In einer aktuellen Studie des Bundesfamilienministeriums gaben 93 Prozent der befragten Frauen an, schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden zu sein. Die Belästigung kann dabei recht unterschiedliche Formen annehmen. Ein Kollege sucht bedrängende körperliche Nähe, schickt pornographische E-Mails oder starrt in den Ausschnitt. "Keine Situation ist wie die andere", sagt Annette Niesyto, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe.

Schuld nicht bei sich selbst suchen

Viele Frauen seien nach einem solchen Vorfall irritiert und wüssten nicht, wie sie diesen einschätzen sollten. War das nicht nur ein dummer Zufall oder ein Missverständnis? Deshalb nähmen sie eine solche Situation zunächst nicht ernst. "Sie glauben, dass es eigentlich nicht sein kann, dass dieser Kollege sie offensichtlich belästigt", erklärt Niesyto. Viele suchten zudem die Schuld vor allem bei sich selbst und fragten sich auch: "Was habe ich falsch gemacht, dass der mich so behandelt?"

Doch ein solcher Vorfall dürfe nicht mit dem Gedanken abgetan werden, man sei einfach überempfindlich. "Belästigung fängt an, wenn man das Gefühl hat, dass persönliche Grenzen verletzt werden", betont Niesyto. Besonders in unterschiedlichen Berufsfeldern sähen diese sehr spezifisch aus. In einer Bank sei der gegenseitige Umgang eher formal und distanziert. In kreativen Bereich dagegen gingen Mitarbeiter eher informell locker miteinander um. Dort, wo die Grenzen der Privatsphäre nicht so klar definiert sind, sei es am schwierigsten festzustellen, ob und in welchem Maße sexuelle Belästigung vorkomme.

Menschen mit einer schwächeren Stellung im Betrieb würden insgesamt häufiger Opfer werden. In Deutschland arbeiten noch immer mehr Männer in leitenden Positionen als Frauen. Deshalb seien diese in ihrer Position männlichen Kollegen gegenüber unterlegen und eher mit körperlichen Anmachen oder obszönen Sprüchen konfrontiert. In den über 20 Jahren, die Annette Niesyto für die Stadt Karlsruhe tätig ist, sei ihr nur ein Fall bekannt, in dem ein Mann sexuell belästigt wurde. "Dieser fühlte sich von seiner saloppen Chefin in seinen Grenzen verletzt", erinnert sie sich.

"Man muss Rat suchen"

Wie viele Fälle von sexueller Belästigung es in Karlsruhe tatsächlich gibt, kann Niesyto nicht sagen. Die Zahl der Fälle, die nicht ans Licht kommen, sei riesig groß. Insgesamt habe die Zahl der Beschwerden, die ihr Büro erreichen, zwar abgenommen. "Ich werte das aber nicht als Abnahme des Themas im Allgemeinen", räumt sie sein. "Vielmehr glaube ich, dass Frauen eher Hilfe bei engen Vertrauten suchen, als bei öffentlichen Stellen." Die Hemmschwelle, überhaupt darüber zu reden, sei ungebrochen hoch.

Um sich gegen Vorfälle dieser Art zur Wehr zu setzen, sei es in jedem Fall wichtig, das Gefühl, dass die offensichtlichen Annäherungsversuche nicht in Ordnung sind, ernstzunehmen. Keineswegs dürften sich Frauen einreden, dass da nichts sei, rät die Gleichstellungsbeauftragte. So sei es essentiell, sich einer vertrauten Person zu öffnen. "Man muss das Unangenehme artikulieren und Rat suchen. Man darf nicht denken, dass man diese Situation allein durchstehen müsse", betont Annete Niesyto. Wichtig sei zudem, die Übergriffe zu dokumentieren. Die Faktenlage spiele bei einem rechtlichen Vorgehen eine wichtige Rolle. Mit einem Tagebuch könnten Betroffene im Zweifel nachweisen, was wann geschehen ist.

Positives Arbeitsklima verhindert Übergriffe

"Jeder hat einen Anspruch auf Schutz", sagt sie. Am Arbeitsplatz sei der Chef dafür verantwortlich. Auch die Kollegen sollten sich bei einem Fall von sexueller Belästigung schützend an die Seite des Opfers stellen. Generell könnten alle Mitarbeiter im gemeinsamen Engagement für ein positives Klima am Arbeitsplatz sorgen und im Voraus sexuelle Übergriffe egal welcher Art verhindern.

Betroffene Frauen finden Rufnummern und Ansprechpartner beispielsweise in der Broschüre "Gewalt gegen Frauen" der Stadt Karlsruhe. Wie man sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wehrt, darüber informiert außerdem der Flyer "Grenzen setzen - Was tun bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz?" der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

 
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