Eines Tages kam die "Frau vom KSC" in die kleine Änderungsschneiderei von Vasilios Karavasiliou. Einfach so. Sie fragte ihn, ob er Änderungen für den KSC machen würde - Karavasiliou hatte nichts dagegen. Und so begann Mitte der Achziger Jahre eine Zusammenarbeit des Karlsruher SC mit dem griechischen Schneider, dessen weiße Haare auch heute noch ganz dicht sind.
Manchmal kamen mehrere Aufträge pro Woche rein, dann war wieder etliche Zeit wenig Betrieb. Doch die Zusammenarbeit hielt über Jahrzehnte, wie Karavasiliou sagt. Eine Frau betritt das Geschäft, Karavasiliou muss die Erzählung unterbrechen. Eine Jeans will sie abholen, die "ist schon älter", erläutert die Kundin. Karavasiliou entgegnet schmunzelnd: "Aber bestimmt nicht so alt wie ich." Als die Kundin den Laden verlässt, ruft ihr der ältere Herr noch einen netten Gruß nach. Er lächelt ohnehin viel, wenn er da hinter seinem kleinen Verkaufstisch steht oder an der Nähmaschine sitzt.
Es ging los als "der Schäfer noch Spieler war"
Dann berichtet er weiter: Damals, in Griechenland begann er mit dreizehn Jahren eine Ausbildung zum Schneider: "Der Vater hat gesagt, ich müsse lernen - also habe ich gelernt". Mit 21 Jahren fing er dann an zu arbeiten und kam bald darauf nach Deutschland - das nach dem Krieg dringend Arbeitskräfte benötigte. So begann er bei Bosch und zog 1978 in die Räume in der Mannheimerstraße. Dann begann bald die Zusammenarbeit mit dem KSC: Es ging los als "der Schäfer noch Spieler war". Vor drei Jahren seien die Aufträge vom Sportclub aber deutlich zurückgegangen, der Bedarf sei wohl nicht mehr so hoch.
Um ein Haar hätte es der braungebrannte ältere Herr bis zum Glücksbringer auf die Reservebank geschafft: Sie wollten ihn nach Mannheim mitnehmen, weil er der Frau, die ihm immer die Trikots gebracht hätte, sagte, dass wann immer er ins Stadion ginge, der KSC niemals verliere. Er konnte nicht mit, weil er zu viel zu tun hatte - und sagt, dass er das im Nachhinein oft bereut habe. "Verstehn‘'?", das hängt Karavasiliou oft an seine Sätze an, um sicherzugehen, dass der Reporter ihn verstanden hat.
Manchmal kamen die Spieler auch privat in die kleine Schneiderei, vor drei Jahren war der Cheftrainer persönlich da. Wenn die Kicker mit der Mannschaft zu einem Spiel wegflogen, brauchten sie einen Anzug. Einen, der sitzt. Die Änderungen machte Karavasilio - irgendwie kann man die Zufriedenheit darüber noch heute in seinem Gesicht lesen.
Trikostoff aus den Erfolgsjahren
Dann steigt er auf einen Stuhl und kramt aus dem Regal Mannschaftsfotos hervor. Plakatgröße. Und auf jedem sind die Originalunterschriften aller Spieler festgehalten, alle haben abgezeichnet und fast alle Saisons sind dabei: 2005/2006, 1999/2000, 1997/1998… Auf dem Plakat von 1993/94 guckt ein Torwart auffordernd in die Kamera, auch auf ihm prangt das Autogramm: Oliver Kahn. "Das sind die ganz Alten, verstehn'?" fragt Kravasilou - mit Bezug auf die Plakate. Einmal wollte ein Kunde diese kaufen, Karavasiliou schüttelt verständnislos lächelnd den Kopf: "Die sind unverkäuflich." Ein Andenken für seine Enkelkinder, raunt er.
Eines Vormittags kam um zehn Uhr ein Helfer vom KSC vorbei, Karavasiliou sollte alle Ärmel kürzen, am Nachmittag fand das Spiel der Mannschaft statt, bei dem kurzärmelige Trikots benötigt wurden. Der Mann mit den wachen Augen sagt: "Ich habe noch…", dann verschwindet er kurz hinter dem Vorhang, der den Verkaufsbereich von seiner Arbeitsstätte trennt. Kurz darauf taucht er mit ein paar Stofffetzen in der Hand wieder auf; die abgeschnittenen Ärmel: "Die sind mindestens 20 Jahre alt - und liegen immer noch hier", erklärt er. Und dabei lächelt er voller Stolz.