"Das Tolle an unserem Laden ist, dass man das, was an Design in Karlsruhe entstanden ist und weiterhin entsteht auch als Otto Normalverbraucher mitbekommt und kaufen kann. Er ist wie ein Schaufenster für Design aus Karlsruhe", meint Produktdesignerin Marina Eggen, die im September 2014 gemeinsam mit Kommunikationsdesignerin Claudia Kappenberger den Family Tree Shop in der Karlsruher Südstadt eröffnet hat, in dem es so einige handgemachte Einrichtungsgegenstände und weitere Produkte von Designern aus der Fächerstadt und weiteren deutschen Städten zu entdecken gibt.
Das gibt's zu ergattern
Das Aufnahmekriterium: "Die Produkte müssen zu unserem Sortiment passen, die Designer unsere Philosophie, wie wir arbeiten - alles in Deutschland selbst herzustellen - teilen", so Karrenberger. So gibt es neben Hockern, Schaukelstühlen und Turnbeuteln - den Schwerpunkten des Labels "Family Tree Shop" - aus ausgedienten aber auch neuen Materialien noch Porzellan von KULØR, Papeterie von Larissa Mantel und reinheft, Glas von SAMESAME, Lampen von Kraud und eine etwas andere Karlsruhe Karte von Designern aus der Fächerstadt sowie unter anderem Taschen von Designer aus weiteren deutschen Städten in dem Laden in der Südstadt zu ergattern.


Der Ursprung des Ladens und aller Karlsruher Designer, die mit ihren Produkten mit im Boot sitzen, liegt an der Hochschule für Gestaltung. "Bei einem fächerübergreifenden Projekt haben wir beide uns kennnengelernt. Wir haben Bänke aus Holzresten gebaut für ein Pop-up-Restaurant. Danach wollten wir aus den Bänken weitere Möbel generieren und haben dann während des Studiums schon unseren Hocker designt und wollten ihn vertreiben", berichtet Kappenberger. So kam den beiden kurz vor dem Ende ihres Studiums die Idee, ein eigenes Label zu gründen. "Wir haben nicht so lange drüber nachgedacht, sondern einfach gesagt: Gut, wir gründen das jetzt", meint die Kommunikationsdesignerin. Ihre Produkte haben sie zunächst zwei Jahre lang in einem Hinterhof, über ihren eigenen Onlineshop und auf Messen verkauft. Dann kam der eigene Laden.

Auch wenn Kappenberger in der Grundschule noch Astronautin oder Stewardess werden wollte und Eggen bis zu ihrem ersten Praktikum den Plan hatte, Architektin zu werden, und die Eltern sich eher einen Beruf wie Ärztin oder Lehrerin für die jungen Frauen vorgestellt hatten, sind die beiden froh, diesen Schritt gewagt zu haben. "Etwas Eigenes zu erschaffen, eine eigene Firma zu haben, das ist schon was Tolles. Wenn du selbst alle Entscheidungen fällen kannst und bis zum Ende an einem Produkt mit dran bist, anstatt nur den Entwurf zu machen und irgendwo einzureichen - das finde ich sehr schön", so Eggen.
Auch die Eltern sind mittlerweile zufrieden mit der Entscheidung der beiden. "Es hat ein bisschen gedauert bis sie verstanden haben, dass man damit auch Geld verdienen kann - ein bisschen jedenfalls. Dann waren sie beruhigt und finden es jetzt eigentlich schön", verrät Kappenberger. Um abgesichert zu sein und von Anfang an alles selbst zu finanzieren, haben die beiden Shopbesitzerinnen zusätzlich eine feste Stelle als Grafikerinnen in Teilzeit.
Passt der Shop nach Karlsruhe?
Sie sind allerdings nicht die Einzigen, die es gewagt haben, einen kleinen Shop mit eigenen Produkten in der Fächerstadt abseits der Haupteinkaufszone zu eröffnen. "Karlsruhe entpuppt sich gerade, ist noch im frühen Schmetterlingsstadium. Aber hier passiert viel, es gibt immer mehr besondere kleine Shops, es sind fast großstädtische Ansätze zu finden", findet Eggen. Ob diese Shops von den Karlsruhern auch angenommen werden? Ich denke schon, dass sie neugierig sind, aber es braucht noch ein bisschen Gewöhnung, bis kleine Läden wie unsere komplett akzeptiert werden", meint die Designerin.
Die Stadt braucht solche Läden sogar, denkt ihre Kollegin. "Ich finde, dass sie wichtig für eine Stadt sind, weil die Sachen auf der Kaiserstraße vielleicht billiger sind, aber nicht so hergestellt werden, wie es wünschenswert wäre", betont Kappenberger. Viele Kunden des Family Tree Shop wüssten zu schätzen, dass die beiden Besitzerinnen ihnen genau sagen können, wie die Produkte hergestellt wurden, woher sie kommen und wer dahintersteckt, meint Eggen. Wäre der Shop trotzdem in einer anderen Stadt besser aufgehoben? "Wir sind froh, dass wir hier in Karlsruhe einer von etwa zehn sind und beispielsweise nicht einer von 2.000 Lädchen in Berlin", kommentiert Kappenberger.

Bei den beiden Designerinnen können Karlsruher nicht nur selbst gemachte Produkte kaufen, sondern manchmal auch selbst Unikate herstellen. Ab und zu finden Workshops im Family Tree Shop statt beispielsweise zum Thema Porzellan. Beim Stadtgeburtstag haben die beiden Designerinnen bei einem Workshop im Pavillon mit Bürgern etwas geschaffen, mit dem danach zahlreiche Schlossgartenbesucher ihren Spaß hatten: "Stühle für Karl" - Schaukeln aus alten Stühlen. "Da war jeder ein bisschen stolz und hat seine Schaukel herumgezeigt. Es war schön für die Leute, etwas selbst zu machen und dann auch das Ergebnis zu sehen", berichtet Eggen. In diesem Jahr soll es wieder Workshops geben, was und wann genau, steht allerdings noch nicht fest.
Falsch herum?
Doch nicht jeder ist so begeistert von den Ideen der Designerinnen wie die Teilnehmer des Workshops während des Stadtgeburtstags. Bei der Frage nach ihrem denkwürdigsten Verkaufserlebnis fangen beide an zu lachen. "Beim Schaukelstuhl kommen immer die meisten Reaktion, weil jeder weis: Der schaukelt in die 'verkehrte' Richtung - von links nach rechts, statt von vorne nach hinten. Da hat uns mal ein Kunde darauf aufmerksam gemacht. Ihm war nicht klar, dass wir das bewusst so gemacht haben. Er dachte, das ist falsch und wir haben es nicht bemerkt", erzählt Kappenberger lachend.

Auch als es darum geht, welches eigene Produkt derzeit ihr Lieblingsstück ist, sind sich die beiden sofort einig: Ein Schaukelstuhl in braun und dunkelblau. " Er hat ein nordisches Design, das wunderschön ist. Und von der Stuhlform her ist das ein Produkt, das man auch noch in einigen Designwohnungen als Orginal sieht", meint Eggen. Von seinem Lieblingsstück fällt die Trennung auch mal schwer, wenn ein Kunde es kaufen möchte. "Es ist aber immer schön, wenn man jemanden findet, der auch so begeistert davon ist. Da weis man: Das Stück ist jetzt in guten Händen", sagt Kappenberger. Bei sich zu Hause hat sie Hocker ihres eigenen Labels, aber keinen Schaukelstuhl. Der Grund: "Ich hatte mal einen Lieblingsstuhl, der wurde verkauft. Seitdem habe ich keinen mehr so lieb gewonnen wie diesen und warte noch auf den nächsten", berichtet die Designerin schmunzelnd.

Die emotionale Bindung entstehe auch dadurch, dass alle Produkte aus dem "Family Tree Shop" an vergangene Zeiten erinnern. "Viele Sachen haben eine Geschichte. Alte Stühle und Materialien zu verwenden machen wir nicht unbedingt der Umwelt zuliebe, sondern damit die Formsprache aus vergangenen Zeiten nicht verloren geht und weil viele Leute etwas damit verbinden, wenn sie so einen alten Stuhl sehen", so Kappenberger.
Inspiration für neue Produkte finden die beiden Designerinnen überall, zum Beispiel an einer Hauswand in der Stadt oder im Wäschekorb, wo verschiedene Farben aufeinander treffen. Die Designs, die daraus entstanden sind, haben zu Beginn fast nur Frauen angelockt. "Mittlerweile ist es unterschiedlich. Aber am Anfang hätten wir fast schon ein Fest feiern können, wenn mal ein Mann in den Laden gekommen ist. Jetzt kommen aber besonders zu Weihnachten viele Männer, die Geschenke für ihre Frauen kaufen wollen", erzählt Kappenberger lachend. Das liege wohl daran, dass die beiden Besitzer weiblich sind, was sich auf das Ladenbild und Sortiment auswirkt, meint Eggen. "Wir geben uns gerade ein bisschen Mühe, dass es auch Männern gerecht wird", verrät die Designerin.