Eine dieser seltenen Möglichkeiten bietet sich in "Müller's Ossiladen" in Ettlingen. Der gebürtige Leipziger Andreas Müller hat frische Spreewaldgurken in allen Variationen im Angebot: Senfgurken, Knoblauchgurken, Pfeffergurken, Brühgurken oder Meerettich-Senf-Gurken – natürlich direkt aus dem Fass.

Den kleinen Laden, der neben den obligatorischen Gurken jede Menge weitere Ost-Produkte verkauft, gibt es seit knapp sechs Jahren. "Immer wenn wir zu Verwandten im Osten fahren wollten, fragten uns Freunde: 'Ach bring doch noch dies mit, vergiss bloß nicht das ...'", erklärt Müller seine Motivation, einen solchen Laden zu eröffnen. So kam er auf die Idee, Ost-Produkte auch in Karlsruhe anzubieten. "In den Regalen der westlichen Supermärkte wird das ja alles nicht geführt", bedauert Müller, der den Ossiladen zusammen mit seiner Frau betreibt.

Es folgte eine mühevolle Recherche im Internet. Wer produziert noch Lebensmittel, die in der ehemaligen DDR die Regale füllten? Und wer vertreibt sie? Fast alle Waren des Sortiments werden auch heute noch im Osten Deutschlands hergestellt, auch wenn einige Firmen mittlerweile in westdeutschem Besitz seien, erzählt Müller. "In den ersten Tagen nach der Eröffnung war der Ansturm auf einige Produkte so groß, dass sie ziemlich schnell ausverkauft waren." Der gelernte Tischler muss schmunzeln. "Aber das kennt man ja auch irgendwoher ..."

Müller kam direkt nach dem Mauerfall nach Karlsruhe

"Viele unserer Produkte sind im Osten absoluter Marktführer", erzählt Müller. Dort führten auch große Supermarktketten die Ost-Produkte in ihren Regalen. Im Westen Deutschlands ist das natürlich nicht der Fall. "Aufgrund der geringen Verkaufszahlen rechnet sich das für die Supermärkte hier nicht", weiß der Ladenbetreiber. Dies sei auch der Grund, warum man in "Müller's Ossiladen" keine Discountpreise bieten könne. "Wer hier einkauft, weiß das natürlich."

Anfang 1990, nur wenige Monate nach dem Mauerfall, kam Müller nach Karlsruhe. Zwar hatte er, im Gegensatz zu manch anderem, der zu dieser Zeit die DDR Hals über Kopf verließ, einen sicheren Job als Klavierbauer in Leipzig. Doch mit der gerade sechs Wochen alten Tochter war die Ein-Zimmer-Wohnung einfach zu klein geworden, eine größere Unterkunft nicht zu finden.

Also zog die junge Familie nach Karlsruhe, wo Müller bis zur Eröffnung seines Ladens bei Karstadt arbeitete. "Jetzt gibt es im Osten natürlich jede Menge leere Wohnungen ...", scherzt der Ladenbetreiber.

Neben den Spreewälder Gurken sind es besonders die frischen Thüringer Wurstwaren, die viele Kunden in den Laden locken. In den Regalen findet sich aber auch die älteste deutsche Schokolade. Seit über 200 Jahren produziert die Halloren Schokoladenfabrik in Halle an der Saale. Zu Müllers Sortiment gehören in erster Linie die die Halloren Kugeln, die es klassisch als "Sahne-Cacao" oder mit diversen Füllungen wie "Irish Cream" oder "Erdbeer-Minze" gibt. Insgesamt füllen gut 5.000 verschiedene Produkte den schmalen Verkaufsraum.

Auch immer mehr Wessis kaufen in "Müller's Ossiladen" ein

"Zu Beginn waren fast alle unserer Kunden Ossis", erzählt Müller. Inzwischen hat sich der Kundenkreis erweitert, fast jeder zweite Kunde kommt nicht mehr aus der ehemaligen DDR. "Am Anfang hatte ich wirklich Bedenken, ob wir uns lange halten können", gibt der gebürtige Leipziger zu. "Aber mittlerweile leben ja auch immer mehr Jugendliche, die im Osten keine Lehrstelle erhalten haben, in Karlsruhe." Und die würden die angebotenen Produkte natürlich kennen.

"Wir haben etwa 60 Kunden, die seit der Eröffnung regelmäßig hier einkaufen", erklärt Müller. Ein solcher Kundenstamm, auch wenn er nicht besonders groß sei, sei für "Müller's Ossiladen" natürlich unverzichtbar. "Diese Kunden erzählen das ja auch weiter, das ist die beste Werbung, die man sich vorstellen kann", verdeutlicht Müller die Bedeutung dieser "Kunden der ersten Stunde".

Einziger Laden für Ost-Produkte in Süddeutschland

Rund ein Fünftel der Kunden haben sogar einen Anreiseweg von mehr als hundert Kilometern. Sie kommen aus Frankfurt, Stuttgart oder Freiburg. Das mag viele erstaunen, hat aber einen simplen Grund. "Wir sind mittlerweile der einzige Ossiladen in Süddeutschland", sagt Müller nicht ganz ohne Stolz. In den Anfangsjahren von "Müller's Ossiladen" habe es im Westen über 20 solcher Läden gegeben. Jetzt finde sich nur noch ein weiterer in Köln. "Die anderen mussten inzwischen alle dicht machen", so Müller.

Dass sein Laden läuft, macht Müller vor allem an der hohen Kaufkraft der Bürger in Karlsruhe fest. "Zudem haben wir immer der Versuchung widerstanden, in die Innenstadt umzuziehen", erklärt der Ladenbetreiber. Dort seien die Mieten mindestens doppelt so hoch. Die etwas abgeschiedene Lage schade aber nicht. Müller glaubt: "Wer uns finden will, der findet uns auch."