Ähnlich beschrieb auch Oberbürgermeister Julius Finter das Bild bei der Einweihung der insgesamt 20 Wandbilder vor fast 100 Jahren im Rathaus: "Schaffen wir die sittliche Voraussetzung dafür, dass unsere Stadt – wie der Künstler es hier andeutet – aus der schweren Not des Weltkrieges einem neuen deutschen Morgen entgegenschreitet."

Verschollene Wandbilder wieder aufgetaucht
Albert Käuflein (l.) und OB Frank Mentrup neben dem wiederentdeckten Bild "Deutscher Morgen". | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Anlass für die damalige Schaffung der Wandtafeln ist der 100. Jahrestag der Einweihung des von Friedrich Weinbrenner erbauten Rathauses. Bereits im Juli 1924 wird der Entwurf von Hans Adolf Bühler, einem deutschtümelnden Maler, der zu den Traditionalisten gehört, zugestimmt. Die großformatigen Wandmalereien sollen im Bürgersaal hängen und "die Geschichte der Landeshauptstadt in ihren bedeutendsten Persönlichkeiten bis in unsere Tage zum Ausdruck bringen", erklärt Kunsthistoriker Joseph Beringer 1926.

Skizzen von 3 der Wandbildern bei der Einweihung des Bürgersaales mit den neuen Wandbildern im Jahr 1926 (Karlsruhe Tagblatt März 1926)
Skizzen von 3 der Wandbildern bei der Einweihung des Bürgersaales mit den neuen Wandbildern im Jahr 1926 (Karlsruhe Tagblatt März 1926) | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

54 bedeutende Karlsruher und Badener porträtiert

Bühlers Tafeln zeigen 54 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kunst, die mit Karlsruhe und Baden verbunden sind. Die Figuren hat er jeweils als Dreiergruppe auf einer Tafel wiedergegeben. Zwei Rundbilder, "Deutscher Morgen" und "Des Markgrafen Traum", eine Darstellung von Karl Wilhelms berühmtem Traum von der künftigen Fächerstadt, vervollständigen die Sammlung.

Der Markgrafen Traum von Hans Adolf Bürger.
Der Markgrafen Traum von Hans Adolf Bürger. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 801

Zwischen 1942 und 1944, aufgrund der heftigen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, werden die Wandtafeln demontiert und an einem bislang unbekannten Ort gelagert. Nach Kriegsende kommen zwölf der Tafeln in den Bestand der Städtischen Kunstsammlungen, während die restlichen acht als Kriegsverlust gelten.

Der Karlsruher Rathaussaal ausgemalt von Hans Adolf Bürger
Der Karlsruher Rathaussaal, ausgemalt von Hans Adolf Bürger | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8 BA/Burger 25

Nach ihrer Entdeckung im Haus Solms hat man sechs Stück nun zur Renovierung in die Städtische Galerie gebracht. Die letzten zwei Bilder konnten noch nicht aus den Kellerräumen entfernt werden, da sie nicht durch die Türen passen.

"Die Tafeln sind ein Kulturdenkmal"

"Die Tafeln sind von stadthistorischem Wert und somit ein Kulturdenkmal", erklärt Kulturbürgermeister Albert Käuflein bei einem Pressegespräch im Haus Solms am Donnerstag. Die Wiederauffindung der Tafeln, dessen zwiespältige Geschichte mit der Persönlichkeit Bühlers zusammenhängt, soll im Rahmen einer Ausstellung im Stadtmuseum dokumentiert werden.

Verschollene Wandbilder wieder aufgetaucht
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Es stellt sich die Frage, wie hätte man Anfang der 1930er Jahre mit einer solchen Persönlichkeit umgehen müssen", sagt Oberbürgermeister Frank Mentrup. Denn: Der Maler Hans Adolf Bühler hatte als überzeugter Nationalsozialist eine einflussreiche Machtposition in der kulturellen und politischen Landschaft Karlsruhes inne.

Bühler ist Vorreiter der Ausstellung für "Entartete Kunst"

Bühler wird 1932 Rektor der Kunstakademie und 1933 Direktor der Badischen Kunsthalle, Vorstandsmitglied des Badischen Kunstvereins und des Reichsverbands bildender Künstler. In den 1920er-Jahren ist die avantgardistische Kunst an der Kunstakademie sehr stark vertreten. Seit 1931 NSDAP-Mitglied, sorgt der retrospektive Bühler dafür, in seinem Kampf gegen den "Kunstbolschewismus", dass neun Professoren von der Kunstakademie entlassen werden.

"Vor einer Diktatur findet in der Regel eine vorbereitende kulturelle Ausrichtung statt – eine solche Entwicklung wollen wir zukünftig verhindern", so Mentrup. In der geplanten Ausstellung wolle man sich nicht nur mit den Fragen der Kulturpolitik im Kontext dieser Zeit auseinandersetzen, sondern auch auf die Persönlichkeit des rechtsradikalen Malers eingehen.

Der Karlsruher Rathaussaal ausgemalt von Hans Adolf Bürger.
Der Karlsruher Rathaussaal, ausgemalt von Hans Adolf Bürger. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8 BA/Burger 26

1933 organisiert Bühler in der Badischen Kunsthalle die Ausstellung "Regierungskunst 1919 bis 1933", die ein Vorreiter zur Münchener Ausstellung "Entartete Kunst" im Jahr 1937 ist. Hier zeigt er die von der Karlsruher Kunsthalle während der Weimarer Republik erworbenen Gemälde. Bühlers Ausstellung, deren Inhalt die Zeitung "Der Führer" vom 8. April 1933 als "in allen Teilen negativ" beschreibt ist für "Volksgenossen" unter 18 Jahren verboten und zeigt, wie "14 Jahre lang mit Staatsgeldern gewissenlos vorgegangen" worden ist.

"Billigste Erotik" und "blöder Nihilismus" ziehen sich wie ein roter Faden durch die Werke, heißt es, wie zum Beispiel "Christus am Kreuz mit der Gasmaske" von Georg Grosz. Als Gegensatz zeigt Bühler anschließend Bilder aus der klassischen Landschaftsmalerei von Daur, Schönleber und Volkmann.

"Die Bilder sind heimatlich oberrheinisch gerichtet"

Ein Jahr nach seiner Einstellung muss Bühler 1934 seine Stelle als Rektor der Kunstakademie an Otto Haupt abtreten. Die Gründe dafür sind unbekannt. "Es wäre interessant, die Geschichte hinter seiner Entlassung zu erforschen", sagt heute Stefanie Patruno, Leiterin der Städtischen Galerie. "Ob er eventuell nur kurzfristig eingesetzt wurde, um gezielt die Kollegen zu kündigen?"

Bei der Einweihung des Bürgersaales Anfang 1926 erklärt Bühler in seiner Rede, dass seine Werke nichts anderes wollen, als das, was die Kunst am Oberrhein von alten Zeiten gezeigt hat – Sinnenfreudigkeit, Wahrheit und Dichtung. Er appelliert an die Menschen, die neuen Künste mit ihrer Negativität und "unfruchtbarem Geschwätz" nicht zu unterstützen.

Verschollene Wandbilder wieder aufgetaucht
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Die Wandtafeln werden nicht gleich allgemeine Zustimmung finden, sagt Bühler, da sie sich "zu wenig" nach Paris und Berlin richten. "Die Bilder sind heimatlich oberrheinisch gerichtet", erklärt der Maler, was man an den farbenfrohen, höchstdekorativen und detaillierten Motiven des "Deutschen Morgens" merkt.

"Jetzt ist die Frage: Wie gehen wir damit um?"

Bühler repräsentiert mit seinen Werken den Zeitgeist: Direkt nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs streben unterschiedliche Bewegungen den Wiederaufbau Deutschlands in einer kritischen Zeit an, während gleichzeitig versucht wird, an den traditionellen deutschen Werten und der Kultur festzuhalten und "gefährliche" neue Ideen zu unterdrücken.

"Wenn alles andere hinweggespült ist vom Strande des Lebens, bleiben die Kunstwerke", sagt Bühler. Über die Gemälde im Bürgersaal erklärt er, "Was das Werk selber bedeutet, das wird eine spätere unbekannte Zeit richtig beurteilen."

Verschollene Wandbilder wieder aufgetaucht
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Diese spätere Zeit scheint nun gekommen zu sein. Gemeinsam mit dem Institut für Kunstgeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) möchten die Stadt und die Städtische Galerie gemeinsam an der kulturpolitischen Geschichte der Bilder arbeiten. "Es ist jetzt die Frage", sagt OB Mentrup, "wie gehen wir damit um?"

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