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Karlsruhe: Ärger um den angeblichen Sexhunger

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Ärger um den angeblichen Sexhunger

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    Barbara Jeske, Frauenreferentin von Pforzheim, vertritt die Ansicht, die Plakate suggerierten die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen. Dass Jeske mit dieser Ansicht nicht alleine da steht, belegt die Tatsache, dass die Plakate auch in anderen Städten auf Kritik gestoßen sind. In Ulm zum Beispiel sind die Plakate nur Stunden, nachdem sie in den Werbekästen hingen, wieder verschwunden. "Verfügbar", "schön", "jugendgefährdend", "langweilig" oder auch mal männlich-defensiv: "Ich kann durchaus zwischen Plakaten und der Wirklichkeit unterscheiden." Das Meinungsspektrum ist breit.

    Jeskes Telefon steht indes nicht mehr still. Erst waren es missmutige Pforzheimer, jetzt ist es die Presse. Angerufen hat bei ihr unter anderem auch eine Gruppe von jungen Frauen, die kritisierten, die Mädchen auf den "Bild"-Plakaten seien ja alle unter 20. Die Anruferrinnen waren offenbar nicht zuletzt um ihre eigene Sicherheit besorgt: Welchen Eindruck sollen denn zum Beispiel ausländische Jungs von uns bekommen? "Geschrieen wird dann wieder, wenn junge Mädchen entführt und misshandelt werden", meint Jeske dazu. Dann gab es auch noch Anwohner und Lehrerinnen, die anriefen und darauf aufmerksam machten, an den Haltestellen würden schließlich junge Schüler auf ihren Bus warten.

    "Ich habe den Eindruck, dass die Stimmung derzeit kippt", fasst Jeske ihre Eindrücke zusammen. "Es gibt doch andere Möglichkeiten witzige und erotische Werbung zu machen." Und was meint die Frauenreferentin der Stadt Karlsruhe zu der Sache? "Natürlich sind wir gegen solche sexistischen Plakate", erklärte Annette Niesyto gestern Abend nach der Bitte um einen Kommentar. So richtig entschlossen klang das nicht. Vorsichtig verwies sie auf das Rechtsreferat, das die Angelegenheit zu diesem Zeitpunkt noch prüfte.

    Was Geld und Sex wirklich miteinander zu tun haben

    "Die Werbung darf nicht gegen das Gesetz oder die guten Sitten verstoßen. Insbesondere sind mit der Menschenwürde nicht zu vereinbarende Darstellungen und Aussagen unzulässig." So lautet eine Klausel im Vertrag zwischen der Stadt Karlsruhe und der Firma J. C. Decaux, die für die Plakatierung der Litfass-Säulen zuständig ist. Die zuständige Advokatin des städtischen Rechtsreferats beschäftigte sich also mit der Frage, ob die Halbnacktheiten garniert mit frivolen "Geständnissen" unter diese Formulierung fallen.

    Das Problem dabei: Im Vertrag gibt es auch eine Regressklausel. Wenn Plakate einfach so auf Verlangen der Stadt wieder abgehängt werden müssen, kann das kosten. Eine Sprecherin erinnert sich: Da kann die Höhe der Regressforderung schon auch mal am Verdienstausfall festgemacht werden. Wie viele "Bild"-Leser hatte ich nicht, weil die Plakate wieder abgehängt werden mussten? So etwas kann eine Großstadt schon mehr treffen als eine Kleinstadt. Heute morgen ist das Rechtsreferat jedoch zu der Ansicht gelangt, der Vertragstext sei in dieser Sache eindeutig. Die zuständige Sprecherin Helga Riedel daher: "Regressforderungen befürchten wir nicht."

    "Die Städte profitieren doch"

    Dass die Stadt sich in der Angelegenheit nach 20-jähriger vertraglicher Zusammenarbeit mit der Werbefirma Decaux überwerfen würde, stand von vorneherein zu bezweifeln. Wahrscheinlicher war schon gestern, dass beide Seiten ihre Zusammenarbeit mit einer Grundsatzentscheidung über solche Fälle konsolidieren würden. Im Rathaus wird zudem darüber nachgedacht, künftig das Rechtsreferat einen Blick auf die Plakate werfen zu lassen, bevor sie aufgehängt werden, um Ärger von vornherein zu vermeiden.

    Bei Decaux gab es gestern Abend nichts Konkretes. Alle gaben sich schlecht erreichbar. Aus der Chefetage der Firma Degesta in Frankfurt hingegen, die in rund 120 Städten die "Bild"-Plakate aufgehängt und in Pforzheim bereits wieder abgehängt hat, gibt es bereits Prinzipielles zu hören: "Die Städte profitieren doch von der Plakatierung", meint Geschäftsführer Joachim Walther. "Schließlich bezahlen sie die Instandhaltung ihrer Anlagen mit den Werbeeinnahmen." Ärgerlich sei die ganze Angelegenheit insofern, als dass "wir die Prügel einstecken", meint er außerdem und schiebt den schwarzen Peter der "Bild"-Zeitung zu. "Wir sind nicht verantwortlich für den Inhalt, das müssen Sie mit den Urhebern klären." Und weiter: "Nennen Sie mir jemanden, der sagt, was sittenwidrig ist. Das kann der deutsche Werberat. Wir sind da überfordert."

    Erregung über ein Grapsch-Plakat und die Konsequenzen

    Während im Karlsruher Rechtsreferat noch nachgedacht wurde, gab der Pressesprecher der Stadt Pforzheim bereits ausführlich Auskunft über den dort eingeschlagenen Weg. In die "Kategorie besonders übel" fallen die Plakate nach Ansicht von Michael Strohmayer. Im Vertrag mit der Firma Degesta habe die Stadt bereits in der Vergangenheit festgelegt, dass bestimmte Formen von Werbung nicht zulässig sind. Auch sexistischer Kram falle in diese Kategorie, erklärt Strohmayer. Deshalb hat sich in Pforzheim auch schon Anfang vergangener Woche das Rechtsreferat mit der Sache befasst. Mit der Firma wurde dann vereinbart, die Plakate bis Freitag vergangener Woche wieder abzuhängen.

    So etwas habe es schon einmal gegeben, erinnert sich Strohmayer. Damals habe es sich um ein Plakat für den Film "Ali G." gehandelt, auf dem ein Mann mit Strickmütze und Goldringen an den Fingern einer nackten Frau von hinten zwischen die Beine greift. In diesem Fall musste der Videoverleih, der mit diesem Plakat warb, sogar ordentlich zahlen, erinnert sich die Pforzheimer Frauenbeauftragte Jeske. "Das würde der 'Bild'-Zeitung jetzt auch nicht schaden", setzt sie noch einen oben drauf. In der letzten Zeit habe es in Pforzheim sogar Werbung für ein Bordell gegeben - in der Nähe von Wohngebieten und an den Hauptverkehrsachsen. Schon damals bekam Jeske zahlreiche Anrufe von missmutigen Pforzheimern - und handelte.

    Da es mit der Selbstkontrolle bei der Plakatierung also offensichtlich nicht so gut klappt, wird auch in Pforzheim daran gedacht, die Plakate vorab mit dem Rechtsamt beziehungsweise mit der Frauenbeauftragten zu besprechen. Fragt sich nur welche Vorstellungen von Sittenwidrigkeit die jeweiligen Plakatebeschauer in den einzelnen Städten haben werden. Schließlich könnten auch Feministinnen behaupten, die Frauen auf den Plakaten seien schön, wenigstens nicht aus Plastik und würden endlich auch mal sagen, was sie wollen. Oder: Ungerecht, weil nicht auch ein paar Jungs zu sehen sind. Jungs, die acht Stunden lang...?

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