Frau Klingelhöfer, womit bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?

Ich helfe meinen Kunden, über das Internet mehr Kunden zu gewinnen. Dazu berate ich und biete Dienstleistungen an - sei es Social Media Marketing, Newsletter oder die Erstellung einer klassischen Website. Außerdem bin ich Dozentin an der Universität und gebe dort mein Wissen an andere weiter.

Aktuell leben Sie als "digitale Nomadin" - was heißt das?

Digitale Nomaden arbeiten und reisen gleichzeitig. Sie arbeiten ortsunabhängig, das heißt, sie brauchen kein Büro besuchen, in dem sie jeden Tag ihre Anwesenheit belegen. Die gesamte Kommunikation mit dem Kunden läuft digital - sei es über E-Mail, Messenger oder Videotelefonie. Manche arbeiten als Freelancer für Kunden, andere haben ihren Webshop mit fremden Produkten, und die ganz Glücklichen haben eigene, beliebig skalierbare Produkte und genießen ein passives Einkommen.

Mit welchen Projekten beschäftigen Sie sich während Ihrer Zeit als digitale Nomadin?

Ich arbeite derzeit größtenteils "an" meinem Unternehmen anstatt in meinem Unternehmen. Es ist Zeit, zu reflektieren: Wo stehe ich? Was war, wo will ich hin? Das fällt mir am leichtesten, wenn ich in einer anderen Umgebung bin.

Wo sind Sie denn aktuell unterwegs?

Ich bin gerade in Pipa, einem schnuckeligen Surferort im Nordosten Brasiliens. Gerade habe ich mir nach einer Woche mit Freunden im Hostel ein schönes eigenes Apartment mit Pool gegönnt, Plattformen wie AirBnB machen es möglich.

Auf den ersten Blick hört sich das nach einem ziemlich lockeren Leben an. Morgens ins Meer springen, dann ein bisschen arbeiten und nachmittags Cocktails am Pool. Wie viel Wahrheit ist an diesem Bild dran?

Mein Foto lässt vermuten, dass dem so sei. In Wirklichkeit kommt es aber ganz darauf an, wie ich mir die Zeit einteile. Ich habe mir anfangs einige freie Tage gegönnt, um "runterzufahren" und in Brasilien "anzukommen". Jetzt bevorzuge ich es, morgens früh aufzustehen (dann ist es noch nicht so heiß), eine Runde im Meer oder im Pool zu schwimmen, zu frühstücken und dann zu arbeiten. Abends unternehme ich dann gerne etwas mit Mitreisenden. Auch hier mache ich natürlich Wochenende und gönne mir komplett freie Tage; nur müssen die nicht am Samstag und Sonntag stattfinden.

Die Bezeichnung digitaler Nomade ist noch relativ neu, dennoch entscheiden sich immer mehr Menschen, nicht nur den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen, sondern dies auch gleich von unterwegs aus zu tun. Wie kommt das Ihrer Meinung nach?

Einerseits ermöglicht es die Digitalisierung schlicht und einfach. Wer erfinderisch ist und bereit ist, sich Dinge selbst anzueignen, kann ohne Startkapital, allein mit einem Laptop ausgestattet, gründen. Andererseits habe ich auf der Reise viele junge Leute zwischen 25 und 40 kennengelernt, die ein paar Jahre Berufserfahrung gesammelt haben, und nun ihr eigenes Ding machen möchten. Die einen sind genervt vom Chef oder vom "Anwesenheit = Arbeit-Denken", die anderen wollen ihre eigenen Ideen umsetzen. Und dann gibt es wiederum genügend, die auf der Reise zu sich selbst sind. In den Jahren zwischen 25 und 35 werden normalerweise viele Entscheidungen getroffen, von denen wir jungen Menschen glauben, sie würden das ganze restliche Leben bestimmen. Das kann einen schnell mal überfordern und man möchte einfach noch mal etwas anderes sehen, bevor man sich irgendwo "niederlässt".

Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen Sie als digitale Nomadin bisher zu kämpfen hatten?

Ich habe mich am Anfang sehr schwer getan, in einem Arbeitsrhythmus reinzukommen. Gerade wenn ich mit anderen befreundeten digitalen Nomaden reise und der Ort, an dem ich gerade bin, so viel Interessantes zu bieten hat. Ich wollte so viel Abenteuer erleben, wie früher in meinen Rucksackreisen, habe aber schnell gemerkt, dass das nicht geht. Ich kann nicht alle drei Tage den Ort wechseln, brauche auch hier einen Rhythmus. Reisen und Arbeiten zur gleichen Zeit ist einfach anders als ein Urlaub, in dem man sich komplett freinimmt. Ich muss für mein Geld und für das Weiterreisen genauso arbeiten, und ich habe mir Ziele gesteckt, die ich erreichen möchte. Zum Glück macht mir meine Arbeit Spaß und ich kriege ziemlich schnell "Hummeln im Hintern", wenn ich eine Zeit lang nichts tue.

Wie gehen denn Ihre Auftraggeber damit um, Sie nicht mal eben zum Meeting treffen zu können?

Die haben sich mit mir auf meine Reise gefreut und ziemlich entspannt reagiert. Per E-Mail und Skype bin ich ja weiterhin für diese erreichbar, sie müssen nur die Zeitverschiebung bedenken. Deutschland ist Brasilien vier Stunden Voraus, wenn ich mich morgens vor den Laptop setze, ist der halbe Tag in Deutschland schon vorbei. Neue Kunden reagieren eventuell etwas irritiert, insbesondere, wenn sie selbst nach einer strikten Trennung von Reisen und Arbeiten leben. Aber so lange ich meine Arbeit liefere, sollte mein Aufenthaltsort sich auch gar nicht groß bemerkbar machen.

Ihre Zeit als digitale Nomadin haben Sie selbst zeitlich begrenzt. Steht diese Grenze noch oder denken Sie schon darüber nach, die selbst gesetzte Frist zu verlängern?

Meine selbstgesetzte Grenze von drei Monaten steht noch. Ich freue mich ja auch auf meine Freunde in Deutschland und auf das, was 2016 in Karlsruhe ansteht. Wer jedoch einmal länger auf Reisen war, der ist vermutlich für sein Leben lang "infiziert". Ich liebe es, die Welt zu entdecken, von anderen Kulturen zu lernen und meine Grenzen zu testen. "Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, liest nur eine Seite davon", lautet ein Sprichwort, nach dem ich lebe.

Haben Sie denn schon Pläne, wie Sie weitermachen wollen, wenn Sie wieder in Deutschland sind?

Ich arbeite derzeit daran, mein Geschäft mehr ins Digitale zu verlagern. Workshops, die vorher ausschließlich vor Ort stattgefunden haben, können verkürzt werden, indem ich Teile der Inhalte digital in einem Videokurs liefere. Außerdem möchte ich mein Dienstleistungsgeschäft zum Teil automatisieren und auf meiner Website einen Shop hinzufügen. Momentan schreibe ich an einem eBook für junge Menschen, die sich selbstständig machen wollen. Auch das kann mir in Zukunft einen Teil meiner Einnahmen bringen.

Sie haben den Sprung ins digitale Nomadentum gewagt. Was sagen Sie denen, die vielleicht darüber nachdenken, sich aber nicht so recht trauen?

Puh, ich bin ja jemand, der gern ins kalte Wasser springt. Ich denke, dass eine zeitlich begrenzte Zeit als digitaler Nomade gut ist, um sich heranzutasten. Ähnlich, wie ich das gerade mache. Ich habe mich außerdem knapp ein halbes Jahr darauf vorbereitet, diese Zeit wegzugehen. Besonders meine Daten zu sichern und auf alle wichtigen geschäftlichen Infos Zugriff zu haben, hat mich einige Zeit in der Vorbereitung gekostet. Man sollte sich bewusst sein, dass man auch erst mal Zeit braucht, sich im neuen Land zurechtzufinden und seine Routine zu finden. Zunächst ein paar Tage Kompletturlaub und erst dann mit dem Konzept des Arbeitens und Reisens gleichzeitig zu starten, halte ich für sinnvoll. Wer vorher nicht selbstständig war, für den ist das digitale Nomadentum vielleicht zu viel des Guten. Angestellte (ja, auch die gibt es unter den digitalen Nomaden!) sollten ihren Arbeitgeber so früh wie möglich einweihen und diskutieren, wie die Arbeit möglichst reibungslos weiterlaufen kann.

Haben Sie einen ultimativen Tipp für diejenigen, die sagen: so, das mache ich jetzt auch?

Sie sollten sich früh genug mit anderen Digitalen Nomaden umgeben; auf Facebook gibt es ein paar gute Gruppen für Digitale Nomaden. Außerdem gibt es eine Konferenz für Digitale Nomaden, die DNX (www.dnx-berlin.de/). Ich war dort im Mai, wurde danach in die Facebook-Gruppe aufgenommen und erfuhr darin schließlich von der neuntägigen Kreuzfahrt über den Atlantik, die mich und 120 andere Digitale Nomaden von Las Palmas, Cran Canaria nach Salvador, Brasilien gebracht hat (http://nomadcruise.com/). Die gleiche Wellenlänge und Networking in der Gemeinschaft ist wichtig, sonst ist man nur der "Spinner", der Flausen im Kopf hat, weil das Konzept in Deutschland noch wenig bekannt ist. (Wer mehr über die Höhen und Tiefen des Digitalen Nomadentums erfahren möchte, dem sei außerdem meine Kolumne auf www.techtag.de/ empfohlen, die bald starten wird.)

Ute Klingelhöfer ist 29 Jahre alt und die Inhaberin von contentwerk. Als Content Strategin berät und unterstützt sie ihre Kunden darin, sich mit den richtigen Themen auf den passenden Kanälen im Internet zu präsentieren um mehr Kunden zu gewinnen und die Kundenbindung zu steigern.

Das Interview wurde per E-Mail geführt. Fragen: Felix Neubüser