern rumplagen darf." Früher habe sie gedacht, dass sie sowieso niemals so alt werden würde und sich um Falten, graue Haare und zu hohe Cholesterinwerte nie Gedanken machen müsste. "Ich habe gelernt, das Leben so zu schätzen, wie es ist", erzählt Barbara M.. Dabei bringe es nichts, wütend über das eigene Schicksal zu sein. "Ich glaube, das bin ich all denen schuldig, die es nicht geschafft haben."

Sorgen Internet-Pornos für eine Krise bei den Karlsruher Sexshops, wie wehrt man sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, und warum gibt es für kaum etwas so viele unterschiedliche Bezeichnungen wie für den menschlichen Beischlaf? Unter dem Motto "Let's talk about Sex - in Karlsruhe" werden wir in den kommenden Wochen in loser Folge über diese und weitere Themen berichten. Einen ersten Überblick zu dem Thema gibt es in unserem Dossier.

 
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