Bei ihrem Job zählt oft jede Minute: Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes sind rund um die Uhr im Einsatz, um bei medizinischen Notfällen schnell Hilfe leisten zu können.
Doch anstelle von Dankbarkeit bekommen die Angestellten oftmals mangelnde Wertschätzung zu spüren. "Mit Respektlosigkeit haben wir aus meiner Erfahrung fast bei jedem zweiten Einsatz zu kämpfen", sagt Christoph Nießner, Vorsitzender des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Karlsruhe und leitender Notarzt in Karlsruhe.

Wo respektloses Verhalten beginnt, ist - zumindest zum Teil - subjektiv. "Natürlich ist hierbei die Frage, wo man die Grenze zieht", so Nießner weiter. "Meines Erachtens ist bereits das Duzen des Personals ein Ausdruck von Respektlosigkeit." Alle seiner Mitarbeiter würden allerdings unterstreichen, dass ihrer täglichen Arbeit immer weniger Anerkennung beigemessen wird.
"Wer wirklich um sein Leben bangt, ist um jede Hilfe dankbar"
Die Rufnummer des Rettungsdienstes, 112, ist für akute und möglicherweise lebensbedrohliche Notlagen reserviert. Doch immer häufiger werden die drei Ziffern aus mehr oder weniger belanglosen Gründen gewählt.

In rund 80 Prozent der Fälle rücke der Rettungsdienst zu nicht-akuten Fällen aus. "Es kommt auch vor, dass uns Personen mit gepackten Koffern empfangen und den Rettungsdienst als Kurier ins Krankenhaus verstehen", sagt der Vorsitzende des ASB Karlsruhe. "Diejenigen, die uns aufgrund von Bagatellen rufen, sind auch die, die uns häufig mit weniger Respekt gegenübertreten. Denn wer wirklich um sein Leben bangt, ist um jede Hilfe dankbar."
Einfahrten sind zugeparkt, Rettungswege versperrt
Auch mit verbalen Beleidigungen müssen sich die Sanitäter auseinandersetzen. Meist sei dabei Alkohol im Spiel. Körperliche Angriffe auf die "Rettungsdienstler" zählen stattdessen - zum Glück - eher zu den Raritäten.
Ein weiteres Problemfeld ist der Straßenverkehr. Ob fehlende Rettungsgassen auf der Autobahn oder Berichte über schaulustige Autofahrer, die Folgeunfälle verursachen: Immer wieder sind Vorfälle wie diese Thema in der öffentlichen Diskussion.

"Das weitaus größere Problem stellt noch vor dem fließenden Verkehr allerdings der ruhende Verkehr da, wenn Einfahrten zugeparkt oder Wege versperrt sind", sagt Christoph Nießner im Gespräch mit ka-news.de
Nachbarschaftshilfe nimmt ab - Rettungsdienst springt ein
Was sind die Gründe für diese sozial-gesellschaftliche Entwicklung? "Ich persönlich denke, es geht mit einer Entpersonalisierung der Gesellschaft einher", so die Einschätzung Nießners. Die Verantwortung für Missstände werde zunehmend bei der Allgemeinheit gesucht, während Prinzipien der Eigenhilfe oder der Nachbarschaftshilfe seltener werden.

"Ein weiterer Grund ist, dass auf viele gesellschaftliche Fragen bislang keine Antwort gefunden wurde", sagt Christoph Nießner. Doch welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit der Sanitäter?
Verdeutlichen könne dies das Beispiel einer verwahrlosten Person auf der Straße, die im Winter in der Kälte liegt. "Wer die Verantwortung übernimmt, für sie zu sorgen, ist nicht klar. Das Ergebnis: Womöglich wird einfach der Rettungsdienst gerufen."