Dieter Bürk geht langsam durch den heruntergekommenen Innenhof. Von den Wänden blättert der Putz, die Briefkästen sind zerbeult, die meisten Fenster sperrangelweit geöffnet. In einer Ecke stapelt sich das Gerümpel. "Herr Bürk, warn' Sie im Urlaub?", tönt es plötzlich aus einem der Fenster.

Vom Nachbarschaftsstreit bis zum Scheidungsprozess

Ein glatzköpfiger Mann mit freiem Oberköper hat sich halb herausgelehnt und schaut ihn an. Dieser entgegnet braungebrannt und lachend: "Natürlich! Das sieht man doch!" Schnell gesellt sich eine korpulente Frau im lila Sonnentop dazu und meint freudestrahlend: "Herr Bürk, wir kriegen jetzt unseren eigenen Schlafbereich!", und ein sich neugierig aus dem Fenster lehnendes Mädchen ergänzt: "Wir kriegen eine neue Heizung!"

Der Sozialarbeiter Bürk wechselt ein paar Worte mit den Anwohnern. Bei ihm landet nahezu alles: Vom Nachbarschaftsstreit über Scheidungsprozesse bis hin zu Menschen, die finanzielle Schwierigkeiten haben. Aber bei den meisten Fällen liegt der Schwerpunkt auf der Erziehung: "Wir müssen über das Wohl der Kinder wachen". Kinder aus Familien herausholen - das macht Bürk im seltensten Fall. Und man merkt schnell: Ihn nervt, wie das Jugendamt in der Öffentlichkeit manchmal dargestellt wird. Das trage dazu bei, dass manche Menschen ihm mit großem Misstrauen begegnen.

Eltern seien oftmals rat- und hilflos. Aber auch alleinstehende Erwachsene werden von ihm und seinen Kollegen unterstützt. Der Soziale Dienst betreut Problemfälle "von Anfang bis Ende". Das wiederum sei eigentlich nur möglich, wenn immer der gleiche Sozialarbeiter mit den Familien kooperiere. Aber so mancher sei wegen Burnout nicht mehr arbeitsfähig. Bürk wünscht sich ein wenig mehr gesellschaftliche Anerkennung, mehr Mitarbeiter - und auch finanziell von der Stadt mehr Wertschätzung.

"Man kann auch nachts um 12 Uhr durch die Südstadt gehen"

Dass die Südstadt oftmals als Ghetto hingestellt wird, ärgert ihn. Er schließt sein Fahrrad nicht ab, wenn er zwei Minuten in ein Haus geht: "Man kann auch nachts um 12 Uhr durch die Südstadt gehen und es passiert - nichts. Die Südstadt hat auch ihre schönen Seiten", weiß Bürk. Beispielsweise das offene Bücherregal - das erste, das es in Karlsruhe gab. Dort können Menschen ein Buch entnehmen, es lesen und zurückstellen oder ein anderes bringen und dafür das Gelesene behalten. "Hier lebt Multi-Kulti", erklärt der Mann mit der Uferglatze und dem wachen Blick.

In manchen Gegenden seines Gebiets ist der Migrantenanteil sehr hoch. Im Flur der Räume des Sozialen Dienstes hängen die Aufgaben deshalb auf Deutsch und auf Türkisch. Insgesamt sechs Bezirksgruppen sind für Karlsruhe zuständig, dazu kommen noch zwei für Durlach. Die Arbeit gliedert sich in drei wesentliche Aufgaben: Die sozialpädagogische Gruppenarbeit, die Bezirkssozialarbeit (auf der der Hauptfokus liegt) und die Schulsozialarbeit.

"Ja, manchmal habe ich auch Angst“

Eltern wenden sich an ihn, wenn es Probleme mit der Kindererziehung gibt. Manchmal werden er und sein Team auch von Lehrern oder der Polizei kontaktiert. Sie geben "Hilfen zur Erziehung", wie Bürk sagt. Wenn er doch mal zu härteren Mitteln greift, dann tut er das für die, oftmals in diesen Fällen dann misshandelten, Kinder, die nur so wieder "auf die richtige Bahn" kommen könnten.

"Ja, manchmal habe ich auch Angst - ich wurde schon mit einem Messer bedroht“. Seine Familie wurde auch mal Opfer von Telefonterror: "Das war nicht leicht für uns", meint Bürk. Den Spaß an seiner Arbeit habe er dennoch nicht verloren. Wie geht es ihm denn damit, dass er Tag für Tag so viele Probleme mitbekommt? Selbst für ihn, der den Beruf jetzt seit mehr als 20 Jahren ausübt, ist es nicht so einfach abends den Kopf auszuschalten. "Meine Frau hat sich schon viel angehört", sagt er. Vieles werde er beim Laufen los, er gehe regelmäßig Joggen. Zudem helfe ihm die Evaluation mit den Kollegen.

Südstadt-Brennpunkt: Werderplatz

Ein Brennpunkt sei nach wie vor der Werderplatz. Man treffe sich dort zum Alkohol- und Drogenkonsum. "Pöbeleien sind an der Tagesordnung", erklärt Bürk. Hier kooperiere der Soziale Dienst sehr eng mit den Streetworkern der Diakonie, die "eine super Arbeit" machen würden.

Im Flur der eingangs beschriebenen Siedlung sind die Toiletten auf halber Höhe, zwischen den Stockwerken. Die Kinder fielen in der Schule auf, das Jugendamt kam ins Spiel. Die Treppe im Haus knarzt laut, wenn man sie benutzt, auch innen löst sich der Putz von der Wand. Die Namensschilder an den Türen sind alle von Hand geschrieben. Bürk beendet das Gespräch mit der Frau im lila Top und macht sich dann wieder auf den Weg. Er schaut den Gebäudekomplex nachdenklich an und sagt: "Hier kenne ich Familien - und ich werde immer welche kennen."

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