Beim Anblick der gediegenen, majestätisch strahlenden Karosserien schlägt selbst das Herz eines jeden höher, der sein Leben nicht den Automobilen verschrieben hat. 85 Chevrolet Corvetten in Reih’ und Glied, jedes Baujahr und jede Farbe. Diese Augenweide zierte am vergangenen Sonntag das Ufer am St. Leoner See nahe Bruchsal, beim "3. Corvette-Sunday" der Corvette-Freunde Kurpfalz (CFK).
"Letztes Jahr hatten wir über 100 Autos hier. Dieses Mal sind es etwas weniger, was wohl am trüben Wetter liegt", sagt Gert Stegmüller ähnlich betrübt wie der Himmel, einer der drei CFK-Begründer. Im Laufe des Mittags meinte es Petrus doch noch gut mit den PS-Fans, tummelte sich letzten Endes doch eine beachtliche Flotte der sportlichen Karosserien auf der Wiese neben dem Campingplatz.
"Gert hat mich infiziert!"
Stegmüller hatte sich 1990 seinen ewigen Traum erfüllt und sich eine Corvette Baujahr `79 geleistet, die noch heute seine Garage ziert. Auf die US-Autos aufmerksam wurde er durch seinen Beruf als Dragster-Mechaniker. Dragster sind jene stählernen Kraftpakete, die bei Viertelmeilen-Rennen in ungeheurer Beschleunigung ihre Kräfte messen. Stegmüllers Corvette "Stingray L82" hat schlappe 340 Pferdestärken unter der glänzend roten Haube und bringt es auf 200 Kilometer in der Stunde. "Man muss aber bedenken, dass die Autos für den amerikanischen Markt konstruiert sind. Da gelten ja durchweg 55 Meilen als Geschwindigkeitsbegrenzung", erklärt der 44-jährige und in St. Leon-Rot heimische Stegmüller. "Worauf es bei der Corvette ankommt, ist die Beschleunigung, nicht die Spitzengeschwindigkeit."
Seine Euphorie für Corvetten schwappte alsbald auf Arbeitskollege und späterer CFK-Mitbegründer Matthias Pawlitschko über. "Autos waren schon immer meine Leidenschaft. Und als ich die Corvette gesehen habe, wusste ich: das ist mein Ding! Gert hat mich infiziert", lacht der 40-Jährige mit schwarzem, langem Haar und grauem Ziegenbärtchen. Im Herbst 1999 sah der im Kreis Heppenheim lebende Pawlitschko die Corvette seines Kollegen. Bereits im darauf folgenden Frühjahr hatte er seine eigene: ebenfalls Baujahr `79. Mittlerweile hat er sein Hobby noch etwas ausgeweitet. Zu seiner stolzen Sammlung sind zwei weitere Corvetten hinzugekommen: "Eine Baujahr `77 und eine `93er", gibt Pawlitschko mit einem Funkeln in den Augen preis. Die `93er sei sogar ein Sondermodell im Originalzustand, das zum 40. Geburtstag der Corvette gebaut wurde, versichert er. Lediglich an der `79er Version mit 200 Pferdestärken habe er "einige technische Verbesserungen" vorgenommen.
Penibel polierte Schmuckstücke
Dritter CFK-Pionier in der Runde ist Rolf Wurm, Jahrgang 1956, aus dem pfälzischen Bockenheim. Insgesamt wirkt er etwas ruhiger als die beiden anderen Gründerväter. Doch geht es um sein Auto, eine Corvette Baujahr `81 in dunklem weinrot mit satten 200 PS, wird er schon mal hellhörig. Kennen gelernt hatte er Pawlitschko und Stegmüller natürlich bei einem Corvette-Treffen. "Irgendwann fanden aber immer weniger Treffs statt", erklärt Wurm, "so dass wir den Beschluss fassten, selbst etwas auf die Beine zu stellen". Der erste "Corvette-Sunday" der kurpfälzischen Freunde war dann 2003, dem 50-jährigen Jubiläum des PS-starken Powerpakets aus den USA. "Die CFK sind ein zwangloser Freundeskreis, kein Verein, keine Gebühr, kein Eintrittsgeld", stellt Stegmüller klar. "Und außerdem das einzige Treffen dieser Art im Südwesten Deutschlands", fügt er stolz hinzu. Mittlerweile zählen Stegmüller und Co. 25 stetige Mitglieder bei den Stammtischen und Treffs, die Zahl der restlichen Corvette-Freunde variiert. Stegmüller: "Wie gesagt, alles zwanglos. Es muss sich auch keiner anmelden. Einfach kommen und Auto zeigen. Gebühren wollen wir auch keine, schließlich sind die Aussteller Teil der `Show´, dafür sollten sie dann nicht noch zahlen müssen."
In Reih und Glied: Amerika-Feeling in Baden (Foto: ka-news) |
Beim jährlichen "Corvette-Sunday" hauptsächlich vertreten: die neueren Corvette-Modelle "C4" und "C5", aber auch das aktuellste vom Markt, die "C6" - natürlich mit amerikanischer Zulassung. Unter den aufs Penibelste polierten und gewachsten Schmuckstücken ragen die "Sting Ray"-Versionen, Modell "C2" - die Baujahre 1963 bis 1967 - besonders heraus. "Das sind die echten", erklärt ein Corvette-Experte. "Die meisten meinen nämlich die `C3er´ aus den Jahren `68 bis `82´, wenn sie von `Sting Ray´ reden. Das sind aber `Stingray´." Ein kleiner, aber feiner Unterschied in der Geschichte der Corvette. Der Chevrolet-Chefdesigner der 60er Jahre, Bill Mitchell, war seinerzeit begeisterter Hochseeangler. Besonders fasziniert war er von der eleganten Form der Stachelrochen ("sting rays"), welche er auf das neue Corvette-Modell 1963 übertrug. Fünf Jahre später waren die Designer von einem neuen Modell, der "C3", überzeugt und brachten sie auf den US-Markt. Da der Absatz zuerst nicht die Erwartungen erfüllte, die Verantwortlichen jedoch nicht in eine frühere, Mythos behaftete Corvette-Serie eingreifen wollten, nannten sie den neuen Typ kurzer Hand "Stingray".
Mit Stolz über die Hauptstraße
Dieter Bolz mit seinen Schätzen (Foto: ka-news) |
Zurück zum "3. Corvette-Sunday": Zwischen all den glänzenden, neueren Sportwagen blitzt ein besonderes Goldstück in rot-weißer Lackierung, knallroten Ledersitzen und der unvergleichlichen Klasse einer edlen Dame: eine Corvette von 1958. Stolzer Besitzer: Dieter Bolz, 47 Jahre, gebürtig aus Rußheim im Landkreis Karlsruhe, und gern gesehenes CFK-Mitglied. "Schon in meiner Jugend träumte ich von so einem Auto", schwelgt Bolz in Erinnerungen. Auf dem Heimweg von der Arbeit von Karlsruhe nach Rußheim begegnete ihm ständig ein Amerikaner mit einer `68er Corvette. "Das war vor 30 Jahren. Vor zehn Jahren stand mein Entschluss dann fest." Beim Durchstöbern von Fachliteratur stieß er auf seinen Traum: die Corvette Baujahr 1958, von denen insgesamt nur 9168 Stück vom Fließband rollten. "Das ist das Modell mit der üppigsten Chromverzierung", schwärmt Bolz. Doch gestaltete sich die Suche nach dem begehrten Stück schwieriger als vorgesehen, da er die Corvette im Originalzustand haben wollte. Angebote bekam er genug - nur war nicht das Richtige dabei. "Da waren viele, die an den Autos rumgepfuscht hatten. Nichts mehr original. 2001 wurde ich dann erlöst. Ein Experte aus Hamburg sagte mir, er habe genau das, was ich suche". Zu 80 Prozent war sie im Original erhalten, den Rest ließ Bolz vom Fachmann restaurieren und besserte die letzten Kleinigkeiten selbst aus.
Wurm, Stegmüller, Bolz und Pawlitschko (v.l.) (Foto: ka-news) |
Sein Umfeld im eher ländlichen Rußheim reagierte weniger positiv auf die Anschaffung. "Es gibt welche, die grüßen mich das ganze Jahr. Doch sehen sie mich in der Corvette, drehen sie den Kopf weg und tun so, als wäre ich fremd", schüttelt Bolz über seine Neider den Kopf. "Aber das ist mir egal. Andere erfüllen sich mit einem Boot einen Traum, ich habe eben ein Auto." Doch es gibt auch noch kleine Lichtblicke. So wird Bolz auf Rußheims Hauptstraße schon mal mit Handkuss die Vorfahrt gewährt. Und rauscht ein ebenfalls betagter, amerikanischer Pick Up an seinem roten Flitzer vorbei, wird schon mal die Hand zum kameradschaftlichen Gruß gehoben. Und auch Ehefrau Evi hat nichts gegen die verehrte alte Dame in der Garage. "Nur fahren will sie nicht damit", schmunzelt Dieter. Bei der Frage nach dem Preis für seine Corvette, verwandelt sich das Schmunzeln nur in ein breiteres Grinsen: "1958 hat sie 3.631 US-Dollar gekostet." (Zweit-)Größter Fan des Autos ist wohl Töchterchen Alina. "Als sie noch kleiner war und nicht schlafen wollte, war die Corvette oft die letzte Hoffnung. Kind rein, Motor an und schon fielen die Augen zu", lacht Bolz.
"Das ist das Beste, das mir passieren konnte"
"Beim `Corvette-Sunday´ ist mein 1958er Modell das älteste", freut sich Bolz, als just in dem Moment hinter ihm ein strahlend weißer Oldtimer mit Nummernschild aus Baden-Baden blubbernd das Gelände befährt. Zuerst fast schon etwas beunruhigt, nimmt der leidenschaftliche Autoliebhaber Bolz den "Kontrahenten" unter die Lupe. "Ah, der Nummernschildhalter ist nicht original `58", erkennt das geschulte Auge auf den ersten Blick und ein Stück weit macht sich bei Bolz die Erleichterung breit. "In rot kommt sie viel besser zur Geltung" - der Zuruf scheint Bolz Balsam auf der Seele zu sein.
Carmen Geiger und ihre Corvette (Foto: ka-news) |
Und noch ein Paradiesvogel findet sich beim Treff der Corvette-Freunde: Carmen Geiger, die einzige Frau im von Männern dominierten Club. Doch das macht der 43-Jährigen nichts aus, im Gegenteil: "Das ist das Beste, das mir passieren konnte", lacht sie. Behaupten kann sie sich gegen ihre Jungs allemal. Eine Zeit lang war Geiger Dragster-Fahrerin auf dem Hockenheimring, der einzigen Dragster-Rennstrecke, die gewertet wird. Ihr damaliger Wagen: ein Mazda RX7. "Als ich dann ein neues Auto wollte, schlug mir ein Bekannter eine Corvette vor", erinnert sich die Ludwigshafenerin. "Dann sind wir in die USA geflogen und haben sie uns angesehen. Da ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich kaufen soll oder nicht, warf ich eine Münze. Bei Kopf wollte ich es sein lassen." Es fiel Kopf. Und Geiger kaufte die `81er Corvette aus erster Hand trotzdem. "Ich habe es nie bereut", lacht sie. Das Dragster-Fahren habe sie dann aufgegeben, die Corvette sei ihr "zu schade" gewesen. Ihre Brötchen verdient Geiger als Systemadministratorin. Zweites Hobby ist übrigens ihre 1976er Goldwing GL1000. Die fährt sie schon seit über 20 Jahren. Zum Beispiel, wenn sie ihrer weiteren Freizeitbeschäftigung nachgeht: Hubschraubern und Kampfjets. (phi)