Noch 2002 wurden lediglich 26 Jugendliche bis 17 Jahre in die Städtische Kinderklinik eingeliefert, 2009 waren es bereits 107 (für 2010 liegen die Daten noch nicht vor). In diesem Zeitraum hat die Zahl stetig zugenommen - nie war sie rückläufig. Die Spitzenwerte finden sich eindeutig zu bestimmten Jahreszeiten: Um Fasnacht, vor den Sommerferien und wieder zur Oktober- und Weinfestzeit.

Die meisten "Komasäufer" leben im Landkreis Konstanz

"Und trotzdem steht Karlsruhe im Vergleich mit anderen baden-württembergischen Landkreisen sehr gut da", berichtet Achim Lechner, Sozialpädagoge bei der Fachstelle Sucht. Auf 1.000 Einwohner kamen hier im Jahr 2005 nur 0,94 "alkoholbedingte Behandlungsfälle" unter 20 Jahren - so wenig wie nirgendwo anders im Land. An der Spitze stand Konstanz mit 2,38 Fällen, gefolgt von Waldshut mit 2,36 Patienten pro 1.000 Einwohner.

"Aufgefallen ist uns in den letzten Jahren, dass es immer mehr junge Mädchen gibt, die wir sturzbetrunken antreffen", so Lechner. Dies hänge unter anderem damit zusammen, dass Frauen generell nur halb so viel Alkohol vetragen wie Männer. Zudem sei es in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend nicht mehr schick gewesen, als Frau nüchtern zu bleiben. Unvertretbar sei es allerdings, dass die Patientinnen immer jünger werden: Vergangenes Jahr seien beispielsweise eine 15-Jährige mit 1,84 Promille und eine 16-Jährige mit 1,94 Promille aufgegriffen worden. Bei einem aktuellen Fall sogar eine 13-Jährige mit 0,44 Promille. "Mit 13 ist man laut dem Gesetz noch ein Kind", warnt Lechner. Alle wurden von einem Jugendschutzteam angesprochen, das gewöhnlich auf Veranstaltungen patroulliert, auf denen ähnliche Fälle zu erwarten sind. Das Team besteht aus einem Polizisten, einem Vertreter des Rettungsdienstes und zwei Sozialarbeitern.

Treffen sie auf offensichtlich stark alkoholisierte Jugendliche, sprechen sie diese an, fragen nach ihrem Alter und machen sich ein Bild von der Situation. Meist willigen die Betrunkenen zu einer Alkoholwert-Überprüfung ein und blasen in das altbekannte Röhrchen. Ist der Wert nicht vertretbar oder steht ein Krankenhausaufenthalt an, übergibt das Jugenschutzteam den Patienten an ein so genanntes Hintergrundteam, das sich um alles Weitere kümmert und auch die Eltern informiert. "Im Jahr 2010 haben wir auf diese Weise 2.300 Jugendliche angesprochen", erläutert Sybille Katz von der Fachstelle Sucht des baden-württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation (bwlv).

"Jugendliche müssen sich an den Alkohol gewöhnen"?

"Es hat uns schockiert, dass zwar der Großteil aller Eltern seine Kinder verschämt bis verständnisvoll abgeholt hat - ein nicht unbeträchtlicher Teil aber entweder gar nicht wusste, wo sich sein Kind aufhält, oder den Alkoholmissbrauch gar verteidigte", schildert Matthias Haug, Suchtbeauftragter des Landkreises. Man habe dabei oft den Spruch gehört, dass sich Jugendliche ja auch an den Alkohol gewöhnen müssten.

"Das ist für uns kein Argument", so auch der Psychologe Paul Siedow von der Fachstelle Sucht. Je später ein Mensch in seinem Leben Alkohol zu sich nehme, desto unwahrscheinlicher werde eine spätere Abhängigkeit. "Alkohol und auch alle anderen Drogen schädigen das Gehirn eines Jugendlichen um ein Vielfaches mehr als bei einem Erwachsenen, da es sich noch in der Entwicklung befindet", erläutert er. Ein Genussmittel für Erwachsene werde so oft zu einer schädigenden Substanz für Jüngere.

"Saufmaschinen" sind auf dem Rückzug

Genau deshalb sei in den letzten Jahren auch die Zusammenarbeit mit Vereinen und Gruppen in der Jugendarbeit intensiviert worden. Sie können ein Zertifikat bekommen, wenn sie sich im Jugendschutz engagieren. "Gerade bei Fastnachtsumzügen sind zum Glück auch die berüchtigten 'Saufmaschinen' auf dem Rückzug", erklärt Oskar Rothenberger von der Polizei Philippsburg stellvertretend für den Landkreis. Von den "Saufmaschinen" führt ein Schlauch vom Fastnachtswagen hinab zu den Zuschauern, durch den wahllos Alkoholika in die Münder der Trinkwilligen gelangen.

"Zum Teil wissen dann die Jugendlichen nicht einmal, welche hochprozentigen Getränke da durchfließen", so Rothenberger. Genau dann entstünden aber auch hohe Promillewerte. "1,5 Promille bekommen Sie nicht durch Wein oder Bier, dazu müssten Sie viel zu viel Flüssigkeit aufnehmen. Das schaffen nur 'scharfe' Sachen wie Wodka." Wer in diesem Zustand noch problemlos sein Handy bedienen kann, der falle bereits in die Kategorie Gewohnheitstrinker.

Mit einer gewissen Verstimmung müssen die engagierten Sozialarbeiter und Suchtbeauftragten dann kämpfen, wenn jugendliche "Schnapsleichen" den Verunfallten im Straßenverkehr die Krankenwagen "wegschnappen", wie es letztes Jahr am Faschingsdienstag geschehen ist: "Da waren in Karlsruhe zehn Wagen gleichzeitig für betrunkene Jugendliche im Einsatz, während auf der B36 ein schwerer Unfall passiert ist", erzählt Lechner. In der Not habe man dann Verstärkung aus Rheinland-Pfalz anfordern müssen.