Am 20. April 1922 wird ein Gesetz über die Heranziehung von Frauen zum Schöffen und Geschworenengericht erlassen. Für diese Zulassung als Schöffen hat die Frauenbewegung lange gekämpft. Bereits im Mai 1913 berichtet die Badische Zeitung "Der Volksfreund", dass Frauen ihre Forderung, als Schöffen für die Jugendgerichte eingesetzt zu werden, erhoben und begründet haben. Doch die frischgebackenen weiblichen Schöffen stoßen im Reichstag und auch sonst auf wenig Verständnis.

"Man möchte keine vermännlichte Frau"

Frauen sind wegen ihrer zarten Natur nicht dazu geeignet, heißt es etwa im Reichstag. Und am 2. März 1922 berichtet die Karlsruher Zeitung, es wird im Badischen Landtag argumentiert: "Man möchte keine vermännlichte Frau. Es bestehe ein Qualitätsunterschied zwischen Mann und Frau, der müsse berücksichtigt werden."

Werbung für Damenhüte 1922.
Werbung für Damenhüte 1922. | Bild: Badische Presse 27.4.1922

Auch der Deutscher Anwaltsverein erklärt am 29. Januar 1922: "Die Frau eignet sich nicht zur Rechtsanwaltschaft oder zum Richteramt, ihre Zulassung würde daher zur Schädigung der Rechtspflege führen und ist aus diesem Grund abzulehnen."

Im Badischen Landtag erklärt die Zentrumspartei: "Durch die Zulassung der Frau zum Justizdienst würde eine Bresche in das Rechtsleben gelegt. Die Frau ist anders geartet, wie der Mann; sie ist mehr Gefühls- wie Verstandswesen. Ihre Einbeziehung könnte unter Umständen sogar zu Ungunsten der Angeklagten ausschlagen."

Frauen in "Männerberufen"? Das könne keine Dauerlösung sein

Geholfen hat der Protest aber nichts, im Gegenteil: Am 11. Juli 1922 wird auch das Gesetz über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege erlassen und tritt am 23. November 1922 in Kraft. Beide Gesetze stoßen im Reichsrat auf heftigen Widerstand, auch in Baden.

Obwohl Frauen während des Ersten Weltkriegs Männer in verschiedenen Berufen ersetzen müssen, wird dies in vielen Fällen nicht als Dauerzustand betrachtet. Frauen gewinnen durch ihren Einsatz im Krieg mehr Freiheit und Gleichberechtigung, müssen aber nach dem Krieg weiter um ihre Rechte kämpfen.

Frauenmode im Jahr 1924.
Frauenmode im Jahr 1924. | Bild: Karlsruher Tagblatt 29.2.1924

Kurz nach dem Waffenstillstand Ende November 1918, inmitten der Revolution in Deutschland, wird jedoch das demokratische Wahlrecht ausgerufen und damit das Frauenwahlrecht eingeführt. Daraufhin dürfen die Frauen zum ersten Mal am 19. Januar 1919 bei der reichsweiten Wahl für eine demokratisch gewählte Nationalversammlung wählen.

In Baden dürfen Frauen schon früher wählen

In Baden dürfen die Frauen etwas früher wählen – schon am 5. Januar für die badische Nationalversammlung. Und von den 107 Abgeordneten, die in den Landtag der Republik Baden gewählt werden, gibt es neun Frauen.

Die neue Weimarer Reichsverfassung vom Juli 1919 stellt die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen fest, damit soll jetzt auch die Ehe "auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter beruhen".

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Seit Anfang des 20. Jahrhunderts dürfen Frauen Jura studieren und auch promovieren – aber danach den Beruf einer Juristin nicht ausüben. 1914 wird der deutsche Juristin-Verein gegründet und bis 1919 gehören fast 100 Frauen dem Verein an. Fast die Hälfte besitzt einen Doktortitel. Ihre Stellvertretende Vorsitzende ist Marie Munk, die die erste Richterin Deutschlands wird.

"Die Frau unserer Tage will als vollständiges Glied der Gesamtheit dienen"

Im Januar 1922 spricht Doktor Marie Baum aus Karlsruhe beim Badischen Verband für Frauenbestrebungen in Pforzheim über die Aufgaben der Frau im öffentlichen Leben. Sie betont, dass heute die Frauenbewegung viel mehr bedeutet als der Kampf um bessere Erwerbsmöglichkeit. "Die Frau unserer Tage will als vollständiges Glied der Gesamtheit dienen", sagt Baum.

In den zwei Jahren seit der Revolution habe sich die Frau aber noch nicht in die neuen Pflichten einleben können. Sie fordert, dass sich die Frauen mehr in den Verwaltungen des Reichs, der Länder und der Gemeinden betätigen.

Kindermode im Jahr 1922.
Kindermode im Jahr 1922. | Bild: Badische Presse 27.4.1922

"Die Frau ist Trägerin edler deutscher Kultur", schreibt die Karlsruher Zeitung am 3. November 1922. Diese Verantwortung "trägt die Gattin und Mutter als Hüterin der Häuslichkeit, die berufstätige Frau als Mitschaffende am wirtschaftlichen und öffentlichen Leben".

"Aufklärungsvorträge" für aufstrebende "Frauenberufe"

In diesem Sinne gerät die Mädchenbildung im Anfangsstadium der gewonnenen Frauenrechte stark in den Fokus. Im Rahmen eines "pädagogischen Kursus" Anfang Juni 1922 im Ständehaus Karlsruhe führt eine "Frau Abgeordnete Siebert" in einem Vortrag über "Die Kulturaufgabe der Frau als Grundlage der Mädchenbildung" aus, dass der "Sinn der ganzen Frauenbewegung ein Durchtränken der männlichen Kultur mit weiblichen Zügen durch demütig heiligen Frauendienst sein soll".

Die berufliche Beschäftigung der "Frau unserer Tage" wird in einer Reihe von "Berufskundlichen Aufklärungsvorträgen" für das Karlsruher Arbeitsamt am 14. November 1928 im Rathaussaal am Marktplatz weiter thematisiert.

Kaiserplatz in Karlsruhe gegen Anfang des 20. Jahrhunderts.
Kaiserplatz in Karlsruhe gegen Anfang des 20. Jahrhunderts. | Bild: Privatsammlung

Hier werden drei Frauenberufe behandelt: Neben "Der technischen Assistentin" und "Der Ärztin" spricht Doktor Gertrud Rösiger über das Thema "Die Juristin". Zu dieser Zeit sind 14 Juristinnen in Baden tätig. "Die Möglichkeiten der Frau sind ebenso mannigfaltig, wie die ihres männlichen Kollegen – die Berufe des Richters, des Staatsanwalts, des Notars und des Rechtsanwalts", so Rösiger.

Diese Kriterien muss eine Juristin vor 100 Jahren erfüllen

Allerdings sollte die Juristin, laut Rösiger, klar, folgenrichtig und objektiv denken können und dabei einen offenen Sinn für menschliches Geschehen, Verständnis für das Leben der Mitmenschen und für "wirtschaftliche Erscheinungen" haben. Außerdem soll die Juristin über eine schöpferische Begabung und einen ausgesprochenen Ordnungssinn verfügen, vor allem, wenn es um Kinder und das Familiengericht geht.

Dennoch werden sich nur wenige Frauen für den Beruf des Staatsanwaltes interessieren, meint Rösiger, da dies auf Dauer eine sehr starke Natur erfordert. Die Gebiete des Frauen- und Kinderschutzes, der Jugend- und Gefährdetenfürsorge würden sich besonders für die Juristin eignen.

Die Ausbildung lang und teuer - die Anstellung nicht gut bezahlt

Die Dauer des juristischen Studiums in Deutschland beträgt zu dieser Zeit sechs bis acht Semester – in Baden sind es sieben. Mit anschließender Referendarprüfung und einem dreijährigen Dienst in der Praxis kommt man auf 7,5 Jahre Ausbildung – die Kosten sind erheblich.

Kunigunde Fischer, Abgeordnete des Badischen Landtags von 1919 bis 1933.
Kunigunde Fischer, eine der Abgeordneten des Badischen Landtags von 1919 bis 1933. | Bild: Generallandesarchiv Karlsruhe {231 Nr. 2937 (838)}, https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de

Dennoch kann man nach der Prüfung nicht gleich mit einer gut bezahlten Stelle rechnen. Die Frau im juristischen Beruf wird jedoch, so die Meinung Gertrud Rösigers, immer mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

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