Ein Anstieg der Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen käme nach Einschätzung des Religionssoziologen Detlef Pollack "einem Wunder gleich". So verlor auch die evangelische Landeskirche in Baden 2017 Mitglieder. Das geht aus der aktuellen Mitgliederstatistik hervor. Die Evangelische Landeskirche in Baden hat derzeit 1.156.407 Mitglieder 9.656 Taufen und 1.131 Eintritten standen im vergangenen Jahr 10.533 Austritten gegenüber. Vor allem aufgrund des demographischen Wandels verlor die badische Landeskirche jedoch insgesamt knapp 18.500 Mitglieder.
Die Mitglieder seien überaltert, und die Jugend werde "so wenig im Glauben erzogen, wie das in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nie der Fall war", sagte der Experte von der Universität Münster der Deutschen Presse-Agentur.
Zahlen sinken seit Jahren
Die katholische und die evangelische Kirche veröffentlichen an diesem Freitag ihre Mitgliederzahlen für 2017. Schon seit langem gehen die Zahlen zurück. 2016 war die Zahl der Katholiken und Protestanten in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um etwas mehr als eine halbe Million auf 45,5 Millionen gesunken.
Der Publizist Andreas Püttmann ("Gesellschaft ohne Gott") sagte der dpa, der Mitgliederrückgang sei nicht so sehr demografisch bedingt, sondern lasse sich vor allem darauf zurückführen, dass die Weitergabe des Glaubens nicht mehr richtig funktioniere. "Wir sehen deshalb jetzt erdrutschartige Abbrüche in der jungen Generation."
Vereine verlieren noch mehr Mitglieder
Das liegt aus der Sicht von Religionssoziologen kaum an einem falschen kirchlichen Angebot, sondern an allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen, an denen die Kirche nichts ändern könne: zunehmender Wohlstand, Individualisierung, Urbanisierung, vielfältige Freizeitmöglichkeiten, Bildungsexpansion, Mobilitätszunahme. "Die Selbstbezeichnung als religiöser Mensch ist seit Jahrzehnten im leichten Sinkflug", sagte Püttmann. "Nur jeder Dritte erklärt, an religiösen Themen interessiert zu sein."
Allerdings verläuft der Schwund noch sehr gemäßigt, wenn man bedenkt, dass nur jedes zehnte Kirchenmitglied am Gottesdienst teilnimmt. "Insofern ist nicht erklärungsbedürftig, warum jedes Jahr 'wieder so viele' die Kirchen verlassen, sondern, warum es so wenige sind", sagte Püttmann. "Der Aderlass der Volksparteien und vieler Vereine war größer."
Kirche ist in der Kultur tief verankert
Die Erklärung dafür sei, dass der christliche Beitrag für eine humane, menschenwürdige Gesellschaft noch immer sehr geschätzt werde. "Die Furcht vor einer Gesellschaft ohne Gott ist auch bei kirchlich Randständigen und Agnostikern verbreitet", sagte Püttmann. "Deshalb scheuen auch viele Zweifler eine Totaldistanzierung von der Kirche." Genauso sieht es Pollack: "Die Kirche ist in unserer Kultur und Geschichte und auch in den Familien tief verankert. Die Menschen spüren, dass sie etwas Gutes und Sinnvolles aufgeben, wenn sie die Kirche verlassen."