Das Jahr 1906 hatte für Phönix Karlsruhe den sportlichen Aufschwung markiert: Die Schwarzblauen hatten endlich, ein Jahr nach dem Stadtrivalen KFV, einen eigenen Sportplatz an der Rheintalbahn im heutigen Neureut gewinnen können - sogar mit Anzeigetafel! Kein Scherz: Die "Resultattafel" (ein größeres weißes Schild hinter einem der Tore) ist auf einem Foto vom Spiel Phönix gegen Wien im Jahr 1910 tatsächlich nachgewiesen.

Neureut wird neue Heimstätte des Phönix

Die Mitglieder Ferdinand Lang und Arthur Beier hatten "auf eigene Rechnung und nach teilweise zähem Widerstande der bäuerlichen Besitzer eine 18.000 Quadratmeter große Fläche (pro Quadratmeter 1 Mark)" gekauft und sie dem Verein "gegen jährlichen Pachtzins zu beliebiger Verwendung zur Verfügung" gestellt - der Sportplatz war also Eigentum der Vereinsmitglieder.

Der erste reguläre Sportplatz von Phönix (ab 1906) an der Rheintalbahn in Neureut.
Der erste reguläre Sportplatz von Phönix (ab 1906) an der Rheintalbahn in Neureut. | Bild: Staisch

Und der Phönix setzte mit dem eigenen Stadion sofort zum Höhenflug an: Hatte das Team 1905 lediglich 15 Wettspiele und drei Siege auf dem Konto, so wurden ein Jahr später bereits 25 Spiele und 13 Siege verzeichnet - bei einem beeindruckenden Torverhältnis von 117:43. Und auch im Derby gegen den "unbesieglichen" Intimfeind Karlsruher FV hatte es schließlich eine Wende gegeben: "Von Oktober 1907 bis März 1910 konnte der KFV seinen Nebenbuhler nicht bezwingen. Es war inzwischen endgültig aus mit der Aschenbrödelstellung. Und jetzt gab es kein 'Pardon' mehr!", hatte die Chronik kämpferisch erklärt.

Fußballspielen auf dem Exekutionsplatz?

Bis 1896 hatte Phönix zusammen mit Frankonia Karlsruhe auf der Körnerwiese in der heutigen Weststadt gespielt. Unheimlich: Das Gelände, das heute nicht mehr exakt lokalisierbar ist, war zuvor als öffentliche Hinrichtungsstätte außerhalb der Stadt genutzt worden! 1829 waren dort die letzten beiden Mörder enthauptet worden.

Von 1865 bis 1867 hatte die "Schützengesellschaft Karlsruhe 1721 e.V." das Areal gepachtet, daher war es auch "Schützenbuckel" genannt worden, seit 1908 wird an dieser Stelle kein Fußball, aber alles andere gelehrt - in der Gutenbergschule. Bis 1905 war Phönix dann auf dem Engländerplatz ("Kleiner Exerzierplatz") im Karlsruher Hardtwald und bis 1906 auf dem Großen Exerzierplatz im Westen der Stadt beheimatet gewesen: "Dort wurde uns in der Nähe des Wachlokals der Schießstände ein geeigneter Platz zugewiesen", hatte die Chronik geschrieben.

Die "beweglichen Domizile" der Fußballer von Phönix und des KFV auf dem Exerzierplatz waren bezeichnend für die geistige Flexibilität der ersten Kicker. Allerdings standen sie nur sonntags zur Verfügung, erwiesen sich für die Zukunft unzureichend und galten als provisorische Lösung.

Mystik spielt eine große Rolle

Der erste reguläre Sportplatz wurde dann am 16. September 1906 feierlich eröffnet: Nach einem 4:1-Sieg gegen den Meister der Westschweiz, La Chaux de Fonds (Mittelstürmer Hermann Leibold schoss alle vier Tore), fand im Klubheim "ein Festbankett und Abendunterhaltung unter Mitwirkung eines Doppelquartetts der Liederhalle und einer Musikabteilung des Artillerie-Regiments 50" statt, nach Einbruch der Dunkelheit wurden "Klubhaus und Platz illuminiert und ein großes Feuerwerk veranstaltet".

Auf dem ersten Sportplatz ging es oft heiß her - wie hier beim 1:0-Sieg 1912 gegen die Stuttgarter Kickers.
Auf dem ersten Sportplatz ging es oft heiß her - wie hier beim 1:0-Sieg 1912 gegen die Stuttgarter Kickers. | Bild: Staisch

Die Mystik hatte im neuen Phönix-Stadion eine wichtige Rolle gespielt. Mit dem Platz "erfolgte ein rascher, glänzender Aufstieg. Der 'Phönix' konnte seine Schwingen ausbreiten", hatte die Chronik erklärt. Und das Buch "Deutschlands Fußball-Meister" behauptete sogar: "Es war, als wenn aus eigenem Grund und Boden ungeahnte Kräfte dem Vogel Phönix die Schwingen stärkten. Steil schwang er sich empor. Magische Mächte schienen aus heimischen Gelände hervorgezaubert zu sein."

Wenn selbst die eigenen Spieler nicht mehr erscheinen

Traurig: 1914 war der Meisterschafts-Platz wegen "nicht mehr tragbaren Ansprüchen an die Kasse" aufgegeben worden - der Pachtzins von 1.500 Mark im Jahr konnte vor allem "infolge der mäßigen Leistungen der 1. Mannschaft" nicht mehr aufgebracht werden. Weitere (eher haarsträubende) Gründe: Wegen der abgelegenen Lage - eine knappe Stunde Fußmarsch von der Innenstadt durch den Hardtwald - blieben am Ende nicht nur die Zuschauer, sondern auch die eigenen Spieler (!) fern, zudem fehlte das Geld für eine nötige Tribüne.

In der Not hielten die Karlsruher Vereine aber trotz Rivalitäten zusammen: Phönix konnte vorübergehend auf dem Platz des VfB Karlsruhe und sogar beim "Erzfeind" KFV unterkommen. Und selbst der Adel half dem abgestürzten Vogel: Baron von Seldeneck hatte zugesagt, Phönix ein Areal (30.000 Quadratmeter für 400 Mark Pacht) an der Maxaubahn in Mühlburg zur Verfügung zu stellen.

Doch durch den Ersten Weltkrieg ab Juli 1914 kam alles anders: Die neue Spielstätte auf "Freiherrlich Seldeneckschen Gelände" konnte "infolge des Krieges nicht hergerichtet und auch nicht benutzt werden", wie die KSC-Vereinsnachrichten 1956 berichteten. Wie ging es weiter? Die Spiele wurden daraufhin auswärts ausgetragen, auf dem neuen Gelände dienten immerhin zwei Holzbaracken als Geräte-, Umkleide-, Versammlungs- und Wirtschaftsräume.

Der Spielbetrieb geht trotz Erstem Weltkrieg weiter

Dort sorgte Luise Noe, Mutter dreier Phönix-Spieler, für Ordnung: "Mutter Noe war unsere Wirtin, hat stets für das leibliche Wohl gut gesorgt", lobte die Chronik. Zusammen mit der Mutter von Stürmer Karl Wegele hatte Noe auch lange Jahre ehrenamtlich den "Erfrischungsraum" im späteren Klubhaus geführt - und war völlig zu Recht zum Ehrenmitglied ernannt worden.

Für Phönix, die zehn Prozent der Mitglieder im Krieg verloren hatten (darunter "Papa Phönix" Arthur Beier), wurde es nicht besser: 1918 musste der Platz an der Maxaubahn "auf behördliche Anordnung hin zur Anpflanzung von Gemüse uvm. abgetreten" werden - wie es deutschlandweit ab 1917 Praxis geworden war. Trotzdem war der "Feenix" der einzige Verein in Karlsruhe, der während der Kriegsjahre den Spielbetrieb aufrechterhalten hatte.

Trainingseinheiten in der Reithalle

Und es war Hoffnung in Sicht: Ab 1. Mai 1919 teilte sich der Club einen Platz mit der Technischen Hochschule im Fasanengarten - die Chronik berichtet von "einer Anlage im Schlosspark, die seit Menschengedenken kein gewöhnlich Sterblicher betreten durfte". Die Not machte wieder erfinderisch: Im Winter 1919 mieteten sich die Fußballer von Phönix, KFV und Mühlburg abends regelmäßig in eine Karlsruher Reithalle ein, wo sie auf "trefflicher Erde" und unter "vier großen Bogenlampen" trainierten und den "hübschen heizbaren Umkleideraum" nutzten.

Der dritte Sportplatz von Phönix (ab 1919) im Fasanengarten: Den Zuschauern im "Sonntagsstaat" schien es zu gefallen.
Der dritte Sportplatz von Phönix (ab 1919) im Fasanengarten: Den Zuschauern im "Sonntagsstaat" schien es zu gefallen. | Bild: Staisch

Knapp zwei Jahre lang kickten die Schwarzblauen erfolgreich im Schlossgarten, obwohl das Gelände für die Ansprüche des Vereins viel zu klein war. Immerhin datiert aus dieser Zeit: die erste erhalten gebliebene Eintrittskarte aus einem Phönix-Stadion - im Stadtarchiv lässt sich die Sitzplatz-Karte Nummer 6 vom 18. Juli 1920 nachweisen.

Allerdings kann es sich um kein wichtiges Spiel gehandelt haben (wenn überhaupt), denn die offiziellen Dokumente verzeichnen zwischen dem 29. Juni (0:6 gegen Budapest) und dem 3. August (2:2 gegen KFV) kein Match von Phönix.

Der erste Wildpark entsteht durch eine List

Mit einer List hatte der Verein schließlich den Weg zu einem großzügigen Stadion, dem "ersten Wildpark", geebnet: Phönix hatte im Juni 1921 den badischen Finanzminister Köhler zum Freundschaftsspiel gegen den amtierenden Meister Nürnberg (1:1) auf die Tribüne des Stadions am Fasanengarten eingeladen und ihn bei dieser Gelegenheit "ganz nebenbei" auf die akute Platznot hingewiesen - mit Erfolg: Phönix konnte schon nach drei Monaten einen neuen Platz im Hardtwald beziehen - die Stadt hatte dem Verein ein Grundstück für 50 Jahre pachtweise zur Verfügung gestellt!

Die Vereinsmitglieder packen selbst mit an

Allerdings war es noch ein hartes, drei Jahre andauerndes Stück Arbeit, bis das "Phönix-Stadion am Wildpark" am 14. September 1924 feierlich eröffnet werden konnte. Wie das geklappt hatte? Im Verein etablierte sich ein Trupp freiwilliger Helfer, "Schipperabteilung" genannt, die ab 1921 erfolgreich im Hardtwald "schippte" und den Grundstein des heutigen Wildparkstadions legte.

Mit vereinten Kräften: Freiwillige "Phönixler" um Vorstand Gustav Kipphan (2.v.r., mit Schnurrbart) bauten den Vorgänger des heutigen ...
Mit vereinten Kräften: Freiwillige "Phönixler" um Vorstand Gustav Kipphan (2.v.r., mit Schnurrbart) bauten den Vorgänger des heutigen Wildparkstadions - oben ein Foto von 1922, unten bei der Einweihung 1924. | Bild: Staisch

Stolz und mit Schaufel in der Hand ließen sie sich 1922 und 1924 für zwei Fotos ablichten - und blieben trotzdem bis heute die heimlichen Helden. Die nächsten Umbauen erfolgten dann erst 1949 und nach der Fusion zum KSC wurde das heutige Wildparkstadion schließlich im Jahr 1955 eröffnet.

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