In der Nähe des Mühlburger Tors, gegenüber des Kaiserplatzes, befindet sich ein Torbogen, der in eine kleine, versteckte Straße führt – eine charmante, zauberhafte Sackgasse, die wirkt, wie aus einer anderen Zeit. Die Baischstraße - so heißt das Gässchen- wird 1902 vom Karlsruher Architekt Hermann Billing mit sechs individuellen Häusern im Jugendstil erbaut. Das Haus Nummer 5, saniert am Anfang der 1990er Jahre, ist mit goldlackierten Tür- und Fensterelementen dekoriert. Was jedoch von außen nicht sichtbar ist - vor über 100 Jahren haben hier gleich zwei berühmte Persönlichkeiten gewohnt.

Das Haus der Habers in der Baischstraße 5 am Mühlburger Tor.
Das Haus der Habers in der Baischstraße 5 am Mühlburger Tor. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Clara Immerwahr - eine der ersten promovierten Frauen Deutschlands

Clara Immerwahr und Fritz Haber lernen sich Ende des 19. Jahrhunderts mit Anfang 20 in einer Tanzschule kennen und lieben. Beide stammen aus wohlhabenden jüdischen Familien, stammen aus Breslau und studieren Chemie. Fritz macht Clara einen Heiratsantrag, doch sie lehnt ab, da sie mehr aus ihrem Leben machen möchte als Mutter sein und Haushalt führen. Für Immerwahr ist es jedoch kein leichter Weg gewesen, an der Uni zu studieren.

Fritz Haber 1891.
Fritz Haber 1891. | Bild: privat

Ihre Eltern allerdings fördern die höhere Ausbildung ihrer Tochter und 1893, mit 23 Jahren, absolviert sie ein Lehrerinnenseminar in Breslau, was in dieser Zeit für die meisten Frauen die einzige Möglichkeit einer weitergehenden Bildung ist. Durch die Unterstützung ihres Vaters schafft sie es auch, das Abitur abzulegen, und 1897 studiert die junge Frau als Gasthörerin an der Uni Breslau. Hier arbeitet sie an Konzepten der physikalischen Chemie. Im Dezember 1900 wird Immerwahr promoviert und ist somit eine der ersten promovierten Frauen Deutschlands - und die erste promovierte Chemikerin.

Zehn Jahre wohnen die genialen Chemiker in Karlsruhe

Als sie den nun zweiten Heiratsantrag von Haber akzeptiert, zieht das Paar 1901 nach Karlsruhe. Hier hatte Haber jahrelang eine Assistentenstelle und ist seit 1898 außerordentlicher Professor für Technische Chemie an der Technischen Hochschule. 1902 zieht die Familie mit dem neugeborenen Sohn Hermann in die Baischstraße 5 ein. Ab 1904 beschäftigt sich Haber mit der katalytischen Bildung von Ammoniak, was zur Entwicklung des sogenannten Haber-Bosch-Verfahrens und somit zu einer Massenproduktion von Düngemitteln führt, die die Ernährung eines großen Teils der Weltbevölkerung sichert. Hierfür erhält er 1918 nachträglich den Nobelpreis für Chemie.

Das Wohnhaus der Habers in Karlsruhe in der Baischstraße 5.
Das Wohnhaus der Habers in Karlsruhe in der Baischstraße 5. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Seine Ehefrau wiederum muss den oft kranken Sohn intensiv betreuen und viele Arbeiten im Haushalt selbst erledigen. Mit diesen Aufgaben fühlt sie sich frustriert und intellektuell nicht erfüllt. Von ihrem Ehemann, der weiter Karriere macht und sich intensiv mit seinen Forschungen beschäftigt, fühlt sie sich erdrückt. Um ihre wissenschaftlichen Kompetenzen sinnvoll einzusetzen, hält sie bei Vereinen in Karlsruhe eine Reihe von Vorträgen über "Chemie in Küche und Haus" und später "Naturwissenschaften im Haushalt". Diese kommen sehr gut an. Dennoch leidet Clara Haber unter Migränen und angeblich an Depressionen.

Je erfolgreicher ihr Mann wird, desto größer werden ihre Probleme und sie distanzieren sich immer weiter voneinander. 1911 wird Fritz Haber zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin ernannt und die Familie zieht nach Berlin-Dahlem um. Im zweiten Stock des Universitätsinstituts eröffnet Clara Haber am Anfang des Ersten Weltkriegs 1914 einen Kinderhort für 60 Kinder, deren Väter an der Front kämpfen, während ihr Ehemann als wissenschaftlicher Berater im Kriegsministerium eingesetzt wird. Er ist mit der Herstellung von Explosivstoffen und der Entwicklung neuer Kriegschemikalien beschäftigt.

Fritz Haber - vom Welternährer zum Giftgas-Erfinder

Vom Ehrgeiz getrieben will der gebürtige Jude, inzwischen zum evangelischen Glauben konvertiert, zugleich beweisen, dass er auch ein patriotischer Deutscher ist. Seine Forschungen mit Salpetersäure und Ammoniak ermöglichen den Einsatz der Giftgase Chlor und Phosgen als Kriegswaffen. Am 22. April 1915 an der Front nördlich des belgischen Ypern in Flandern lassen die deutschen Soldaten aus Tausenden Stahlflaschen zirka 150 Tonnen Chlor auf die französischen Feinde abblasen. Bei diesem ersten chemischen Angriff der Geschichte sterben 1.200 Männer, 3.000 werden verletzt.

Fritz Haber 1918.
Fritz Haber 1918. | Bild: The Nobel Foundation

Für Fritz Haber, der als Belohnung zum Hauptmann der Reserve befördert wird, ein Triumph. Für seine Frau Clara hingegen, bekannt als Pazifistin, eine Katastrophe. Angeblich bezeichnet sie die Entwicklung von Giftgas als "Perversion der Wissenschaft" und missbilligt seine Aktionen. Er wiederum nennt sie eine Vaterlandsverräterin. Am 1. Mai 1915 findet bei Habers in Berlin eine Siegesfeier für den erfolgreichen Giftgasangriff statt. Zu dem, was danach geschieht, gibt es unterschiedliche Berichte.

Selbstmord aus Protest?

Offensichtlich streitet sich das Ehepaar heftig, doch ob dieser Streit sich um seine Rolle beim Gasangriff oder um seine Liebesaffären - etwa mit Charlotte Nathan, die Fritz zwei Jahre später heiraten wird und die an besagtem Abend ebenfalls anwesend ist - dreht, ist unklar. Klar allerdings ist: Am Morgen nach der Siegesfeier nimmt Clara Haber die Dienstwaffe ihres Mannes, geht in den Garten und nimmt sich das Leben. Sie wird von ihrem 12-jährigen Sohn gefunden, der seinen Vater informiert. Clara Haber stirbt einige Stunden später an ihren Verletzungen.

Todesanzeige von Clara Immerwahr aus der Badischen Presse am 8. Mai 1915.
Todesanzeige von Clara Immerwahr aus der Badischen Presse am 8. Mai 1915. | Bild: Badische Presse/privat

Ihr Ehemann reist noch am gleichen Tag an die Front. Zwei Jahre später heiratet Fritz Haber seine Freundin Charlotte Nathan. Aus dieser Ehe gehen zwei Kinder hervor – die Ehe wird jedoch 1927 geschieden. Im Jahre 1919 leitet Fritz Haber die Firma Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung). Habers Mitarbeiter entwickeln ein Präparat aus Cyan- und Chlorverbindung, das unter dem Namen "Zyklon" patentiert wird.

Clara Immerwahr: Ikone für den Frieden

Das Produkt wird später zum Gas Zyklon B weiterentwickelt, das für die Gaskammern der Nationalsozialisten eingesetzt und von Degesch geliefert wird. Als gebürtiger Jude verliert Haber 1933 seine Stelle als Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts und geht nach England. Acht Monate später stirbt er an Herzversagen in einem Hotel in Basel.

1976 wird die Fritz-Haber-Straße in Karlsruhe-Grünwinkel nach dem Nobelpreisträger benannt. 2015 bekam sie ein Zusatzschild, auf dem erklärt wird, dass er für den Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg verantwortlich war. Auf dem Campus Ost des Karlsruhe Instituts für Technologie wird der Fritz-Haber-Weg 1993 ebenfalls nach dem Chemiker benannt.

Clara Immerwahr.
Clara Immerwahr. | Bild: privat

Das Leben Clara Habers wurde seither häufig in Filmen und Literatur porträtiert, zudem ist sie Namenspatin für den Clara-Immerwahr-Haber-Platz in der Karlsruher Südstadt. Das Bild der jungen Frau, die sich ihr Leben als Protest gegen die Rolle ihres Mannes im Gaskrieg genommen haben soll, hat sich bis heute so etabliert, dass sie für Pazifisten und Feministinnen zu einem Vorbild geworden ist.

 
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