"Man muss die Mädchenerziehung von Grund aus umgestalten und verbessern, dass man den Frauen ein unbeschränktes Arbeitsgebiet eröffnet. Welche Kenntnisse und Fähigkeiten haben Mädchen sich durch eine solche Erziehung erworben, die ihre zukünftige Existenz sichern?"

Wer hier 1870 in der Badischen Landes-Zeitung so resolut über die Rechte der Frauen spricht, ist Anna Ettlinger. Geboren 1841 in Karlsruhe, ist Anna Schriftstellerin und Dozentin. Sie ist eines von dreizehn Kindern des jüdischen Rechtsanwalt Veit Ettlinger, der zu den führenden Männern der Karlsruher jüdischen Gemeinde gehört.

Die Arbeit für die Frauenrechte beginnt früh

Die Familie wohnt in der Zähringerstraße 42 und die Atmosphäre zu Hause ist liberal und kunstsinnig. In Karlsruhe wohnt die Familie Ettlinger fast seit der Gründung der Fächerstadt. Clara Schumann, die Frau des berühmten Komponisten Robert Schumann, und Johannes Brahms sind bei ihnen oft zu Gast und Anna singt mit ihren beiden Schwestern im Philharmonischen Chor und im Chor des Cäcilienvereins.

An dieser Stelle, der Ecke Zähringerstraße/Fritz-Erler-Straße nahe des Kronenplatzes stand das Wohnhaus von Anna Ettlinger.
An dieser Stelle, der Ecke Zähringerstraße/Fritz-Erler-Straße nahe des Kronenplatzes stand das Wohnhaus von Anna Ettlinger. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Alle Mädchen besuchen das Donacksche Institut, eine private Höhere Mädchenschule in Karlsruhe. Anna leiht Bücher von der Hofbibliothek aus und erhält zusätzlichen Privatunterricht bei Gymnasialprofessor Gustav Wendt. 1871 besucht sie einige Monate lang das Viktorialyzeum in Berlin, wo sie an Vorlesungen über Literatur, Musik und Kunst teilnimmt, und schließt 1872 das Lehrerinnenseminar in Karlsruhe ab.

Ihre Auflehnung gegen bestehende Normen beginnt früh: Anna Ettlinger entscheidet sich, gegen den Wunsch ihrer Eltern, ledig zu bleiben. Sie verlangt in der Öffentlichkeit die Gleichstellung der Frau, zunächst in der Familie und im Beruf und später politisch, indem sie sich für das Frauenwahlrecht einsetzt.

Im Jahr 1870 schreibt sie einen langen Artikel: "Ein Gespräch über die Frauenfrage", der über fünf Tage in der Badischen Landeszeitung in serialisierten Teilen veröffentlicht wird. Hier plädiert Ettlinger für eine grundsätzliche Reform der Mädchenerziehung, damit Frauen die Wahl haben dürfen zu heiraten oder durch eine Karriere selber ihre Existenz zu sichern.

"Verschaffen Sie der Frauen die gleichen Vorteile, wie dem Mann"

"Obwohl es eine Tatsache ist, dass nicht alle Mädchen heiraten können", schreibt Anna, "wird doch allen die Ehe als einziger Beruf dargestellt." Frauen, die ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen, würden geringschätzig behandelt.

Anna Ettlinger sieht das grundsätzliche Problem darin, dass man bereits bei Kindern differenziert. Bei Jungen achte man auf die individuellen Fähigkeiten und entwickele diese. Die verschiedenen Arten von Schulen gäben den Jungen Gelegenheit, ihre Fähigkeiten im vollen Maße ausbilden zu lassen, sodass ihnen uneingeschränkte Arbeitsgebiete offen stehen. Die Mädchen dagegen werden alle in gleicher Weise erzogen und jedes individuelle Interesse wird in ihnen unterdrückt.

Bertha Pappenheim 1882.
Bertha Pappenheim 1882. | Bild: gemeinfrei

Man habe Frauen zu unselbständigen Geschöpfen gemacht, argumentiert Ettlinger weiter, in dem man ihnen die Ehe als einziges Lebensziel dargestellt hat. "Verschaffen Sie der Frauen die gleichen Vorteile, wie dem Mann, und Sie werden finden, dass es auch außerhalb der Ehe einen geeigneten Wirkungskreis für sie gibt", schreibt sie.

Anna Ettlinger ist die Kusine von Bertha Pappenheim, einer österreichisch-deutschen Frauenrechtlerin aus Wien. Pappenheim ist außerdem bekannt als "Patientin Anna O", die Patientin mit psychosomatischen Symptomen, die von dem Wiener Arzt Josef Breuer hypnotisiert wurde. Die von Breuer und Freud veröffentlichte Fallgeschichte über Pappenheim war Freuds Ausgangspunkt für die Entwicklung seiner Theorien der Psychoanalyse.

Ettlinger hält Vorträge und Kurse für Frauen ab - nicht nur in Karlsruhe 

Getreu ihrer Überzeugung, bestreitet Anna selbst ihren Lebensunterhalt mit Privatunterricht, Vorträge und Literaturkursen für Frauen in Karlsruhe. Später hält sie Vorträge außerhalb Karlsruhes in München, Hamburg, Antwerpen und Brüssel. Sie unterstützt das erste deutsche Mädchengymnasium, das Lessinggymnasium in der Sophienstraße in der Fächerstadt, das 1893 gegründet wird.

Das Lessing-Gymnasium in Karlsruhe.
Das Lessing-Gymnasium in Karlsruhe. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Dabei vertritt Anna Ettlinger nicht nur die höheren Ziele der bürgerlichen Sozialschichten, sondern setzt sich auch für das Schicksal der Frauen der unteren Gesellschaftsklassen ein. Ettlinger argumentiert, dass Frauen aus diesen Sozialklassen Arbeit und Haushalt gleichzeitig führen müssen, doch werden ihnen schlechtere Konditionen und weniger Lohn angeboten als Männer.

"Wenn ihr dieselben Vorteile geboten wären, wie beim arbeitenden Mann, so würde ihre Lage eine ungleich bessere sein." Die Arbeit, die der Frau zugeteilt wird, sei von der niedrigsten und oft anstrengendsten Art, "der Ertrag derselben ein äußerst geringer".

Ein Buch über das Leben in Karlsruhe im Kaiserreich entsteht

Im Jahre 1882 schreibt Anna eine vielbeachtete Kritik über Richard Wagners Oper "Parsifal". Obwohl sie ein Liebhaber dieser Musik ist, distanziert sie sich jedoch von Wagner wegen seines Antisemitismus. 1899 veröffentlicht sie eine Studie über Leo Tolstoy und 1921 ein Buch, "Lebenserinnerungen: für ihre Familie verfasst", ein Porträt über das kulturelle Leben in Karlsruhe im Kaiserreich.

"Es soll Frauen die Möglichkeit gegeben sein, jeden Beruf, jede Stellung einzunehmen, zu welcher sie sich befähigt erweisen", schreibt Anna. Sie verlangt mehr Ausbildung für die Frauen, die ohnehin arbeiten, jedoch nicht so ausgebildet sind wie Männer im gleichen Beruf – zum Beispiel im Handel oder in den Lehrberufen. "Eine Frau könnte ebenso gut wie ein Mann Unterricht halten, wenn ihr der Besuch einer Universität gestattet wäre", sagt sie.

"Frauen können und werden den notwendigen Ansprüchen genügen"

Und ihr unermüdlicher Einsatz für die Frauenrechte zeigt Wirkung: Magdalena Neff aus Karlsruhe tritt im Gründungsjahr 1893 in das Lessinggymnasium ein und besucht nach ihrem Abitur 1904 die Technische Hochschule in der Fächerstadt. Sie ist die erste Studentin der Universität, wo sie ein Pharmaziestudium absolviert und damit später zur ersten approbierten Apothekerin Deutschlands wird.

Anna Ettlinger, zirka 1860.
Anna Ettlinger, zirka 1860. | Bild: gemeinfrei

Anna Ettlinger indes kämpft weiter für das Frauenrecht in Deutschland. "Ich sehe nicht ein", schreibt sie, "warum die Frauen, die doch die Hälfte des Menschengeschlechts bilden, es vollständig der anderen Hälfte, den Männern, überlassen sollen, für das Wohl des Ganzen Sorge zu tragen." Gesetze, die ausschließlich von Männern gemacht werden, können den Bedürfnissen der Frauen nicht vollständig gerecht werden.

"Frauen können und werden den notwendigen Ansprüchen genügen", meint sie. "Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken." Anna Ettlinger stirbt 1934 im Alter von 93 Jahren und ist auf dem jüdischen Friedhof an der Haid-und-Neu-Straße begraben.

 
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