"Es war ein packendes Schauspiel, wie die Karlsruher Batterien auf einen im Scheinwerfernetz verstrickten Viermotorigen das reinste Preisschießen veranstalteten", schreibt der 17-jährige Flakhelfer Wilfried K. aus Karlsruhe 1944 in sein Tagebuch das später als "Tagebuch eines Flakhelfers" bekannt wird. "Im Abstand von nur wenigen Sekunden brüllten auch unsere sechs Kanonen auf und spien eine rote Flamme in den Nachthimmel."

Der junge Schüler wurde zusammen mit fast 40 seiner Kameraden am 15. Februar 1943 vom Schulplatz abgeholt. Manche Schüler waren in Uniform der Hitlerjugend, andere hatten einen alten Anzug gefunden. Jeder hatte einen Koffer dabei und "keiner weiß, wo es uns hin verschlagen mag", schreibt Wilfried.

Unterricht an der Flakanlage - wenn die Sirene ertönt, geht der Lehrer in Deckung

Mit Adolf Hitlers Erlass vom 22. Januar 1943 über den "Kriegshilfseinsatz der Jugend bei der Luftwaffe" sollten Schüler der Geburtsjahrgänge 1926 und 1927 zum Kriegseinsatz als sogenannte Luftwaffenhelfer – oder wie sie später genannt wurden "Flakhelfer" – herangezogen werden. Als erster Einziehungstermin war 15. Februar geplant. Ab Januar 1944 wurden dann Schüler des Geburtsjahrgangs 1928 einberufen.

Junger Flakhelfer, geboren September 1928.
Junger Flakhelfer, geboren September 1928. | Bild: privat

Die Luftwaffenhelfer (Lwh) wurden durch aktive Soldaten an den Waffen und Geräten, inklusive Flugabwehrkanonen (Flak), Funk und Telefon, ausgebildet und wohnten in Unterkünften neben den Flakbatterien. Damit die Helfer die Schule nicht verpassten, waren 18 Stunden Unterricht pro Woche vorgesehen und in der Regel kamen ihre Schullehrer zu den Flakstellungen um Unterricht zu halten. Sobald die Fliegeralarmsirene ertönte, ging der Lehrer in Deckung und die Schüler nahmen ihren Platz an der Flakanlage ein.

Befehle "nach preußischen Vorschriften"

Wilfried und seine Kameraden werden gleich am 15. Februar 1943 in der Schule vom einem Unteroffizier abgeholt, der die Flakhelfer betreuen würde, und zuerst zur Artilleriekaserne gebracht, wo sie von einem Arzt untersucht werden. "Wir waren aber fast alle tauglich für den Kriegshilfsdienst bei der Luftwaffe", berichtet Wilfried. In der Batterie bei der Munitionsfabrik - heute der Sitz des Karlsruher ZKM - wo die Jungs ihre ersten Tage verbringen, werden sie über Pflichterfüllung, Treue und Kriegsnotwendigkeit belehrt.

Karlsruher Flakhelfer.
Karlsruher Flakhelfer. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe/ 8_Alben5_596_b

Das Leben in der Batterie ist nicht unangenehm und die Jungs werden gut behandelt – allerdings streng und die Befehle erfolgten, wie Wilfried beschreibt, "nach preußischen Vorschriften". Aber sie halten zusammen und unterstützten einander gegenseitig. Nach zwei Tagen ziehen sie zu ihrer Flakstellung in Knielingen um, wo die Verpflichtungsfeier gehalten wird.

"Treu und gehorsam, tapfer und einsatzbereit, wie es sich für einen Hitlerjungen geziemt"

Der Regimentskommandeur hält eine Rede über die Notwendigkeit des Hilfsdienstes und die durch den Einsatz der Schüler freiwerdenden Soldaten, die dringend an der Front gebraucht werden. Dann sprechen die Jungen die Verpflichtungsformel nach, die mit den Worten endet: "Treu und gehorsam, tapfer und einsatzbereit, wie es sich für einen Hitlerjungen geziemt!"

Die Schüler werden am Geschütz und an den Geräten der "Meßstaffel" ausgebildet. Außerdem machen sie eine infanteristische Grundausbildung und haben auch theoretischen Unterricht über Flakschießlehre, "wobei uns der alte Pythagoras wieder begegnet", schreibt Wilfried ironisch.

Karlsruher Flakhelfer.
Karlsruher Flakhelfer. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe/ 8_Alben5_592_a

Der Schulunterricht selbst, zu dem ihr Lehrer erscheint, findet in ihrer "Bude" statt, die als Klassenzimmer eingerichtet ist. Nachmittags läuft der Batteriedienst ab. "Unterricht und Flugzeugerkennungsdienst wechselten mit Batterieexerzieren", schreibt der Junge in seinem Tagebuch.

Josef Kessler überlebt in einem Jahr vier große Luftangriffe

Auch der 16-jährige Josef Kessler aus Friedrichshafen am Bodensee war als Flakhelfer in Karlsruhe tätig – im September 1944 wird er zum Dienst in die Fächerstadt geschickt. Beim Abschied weint seine Mutter, sie würde für ihn beten, berichtet er.

Auf dem Weg nach Karlsruhe mit dem Zug ist die Landschaft "übersät von Schützengräben, Einmannlöchern, Erdbunkern", schreibt Josef in seinen persönlichen Berichten, festgehalten neben Schilderungen weiterer junger Flakhelfer im Südwesten in dem Buch "Noch einmal davongekommen" von Hermann Queck, seinerzeit selbst Flakhelfer in Stuttgart.

Wegen feindlicher Einflüge muss der Zug einen längeren Aufenthalt machen und die Fahrt allein von Straßburg nach Karlsruhe dauerte 16 Stunden. Josef ist an der Flakstellung am Turmberg in Durlach stationiert. Zwischen den Betten in der Stellung findet Schulunterricht statt. Der alte Deutschlehrer macht den steilen Weg zum Berg hinauf und wenn die Jungen nicht an der Stellung ihre "Acht-Acht" – die große 8,8 Zentimeter-Abwehrkanone – bedienen müssen, studieren sie Schillers "Wallensteins Lager".

Drei Tage Totenwache für den Klassenbesten

Bis Anfang Dezember überlebt Kessler am Turmberg drei große Luftangriffe. Dann bricht der schwerste von 28 Angriffen über Karlsruhe herein und vollendet die Zerstörung der Fächerstadt. Eine Woche später, am 12. Dezember, erlebt Kessler ein trauriges Ereignis.

"Flakhelfer stirbt" aus der Badischen Presse vom 15. Mai 1944.
"Flakhelfer stirbt" aus der Badischen Presse vom 15. Mai 1944. | Bild: Badische Presse 1944

Es passiert in einer kurzen Gefechtspause: Josefs Kameraden rufen nach einem Sanitäter und er rennt zum Geschütz. Gerhard Kurz, Primus der Klasse, liegt blutend auf dem Boden und ist nicht mehr zu retten. Er bleibt noch drei Tage im Mannschaftsbunker, bis er weggebracht wird. Die Jungen halten in zweitstündigem Turnus die Totenwache. Gerhard war der Klassenbeste, schreibt Josef.

"Das vielleicht leerste Jahr meines Lebens"

Die Mannschaft des 17-jährigen Wilfried K. zieht hingegen noch mehrmals um, wie er in seinem Tagebuch festhält. Zuerst in die Rheinniederungen, dann im Oktober nach Bulach und Daxlanden und schließlich ebenfalls nach Durlach. Am Ende des ersten Jahres als Flakhelfer werden die Schüler zum Oberhelfer befördert, was ihnen jedoch keine besonderen Privilegien gewährt. Wilfrieds Einheit darf zum RAD (Reichsarbeitsdienst) wechseln. "Wir waren froh", schreibt Wilfried, "Anfang Februar 1944 nach genau einem Jahr Dienstzeit zum RAD zu kommen. Zugleich bekamen wir das Kriegsabitur."

Auszeichnung für einen 16-jährigen Flakhelfer aus Karlsruhe aus "Der Führer" vom 19. Februar 1945.
Auszeichnung für einen 16-jährigen Flakhelfer aus Karlsruhe aus "Der Führer" vom 19. Februar 1945. | Bild: Zeitung "Der Führer" 1945

Dieses Notabitur war hauptsächlich für Schüler gedacht, die als Kriegsfreiwillige in den Krieg ziehen wollten. Allerdings wurde es nach 1945 nicht anerkannt und viele Schüler mussten an einem Sonderlehrgang teilnehmen, um einen gültigen Abschluss zu erhalten. Aber das wusste Wilfried zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er ist glücklich, nicht mehr an der Flakstellung dienen zu müssen. "So war ein Jahr herumgebracht", schreibt er 1944, "vielleicht das leerste meines Lebens."

 
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