Hi Andreas, wer als Karlsruher im Internet nach einem Gebrauchtrad sucht, stößt zwangsläufig auf Eure Homepage. "Leider" findet man da jedoch nur Bilder und Steckbriefe eurer Drahtesel - wie sieht das Team von Hochverrad aus?

Andreas: Ich bin Andreas Mattes und bin 48 Jahre alt. Ich habe Elektrotechnik studiert und wurde durch einige Umstände arbeitslos. In der Arbeitslosigkeit hatte ich endlich Zeit mir einen neuen Weg auszudenken, fernab von Schaltkreisen und Elektroschwingungen. 2001 lernte ich Harald Hiestand, 35, kennen - da waren wir Mitbewohner. Er hat 2007 die Karlsruher Werbe- und Webagentur "weltRäume" gegründet.

Seit wann gibt es Hochverrad und wie kamt ihr überhaupt auf die Idee?

Andreas: Hochverrad gibt es seit Januar 2014. Da hatten wir den offiziellen Launch der Seite und gingen in den Verkauf. Schon zu unserer WG-Zeit hatten wir Ideen bezüglich Fahrräder, denn die gängige Praxis ist für einen Studenten ein Fahrrad auf E-Bay-Kleinanzeigen oder auf Quoka zu suchen. Meist sind dann die Fahrräder nicht im Stadtgebiet sondern in irgendwelchen Vororten. Und wie kommt da ein Student ohne Fahrrad, Auto oder ähnliches hin?

Wenn man den beschwerlichen Weg dann auf sich genommen hat, ist das Rad dann leider nicht das Gewünschte. Pech gehabt... so erging es zumindest uns. Darauf basierend hatten wir schon eine Idee zum Verkauf von gebrauchten Rädern - auch mit Preisen für Studenten - per Website an einem zentralen Ort. Da mussten jetzt ein paar Jahre ins Land ziehen. Wir haben die Idee wieder aufgegriffen als Harald bei einem sonntäglichen Verdauungsspaziergang bei einem Schrotthändler vorbei kam. Er sah mit Entsetzen, dass noch wirklich schöne Fahrräder für den Abtransport in die Schrottpresse bereit standen.

Kurzerhand hatte er ein Konzept entwickelt, welches von der Besorgung über den Vertrieb ging. Schon seit dem Frühjahr 2013 haben wir das ganze vorbereitet. Was etwas schwierig war, da wir lediglich mit einem Mini-Budget starten wollten.

Auf was gründet sich eure Geschäftsidee?

Andreas: Wir sind Fahrradidealisten, wir würden uns in unserer Stadt weniger Autos und mehr Fahrräder wünschen. Das ist auch ein Gedanke der Nachhaltigkeit, und hier bekommen wir auch wieder die Kurve zu unseren alten Fahrrädern. Jeder Discounter verkauft heute Fahrräder zu Schleuderpreisen - vielleicht ist der Begriff Fahrrad an dieser Stelle falsch - besser passend Schleudersitz.

Retro-Radler, Studis, Sportler, Praktisch-Gut-Menschen - wer wird bei euch glücklich?

Andreas: Wir verkaufen grundsolide Fahrräder. Diese haben zum Teil schon 30 bis 40 Jahre auf dem Sattel und sind heute noch so gut wie damals. So etwas darf nicht in der Schrottpresse landen, sondern soll noch die nächsten 40 Jahre einen Radler beglücken. Und viele Fahrräder haben auch das Potenzial dazu.

Wir wollen einfach das Alte erhalten, und unseren Kunden gute Qualität zu guten Preisen bieten. Unser komplettes Konzept ist eigentlich auf Studenten ausgerichtet. Aber im Laufe der Zeit haben wir bemerkt, dass nicht nur Studenten gute Fahrräder benötigen. Viele brauchen einfach für die Stadt ein "stabiles" Fahrrad. Unsere Kunden kommen Querbeet aus allen Bereichen, wobei 50 Prozent schon Studenten sind.

Schnäppchenjäger werden oft bei Auktionen von Bahnhofrädern fündig. Außerdem munkelt man, dass es in Karlsruhe eine Szene mit Fahrraddieben gibt, die nach Bedarf mal etwas mitgehen lassen. Wo bekommt ihr eure Gebraucht-Räder her?

Andreas: Unsere Fahrräder beziehen wir von Schrotthändlern und Hausverwaltungen. Manchmal auch von Personen, die ein Fahrrad loswerden wollen. Für uns ist es aber fast nur rentabel, wenn wir mehrere Fahrräder auf einmal beziehen können, ansonsten ist der logistische Aufwand noch zu hoch.

Was würdet ihr als Profis sagen: Wie tickt die Karlsruher Fahrrad-Szene?

Andreas: Als wir Ende des letzten Jahrhunderts nach Karlsruhe kamen, hatten wir das Gefühl, dass es hier keine Fahrrad-Szene gibt. Dies liegt vielleicht auch daran, dass Harald vorher in Freiburg studierte - die süddeutsche Fahrradstadt schlechthin. Zum Glück hat sich das geändert, die Stadt hat in den letzten 15 Jahren viele Anstrengungen unternommen, um die Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten. Und da wollen wir auch ein bisschen mithelfen, denn je mehr Fahrräder, umso fahrradfreundlicher.

Klingt nach rosigen Aussichten - und wo wir schon mal bei eben solchen sind: Was wollt ihr in der Zukunft erreichen? Wo seht ihr Hochverrad in ein paar Jahren?

Andreas: Da wir ja mit einem Mini-Budget begonnen haben, haben wir uns von Anfang an ein Konzept überlegt, was mit so wenig wie möglich laufenden Kosten auskommt. Unser Laden ist ja eigentlich kein Laden und keine Werkstatt, sondern primär eine virtuelle Plattform. Wir stellen unsere Fahrräder mit detaillierten Angaben, auch Mängeln, und Bildern ins Internet. Niemand soll eine böse Überraschung erleben, wenn er sein Fahrrad abholen will. Erst durch eine Reservierung eines Rades bekommt man Termine um sich das Rad anzuschauen oder zu kaufen.

Wer dann bei uns in der Lessingstraße 3a vorbei kommt, wird erst mal in einen Hinterhof gelockt. Dort stehen dann die reservierten Räder bereit. Ich habe im Keller meine kleine Aufbesserungswerkstatt und ein kleines Lager. Das ganze kann ich fast mietfrei machen, da möchte ich auch meiner Vermieterin danken, die das Ganze erst möglich macht. Für die Zukunft stellen wir uns eine Plattform vor, die "alle" gebrauchten Fahrräder der Stadt zentral an einem Punkt bietet. Hier sind die Überlegungen die Seite so zu erweitern, dass Dritte ihre Fahrräder auf unserer Seite anbieten können. Vorausgesetzt das Fahrrad wird vorher bei uns abgeliefert.

Gerade mit unserem "frechen" Konzept heben wir uns von der auch oft eher konservativen Fahrradszene ab. Wir bieten einfach andere Fahrräder für mit einem neuen Konzept, eben - Fahrräder mit Charakter!

Die Fragen stellte Marie Wehrhahn.