Plötzlich ist der Aufschrei groß - und er ist berechtigt. Nicht nur, dass die Thüringer Nazi-Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" über Jahre unerkannt mordend durch Deutschland reisen kann. Bei einer Sitzung des Geheimdienst-Ausschusses des Bundestags am Dienstag wurde nun auch noch bekannt, dass ein Mitarbeiter des hessischen Geheimdienstes bei mindestens einem der Morde in der Nähe gewesen sein soll.

Das alles muss nun untersucht und aufgeklärt werden. Nach der möglicherweise größten Geheimdienstpanne der letzten Jahrzehnte darf man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Wer jetzt die Schuld nur bei den Behörden sucht, macht es sich aber zu leicht. Extremismus, egal welcher Form, ist immer auch ein gesellschaftliches Problem - und das fängt nicht erst bei Morden und Bomben an. Man muss fragen, warum der Verfassungsschutz über zehn Jahre lang nicht eins und eins zusammen zählen kann. Man muss aber genau so fragen, ob die Gesellschaft das Problem Rechtsextremismus in den vergangenen Jahren vielleicht nicht ernst genug genommen hat. Anders als noch in den 1990er Jahren konnte man in vergangener Zeit fast das Gefühl bekommen, das Thema habe sich inzwischen erledigt.

Extremismus ist immer auch ein Symptom. Als Extremist wird man nicht geboren. Man entwickelt sich dazu. Nicht jeder, der am Stammtisch rechte Parolen nachplappert, wird automatisch zum Mörder. Allerdings ist wahrscheinlich, dass es bei denen, die irgendwann morden, genau so anfängt.

Die Thüringer Rechts-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt pflegten den bisherigen Ermittlungen nach bereits seit ihrer Jugend Kontakte zum rechtsextremistischen "Thüringer Heimatschutz" (THS). In Jena waren beide wegen ihrer rechten Gesinnung bekannt und berüchtigt. Dass sie 1998 untertauchen und jahrelang unbemerkt in ganz Deutschland aktiv sein konnten, ist der Schlamperei der Behörden zuzuschreiben. Allerdings war das nicht der Anfang, sondern das Ende einer Entwicklung, der viel früher und viel energischer hätte entgegen getreten werden müssen. Nicht nur von den Behörden, sondern von uns allen.