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Karlsruhe: #digiTALK: Rechte Szene auf TikTok - Memes, Hass und Manipulation

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#digiTALK: Rechte Szene auf TikTok - Memes, Hass und Manipulation

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    #digiTALK: Rechte Szene auf TikTok - Memes, Hass und Manipulation
    #digiTALK: Rechte Szene auf TikTok - Memes, Hass und Manipulation Foto: Paul Needham

    Das Internet als Chance für "die Teilnahme der Bürger am Diskurs" und der Meinungsvielfalt, nicht aber als Förderung extremistischer Inhalte - so sei einst die Vorstellung von Moderator Uwe Gradwohl gewesen. Es zeigt sich: Seine Vorstellung hat sich nicht bewahrheitet. Doch welche Rolle spielt das Internet wirklich bei der Verbreitung extremistischer Inhalte, wie gefährlich ist das und was könne dagegen getan werden?

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    Foto: Paul Needham

    Vier verschiedene Blickwinkel sollen bei dem Thema betrachtet werden.

    Ist TikTok rechts? Die Plattform priorisiere extreme Inhalte

    Zwei Karlsruher Forschende von der Karlshochschule International University haben der Wirkungsweise von TikTok nachgespürt: Ioannis Theocharis und Marcel Erik Lemmer. Die beiden forschen im Reallabor "Future Democracies" ihrer Hochschule.

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    Foto: Paul Needham

    Sie behaupten: Wird einem ein Video mit extremistischen Inhalten angezeigt, befeuere der Algorithmus diese Haltung und zeigt mehr Videos derselben Art. Doch wie schnell kommt ein Nutzer in solch eine extremistische Blase?

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    Foto: Paul Needham

    Fünf neue Smartphones, mit fünf neuen Tiktok Profilen sollen es zeigen. In 15-minütige Sessions dürfen jeweils drei Likes, einen Follow und einen Save verteilt werden. Die Nutzung der Profile in einem Zeitrahmen diene auch der eigenen psychischen Sicherheit. "Enthauptungsvideos anschauen ist einfach keine normale Arbeit", so Lemmer. Gewaltdarstellungen seien laut den beiden Forschenden alltäglich in solchen Blasen.

    Das Ergebnis:

    • Es gibt "Einstiegvideos" mit denen man Eingang in eine extremistische Bubble findet.
    • TikTok zeigt nicht nur Videos der eigenen Meinung an: Durch die Betrachtung der gegnerischen Ideologie werde man in der eigenen bestärkt.
    • TikTok profitiert von gesteigerten Interaktionen. Die Plattform priorisiere "Zwanglosigkeit", "Echtheit" und "Härte".
    • TikTok ist nicht nur Extremismus!
    • Chance der Demokratie in Authentizität und Spontanität.
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    Foto: Paul Needham

    "Lasst uns weitermachen mit TikToks, lasst uns für eine demokratische Gesellschaft positionieren", appelliert Theocharis an die Zuschauer. Wenn der Algorithmus tatsächlich "biased", also voreingenommen sei, wäre es zwar fast egal, wie viele demokratische Videos man produziere, wenn diesen die Reichweite fehle. Dennoch müsse man diese neue Öffentlichkeit ernst nehmen, so Theocharis. Man dürfe den digitalen Raum nicht dem Extremismus überlassen.

    Judenhass im Netz

    Die TU Berlin zeigt: Antisemitismus im Netz habe zugenommen. Bei einer jüngsten Befragung stimmten 11 Prozent der Behauptung "der Einfluss der Juden ist zu groß" zu, 15 Prozent antworteten mit "teils teils".

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    Foto: Paul Needham

    Der Antisemitismus im Netz komme in verschiedenen Formen vor:

    • Implizit, über Wortspiele und Anspielungen, wie "Total Kike Death" (TKD). "Kike" ist eine rassistische Bezeichnung für "Jude".
    • Explizite Äußerungen, wie Holocaustleugnung oder direkte Gewaltandrohungen.

    Israelbezogener Antisemitismus:

    Zugenommen habe dieser Aspekt des Hasses nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober. Um diesen zu erkennen, und klar von israelbezogener Kritik zu unterscheiden, könne man den 3D-Test von Natan Scharanski anwenden. Wird Israel delegitimisiert oder dämonisiert, oder werden Doppelstandards angelegt? Dann handelt es sich um israelbezogenen Antisemitismus.

    Diese antisemitische Hetze, die sich besonders in Online-Foren wiederfinde, führe immer wieder zu antijüdischer Gewalt. Der Anschlag in Pittsburgh 2018 und in Halle 2019 sind nur zwei Tiefpunkte der letzten Jahre.

    Was hilft gegen Judenhass? Förderung der Medienkompetenz und Meldepflichten

    Um der Hetze im Netz entgegenzutreten, müsse vor allem die Medienkompetenz gefördert werden, so Kröger. Aber auch die Implementierung effektiver Meldepflichten in den sozialen Medien können helfen.

    Rechte Szene spielt TikTok aus

    Professor Björn Bohnenkamp leitet an der Karlshochschule das Projekt "Future Democracies". Er erklärt: Beim Zeitungskauf im Kiosk oder auch beim Fernsehschauen treffen wir selbst eine Auswahl, für was wir uns entscheiden. TikTok gibt uns diese Auswahl nicht. Die Plattform präsentiere sich als endlosen Stream, ohne zu zeigen, was außerhalb davon passiert. Wirtschaftliche Aspekte spielen ebenso eine Rolle. 

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    Foto: Paul Needham

    So agiert die rechte Szene auf TikTok:

    • Rechte Inhalte werden als Popkultur dargestellt, als Memes und Kurzvideos. Der Unterhaltungsfaktor wird bedient.
    • Philosophische Debatten werden angestoßen und unter einer rechten Betrachtungsweise gesetzt.
    • Rechte springen auf Bewegungen auf und versuchen diese umzudrehen: Das Thema Frauenrechte wird mit rassistischen und transfeindlichen Aussagen gekoppelt.
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    Foto: Paul Needham

    Zusammengefasst: Es ist keine Rechte-Bewegung mit festen Regeln mehr, wie früher in den 90er Jahren. Stattdessen gibt es eine grobe Richtung, in der sich viele unterschiedliche Gruppen zusammenfinden. Besonders wichtig ist, wie direkt mit den Menschen gesprochen wird. Ein Beispiel dafür ist der Politiker Maximilian Krah. Das Handy spielt dabei eine große Rolle, weil es für persönliche und private Momente sorgt. Das fehlt zum Beispiel bei Gruppen wie Fridays For Future, die über eher schwierige und abstrakte Themen sprechen.

    "Der Hang zum Extremismus bestehe bei jedem"

    Der vierte Redner im Bunde heißt Mathieu Coquelin. Er sagt: "Der Hang zum Extremismus bestehe bei jedem." Dazu gebe es ein Modell, das zeige, wie es zu Extremismus bei uns Menschen komme:

    1. Menschen finden etwas in der Gesellschaft ungerecht. Sie fühlen sich selbst ungerecht behandelt.
    2. Andere Menschen oder Gruppen werden beschuldigt. Falsche Informationen und Vorurteile werden verbreitet.
    3. Die beschuldigte Gruppe wird nicht mehr als Menschen gesehen.
    4. Gewalt wird erklärt und gut geheißen. Auch wer Gewalt gut findet, aber nicht selbst gewalttätig ist, gehört dazu.
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    Foto: Paul Needham

    Coquelin plädiert dafür, die Macht digitaler Plattformen einzuschränken, da extremistische Meinungen durch Algorithmen viel zu leicht verbreitet werden können.

    In der Präventionsarbeit ist es wichtig, mehr Zeit für einzelne Menschen aufzubringen, insbesondere für die jüngere Generation, die oft einen Hilfeschrei sendet, wenn sie extremistische Ansichten entwickeln. Um diesen Menschen zu helfen, sind offene Ohren und die Energie erforderlich, um die aufgebauten Feindbilder abzubauen.

    TikTok abschaffen? 

    Dass es nichts bringt die Plattformen einfach abzuschalten, darüber sind sich die Vortragenden schnell einig. "Dann kommt einfach die nächste Plattform", so Marcel Erik Lemmer. Allen ist auch wichtig zu betonen, dass soziale Medien nicht nur negative Seiten aufweisen. Als Heranwachsender haben ihm soziale Medien bei der politischen Bildung sehr geholfen, erklärt Ioannis Theocharis.

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    Foto: TRIANGEL Transfer | Kultur | Raum

    Björn Bohnenkamp ergänzt, besonders Menschen auf dem Land, die dort als Außenseiter galten, zum Beispiel wegen ihrer sexuellen Orientierung, haben vom Internet profitiert. Gerade in der Anfangszeit seien vorher nie dagewesene soziale Räume entstanden.

    Wie wollen wir als Gesellschaft diskutieren?

    Es müsse viel mehr für die Erkennung und Entfernung extremistischer Inhalte getan werden. Auch Gegenrede sei nicht die beste Option: "Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob das wirklich die Art und Weise ist, mit der wir diskutieren wollen", so Coquelin.

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    Foto: TRIANGEL Transfer | Kultur | Raum

    Die gesamte Veranstaltung gibt es zum Nachschauen, auf dem YouTube-Kanal des TRIANGEL.

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