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Karlsruhe Anneliese Reinhards bewegende Erinnerungen an die Babyklappe: "Auf einmal nimmt mich jemand in den Arm und sagt: 'Sie sind auch meine Oma!'"

Seit 2001 gibt es in Karlsruhe eine Babyklappe. Anneliese Reinhard war von Anfang an als ehrenamtliche Helferin dabei. Zwei Kinder hat sie aus der Babyklappe geholt - die Geschichte eines Jungen hat sie besonders berührt. Anya Barros hat sie erzählt, was damals passiert ist.

"Ich kriege wieder richtig Gänsehaut, wenn ich das erzähle", sagt Anneliese Reinhard im Gespräch mit ka-news. "Hier haben meine Kollegin und ich gestanden. Wir haben beide geweint!"

Doch von Anfang: Seit 17 Jahren gibt es im Karlsruher Stadtteil Neureut die Babyklappe. In einem Haus, das wie ein ganz normales Wohnhaus aussieht, liegt sie - hinter einer Hecke versteckt - an einem Seiteneingang. Ich treffe dort Ursula Kunz, die Koordinatorin der Babyklappe, und Anneliese Reinhard, eine Mitarbeiterin der ersten Stunde. 

Babyklappe Karlsruhe
Anneliese Reinhard, langjährige Mitarbeiterin der Babyklappe, erzählt von ihren Erlebnissen. | Bild: Gustav Holzwarth

"Mein ganzes Leben hat sich um Kinder gedreht und ich kannte eine Frau, die hat mich darauf gebracht. Die hat mir erzählt, dass in Karlsruhe eine Babyklappe aufgemacht wird", erinnert sich Anneliese Reinhard, als wir an diesem Dezembertag zusammensitzen. "Am gleichen Tag war hier dann noch das erste Treffen und ich bin dabei - da hatten wir also noch nicht mal eine Babyklappe!" Das war 2001, Karlsruhe war die erste Stadt in Baden-Württemberg, die eine dieser Einrichtungen hatte. 

Babyklappe Karlsruhe
Bild: Gustav Holzwarth

"Ich finde es sehr gut, dass es die Babyklappe gibt, denn jedes Kind soll leben", erklärt mir Anneliese Reinhard. "Freilich wäre es besser, das Kind wäre bei der Mutter. Aber so sind wir da und holen das Kind aus der Babyklappe raus und ins Leben rein!" Zwei Kinder hat sie selbst aus dem Wärmebettchen hinter der Klappentüre genommen. "Ich bekomme immer noch Gänsehaut wenn ich daran denke, denn es ist ja sehr emotional!" Vor allem die Geschichte eines kleinen Jungen geht ihr bis heute noch besonders nahe, das merke ich ihr an. Gespannt höre ich ihr zu. 

"Wir standen am Fenster und haben bitterlich geweint"

Seine Abgabe hat Anneliese Reinhard live miterlebt, zusammen mit einer Kollegin. "Ich hatte das Gefühl, dass an diesem Abend etwas passieren würde und so war es dann auch. Ich kam also hier her und da sah ich, wie eine junge Frau aus dem Auto stieg. Sie hatte ein Bündel im Arm", erinnert sie sich an die Geschichte, die sie nach vielen Jahren noch immer tief berührt. Dann sah sie, wie die Decke vom kleinen Kopf des Babys fiel: "Ich sah das Köpfchen von dem Kind und die Kollegin und ich standen da am Fenster und wir haben geweint!"

Babyklappe Karlsruhe
Bild: Gustav Holzwarth

Dann hörten die beiden Frauen das Geräusch der Babyklappe. "Auf und zu. Wir sind dann zum Bettchen gegangen und haben das Baby gefunden. Meine Kollegin hat es gleich in den Arm genommen!" Nur wenige Sekunden später rief die Mutter an. "'Habt ihr ihn?' fragte sie mich und ich wollte nur wissen 'Wie heißt er, wie heißt er?'" Bei diesen Worten muss auch ich mit den Tränen kämpfen. 

Abschiedsbrief der Mutter an ihr abgegebenes Kind

Dass eine Mutter nach der Abgabe Kontakt aufnimmt, ist leider nur selten der Fall. Viele Frauen nehmen nicht einmal den Brief mit, der am Wärmebett für sie bereit liegt, in dem Verständnis für die Frauen geäußert wird. Auch darum ist die Geschichte des Jungen etwas Besonderes, wir mir Ursula Kunz und Anneliese Reinhard erklären: Seine Mutter schrieb einige Wochen später von sich aus einen Brief. "Ich sehe die Seite noch vor mir. Da stand drin 'Ich heiße so und so, wurde dann um diese Uhrzeit geboren", sagt Reinhard. "Und: 'Ich bitte um liebevolle Aufnahme. Meine Mama kann mich nicht behalten, sucht mir liebe Eltern!'" 

Babyklappe Karlsruhe
Ursula Kunz, Koordinatorin der Babyklappe, im Interview. | Bild: Gustav Holzwarth

Für die Verzweiflung der Frauen haben Reinhard und Kunz Verständnis. "Ich verurteile diese Frauen nicht, denn ich weiß nicht, in welcher Situation diese Frauen sind", sagt Reinhard. "Sie wollten, dass es dem Kind gut geht und haben es nicht in einer Mülltonne entsorgt", ergänzt die Leiterin der Babyklappe, Ursula Kunz. 

Ein emotionales Wiedersehen

Die Geschichte des Jungen ist damit aber noch nicht zu Ende. Manchmal kommt es vor, dass die Kinder, sobald sie etwas älter sind, die Babyklappe gemeinsam mit ihren Pflege- oder Adoptiveltern besuchen. Und vor rund zwei Jahren kam auch der Junge, den Anneliese Reinhard einst unter Tränen aus dem Wärmebettchen hob, an diese Stelle zurück.

Babyklappe Karlsruhe
Bild: Gustav Holzwarth

"Ich muss sagen, das war ein ganz schön emotionaler Moment", sagt Reinhard heute. Der Junge wollte die Frau kennenlernen, die ihn in der Babyklappe gefunden hat. "Auf einmal kam so ein blondes Bübchen rein, 10 Jahre war er da schon alt." Kurze Zeit später, am Tag der offenen Tür, war der Junge nochmal da. "Plötzlich nimmt er mich in den Arm und sagt: 'Sie sind auch meine Oma!'", erzählt sie mit freudiger Stimme. "Und so ein kleines bisschen ist er auch mein Enkel."

Mittlerweile ist Anneliese Reinhard zwar noch für die Babyklappe tätig, aber nicht mehr im Notdienst. "Ich kann nicht mehr nachts mit dem Auto herfahren", sagt sie im Gespräch mit ka-news. Aber bei Festen oder am Tag der offenen Tür hilft sie noch immer gerne mit. 

Lesen Sie im Interview mit Ursula Kunz wie die Babyklappe funktioniert, wie die ehrenamtlichen Helfer ihr Leben um den Notdienst herum aufbauen und wie die Kinder mit ihrem Schicksal leben, einfach abgegeben worden zu sein.  

ka-news Hintergrund: Im Jahr 2000 wurde in Hamburg die erste Babyklappe Deutschlands ins Leben gerufen. Etwa ein Jahr später gab es bundesweit 21 Babyklappen - darunter die in Karlsruhe, die erste in Baden-Württemberg. Seitdem wurden insgesamt 25 Babys in die Klappe der Fächerstadt gelegt.

Babyklappen wurden in den letzten Jahren stark kritisiert. Der Deutsche Ethikrat empfahl 2009, sie komplett abzuschaffen, da sie unter anderem das "Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung" verletzen. Anstelle dessen sollten die legalen Hilfsangebote verstärkt werden. Denn die Babyklappen sind und waren ein rechtsfreier Raum. 

Das Gesetz zur Förderung dieser legalen Hilfsangebote kam fünf Jahre später: 2014 wurde die sogenannte "vertrauliche Geburt" gesetzlich verankert. Ein Ziel der vertraulichen Geburt ist es, dass die Frauen in einem Krankenhaus entbinden - auch wenn sie anonym bleiben möchten. Die Mütter hinterlegen ihre Daten, die in der Regel erst nach dem 16. Geburtstages des Kindes weitergegeben werden.

Zwei Jahre später wurde untersucht, wie viele Frauen die Möglichkeit der vertraulichen Geburt wahrnehmen. Die Zahlen lassen hoffen: "Der Trendanalyse zufolge nutzen über 40 Prozent der Frauen die vertrauliche Geburt als Alternative zu einer anonymen Form der Kindsabgabe", heißt es in dem Bericht der Bundesregierung.
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Kommentare (3)
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  •   Suedweschter
    (366 Beiträge)

    18.12.2018 03:29 Uhr
    Wichtig, dass es alle wissen
    Nicht dass irgendwer auf dumme Ideen kommt, weil sie keine Ahnung hatte.
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  •   richard
    (217 Beiträge)

    17.12.2018 15:03 Uhr
    Danke
    Hallo, sehr gute Arbeit bitte machen Sie weiter so.
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  •   romy
    (200 Beiträge)

    17.12.2018 08:22 Uhr
    Eine
    wunderbare Einrichtung. Auf keinen Fall sollten solche Einrichtungen reduziert oder gar geschlossen werden.Die Erfahrung zeigt : Babyklappen können Babys retten.
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