Nach einer Ausstellung beim Badischen Kunstverein Ende Juni 1943 tauchte "Der Pionier" nie wieder auf und heute weiß niemand mehr etwas von seiner Existenz. Zu groß, um versteckt zu werden, scheint die heroische nackte Figur im griechischen Stil entweder im Krieg bombardiert oder absichtlich zerstört worden zu sein.

Geboren in Offenburg

Geboren wird Sutor 1888 in Offenburg, wo er in jungen Jahren eine Ausbildung zum Holzbildhauer macht. Weiterbildungen und Mitarbeit in Leipzig, Dresden, München, Stuttgart und Paris folgen. Zwischen 1907 und 1909 studiert er beim Bildhauer Hermann Volz in Karlsruhe und leistet Dienst im Ersten Weltkrieg an der Westfront und in Rumänien.

"Der Pionier": Die verschwundene Skulptur von Emil Sutor
"Der Pionier": Die verschwundene Skulptur von Emil Sutor | Bild: Badische Presse 28.06.1941

Ab 1921 wird Sutor freischaffender Bildhauer in Karlsruhe und wirkt zwischen 1925 und 1936 auch mit der Majolika zusammen. In seiner mehr als 50-jährigen Karriere als Bildhauer arbeitet Sutor in drei verschiedenen Epochen Deutschlands: Der Weimarer Republik, den Nationalsozialisten und der Bundesrepublik Deutschland. Er ist gut im Geschäft und kommt, anders als viele andere Künstler der Zeit seinen Auftraggebern sehr entgegen.

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In den 1920er- und 1930er-Jahren erledigt er eine Fülle von Aufträgen für Kirchen mit Kreuzigungen, Maria- und Heiligenfiguren in Deutschland und in der Schweiz. In der Christkönigskirche in Rüppurr gestaltet er alle vollplastischen Figuren. Und sogar auf der Weltausstellung in Chicago 1933 stellt er ein Kruzifix aus.

Sutor - "Mitläufer" der Nazis

1933 ist auch das Jahr der Machtergreifung und die Nationalsozialisten wollen Kriegerdenkmäler für den Ersten Weltkrieg weiter errichten beziehungsweise bestehende Trauergedenkstätten mit Helden- und Militärdenkmälern ersetzen. Immer wieder werden Denkmal-Wettbewerbe ausgeschrieben und Sutor bewirbt sich dafür. Für den Wettbewerb in Wiesloch bekommt er den 1. Preis, für das geplante Denkmal in Oberkirch bekommt er den 2. und im Bretten den 3. Platz.

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Emil Sutor errichtet 1937 auch ein erwähnenswertes Denkmal in Forbach, das seinen Stil in dieser Zeit reflektiert. Ab 1933 nutzt das NS-Regime die Kriegerdenkmäler als Propagandainstrument, indem sie die westlichen Mächte vor einer Umkehrung des Versailler Vertrags warnen. Eine Militäraktion ist jetzt unvermeidbar und die Denkmäler nehmen einen direkten bedrohlichen Charakter an.

Sutors Kriegerdenkmal in Forbach.
Sutors Kriegerdenkmal in Forbach. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Sutors Forbach-Denkmal drückt das aus – zwei monumentale Soldatenfiguren, die Fahne tragend, beeindruckend an der Straße mit der eingemeißelten Botschaft: "Den Schützern der Heimat zur Ehr."

Sein Denkmal in Donaueschingen jedoch kündigt eine andere Botschaft an, im Sinne der Stellung der Frau in der NS-Ideologie. Die Statue von 1938 ist zwar keine Kriegergedenkstätte, aber "aus dem Werk spricht klar und groß der Stil des Dritten Reichs", wie es in der "Badischen Presse" vom 18. Juni 1939 steht. "Es, versinnbildlicht die Tugenden der deutschen Frau als Hüterin der Unsterblichkeit der Nation."

Himmler kauft bei Sutor

1940 kreiert Sutor eine weitere Plastik von einer sitzenden Mutter mit Kind, die von Reichsführer Heinrich Himmler selbst erworben wird. Sutor ist inzwischen Mitglied in der NSDAP. Richtig anerkannt wird Sutor als Bildhauer 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin.

Sutors Skulptur "Mutter", gekauft von Heinrich Himmler
Sutors Skulptur "Mutter", gekauft von Heinrich Himmler | Bild: Der Führer 25.01.1944

Für seine beiden Reliefgruppen "Eishockeykampf" und "Hürdenläufer" wird er im Olympischen Kunstwettbewerb mit der goldenen Medaille ausgezeichnet. Für diese Auszeichnung wird Sutor im Karlsruher Rathaussaal geehrt und darf sich in das goldene Buch der Stadt eintragen.

Sutor verbringt die meiste Zeit in seinem Atelier und geht nur ungerne raus. Am 28. Juni 1941 berichtet die "Badische Presse", dass Sutor zurzeit an einer Kolossalplastik "Der Pionier" für die Münchener Kunstausstellung arbeitet. Sutor nimmt fast jedes Jahr an dieser, unter der Schirmherrschaft Hitlers stehenden Ausstellung, teil.

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Das Kunstwerk soll später in Karlsruhe zur Ausstellung kommen. Die Zeitung druckt ein Foto vom Kunstwerk mit Sutor, der mit einem Fuß auf dem Knie des "Pionier" steht. So sieht man die massiven Dimensionen der Figur. Genau zwei Jahre später, am 28. Juni 1943, berichtet die "Straßburger Neueste Nachrichten", dass Emil Sutors "Pionier" mit seiner "verhalten kraftvoller Bewegung" in der Ausstellung zum 125-jährigen Bestehen des Badischen Kunstvereins vertreten ist.

"Pionier" verschwindet

Dies ist das letzte Mal, dass das monumentale Werk in den Zeitungen oder in der Literatur erscheint. Heute ist es verschwunden. "Es fällt nicht leicht", schreibt die "Badische Presse" im November 1940, "das künstlerische Schaffen Emil Sutors unter einen einheitlichen Nenner zu bringen. Monumentale Bauplastik steht neben dem rein dekorativen Relief."

Sutors Skulptur "Mutter mit Kind."
Sutors Skulptur "Mutter mit Kind." | Bild: Der Führer am Sonntag 13.08.1939

In diesem Sinne macht Sutor nach dem Krieg weiter und passt sich den neuen Umständen nahtlos an, als ob sich die Zeiten nicht geändert hätten. Im Spruchkammerverfahren wird er als "Mitläufer" eingestuft und bekommt eine Strafe von 500 Mark. Nach kurzer Pause kehrt er zu seinen religiösen Kunstwerken zurück – und dadurch, dass so viele Kirchen im Krieg beschädigt wurden, gibt es sehr viel zu tun.

"Nackter Mann" Statue vor dem Wildparkstadion.
"Nackter Mann" Statue vor dem Wildparkstadion. | Bild: Tim Carmele

Neben seiner Arbeit für Kirchen in ganz Baden-Württemberg schafft er eine Reihe von Werken für kulturelle Zwecke – einer der bekanntesten in Karlsruhe ist eben der "Nackte Mann" im Jahr 1959. Zwischen 1961 und 1963 erstellt er die Brunnenanlage am Albtalbahnhof und 1967, das Jahr der Bundesgartenschau in Karlsruhe, kreiert er die beiden Skulpturen "Hebe" und "Diana" als Ersatz für die fehlenden Skulpturen von Ignaz Lengelacher auf dem Schloßplatz.

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1958 modelliert Emil Sutor eine Version des Bambi-Rehs für den deutschen Medienpreis. Das Reh wird in Bronze gegossen und vergoldet. Dies wird sein bekanntestes Werk in der Medienbranche.

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