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Karlsruhe "Tag der Trauer und der Erinnerung": Warum an Karfreitag das Tanzverbot gilt und die Frage, ob das noch zeitgemäß ist

Das Osterwochenende naht, und mit ihm auch der Karfreitag. In Baden-Württemberg und in Karlsruhe gilt an diesem Tag ein Tanzverbot. Im Laufe der vergangenen Jahre wurden hierzu jedoch die gesetzlichen Bestimmungen gelockert. Nun gibt es am Karfreitag erstmalig eine Tanzdemo in Karlsruhe, die ein Zeichen gegen das Tanzverbot setzen soll.

Tanzen verboten: Das Tanzverbot untersagt öffentliche Tanz- und Sportveranstaltungen deutschlandweit. Jedes Bundesland hat hierfür eigene Regelungen, in Baden-Württemberg regelt das Feiertagsgesetz die genauen Zeiten. Das besagt nach § 10: Am Gründonnerstag darf von 18 bis 24 Uhr, Karfreitag ganztägig und am Karsamstag bis 20 Uhr keiner das Tanzbein schwingen.

Karfreitag
Der Karfreitag ist einer der wichtigsten Feiertage im Christentum. | Bild: pixabay.com @congerdesign

Diese Gesetzgebung findet seinen Ursprung in religiöser Natur: "Ein stiller Feiertag ist dafür da, dem Thema Leiden und Besinnung Bedeutung zuzuschreiben", so Thomas Schalla, Dekan der Evangelischen Kirche Karlsruhe gegenüber ka-news. Nach christlicher Tradition ist der Karfreitag, der Todestag von Jesus Christus, der wichtigste Feiertag. "Es ist ein Tag der Erinnerung, ein Tag der Trauer und des Gedächtnis", ergänzt Hubert Streckert, Dekan der Katholischen Kirche Karlsruhe.

Tanzverbot noch zeitgemäß?

"Das Christentum ist immer noch Teil unserer Kultur und prägt unser Zusammenleben", sind sich beide Dekane einig. "Auch wenn nur selten im Jahr auf die stillen Feiertage aufmerksam gemacht wird - es ist gut und nützlich für die Gesellschaft. Es gibt schließlich noch Anderes, als laute Musik und Feiern", so Schalla. 

Vernissage Architekturschaufenster
Der Dekan der Evangelischen Kirche Karlruhe: Thomas Schalla. | Bild: Thomas Riedel

Dekan Streckert weiß: "Viele Menschen profitieren von den christlichen Feiertagen und diese Werte sollten nicht aufgegeben werden." Denn viele andere Feiertage, an denen ein Tanzverbot gilt, gibt es nicht. Neben dem Karfreitag, der bekannteste Feiertag mit Tanzverbot, gibt es Allerheiligen, der Totensonntag und der Volkstrauertag. "Wer dennoch tanzen möchte, kann das ja im privaten Raum tun", findet Streckert.

Veranstaltungen nur mit Ausnahme möglich

Die gesetzlichen Bestimmungen haben sich in den vergangenen Jahren jedoch gelockert: Laut Bundesverfassungsgericht verstoße das Tanzverbot gegen die Freiheit der Religion und die Versammlungsfreiheit. Daher wurde 2016 beschlossen, dass es Ausnahmen für das Tanzverbot geben muss.

Dateiname : Beschluss Bundesverfassungsgericht 2016 zum Tanzverbot
Dateigröße : 263.38 KBytes.
Datum : 15.04.2019 17:15
Download : Download Now!

Heißt konkret: Veranstalter dürfen eine Sondergenehmigung beantragen, wenn sie trotz Tanzverbot eine Event durchführen möchten. Dieses muss dann von der Stadt geprüft und genehmigt werden. Auch die Kirche darf sich zu den Anträgen äußern, ob sie diese Veranstaltung befürworten oder nicht.

Tanzverbot
Das Musikverbot in Kneipen und Clubs am Karfreitag ist immer wieder Diskussionsthema (Archivbild). | Bild: Wolfram Kastl/Archiv

"Eiertanz zum Hasenfest"

So war es auch beim "Eiertanz zum Hasenfest" - trotz Ablehnung beider Kirchen wird es am Karfreitag erstmals eine Tanzdemo in Karlsruhe geben. Veranstalter ist der gemeinnützige Verein Giordano-Bruno-Stiftung Karlsruhe (GBS). Der humanistische Verein setzt sich laut eigener Aussage für eine zeitgemäße Ethik, ein offenes Denken und gegen die Diskriminierung konfessionsfreier Menschen ein.

"Wir setzen uns für gleiches Recht für alle ein. Dies betrifft sowohl nicht-religiöse Menschen, als auch Menschen anderer Konfessionen, oder zum Beispiel ein Christ, der am Karfreitag trotzdem tanzen möchte", so Janosch Rydzy von der GBS im Gespräch mit ka-news. "Die Freiheit der Weltanschauung ist unser Grundrecht und in einem säkularen Staat sollte kein religiös begründetes Gesetz dies einschränken."

Janosch Rydzy
Janosch Rydzy wirkt als Mitglied der gbs Karlsruhe an der Tanzdemo mit. | Bild: Sophia Wagner

Von 16 bis 18 Uhr wird während der Demo auf dem Platz der Grundrechte in der Karlsruher Innenstadt getanzt. "Zur Eröffnung wird es einen klassischen Walzer geben. Nach einer kurzen Kundgebung wird gemischte Musik gespielt, die zum freien Tanz einladen soll", erzählt Rydzy. "Neben Tanz soll es außerdem genug Möglichkeiten zum gegenseitigen Austausch geben."

"Das Tanzverbot schränkt ein"

"Wir wollen ins Bewusstsein rücken, dass durch das Tanzverbot Menschen in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Diesen Protest wollen wir mit Spaß, Tanzen und Musik verbinden", meint Janosch Rydzy. Angemeldet sei die Demo für eine Größe von ungefähr 80 Personen. "Wir sind gespannt, wie viele Menschen sich uns anschließen werden!"

Janosch Rydzy
ka-news im Gespräch mit Janosch Rydzy. | Bild: Ingo Rothermund

Nach der Demo im Freien geht die Sause ab 18 Uhr im Arbeitskreis Kultur und Kommunikation (AKK) weiter. "Für eine offene Gesellschaft ist es wichtig, dass Toleranz gezeigt wird. Jeder sollte die stillen Feiertage auf seine Weise verbringen, sei dies in Ruhe oder auf einer Veranstaltung - beides sollte geduldet werden", betont Rydzy gegenüber ka-news.

Und wenn man doch tanzt?

Hubert Streckert von der Katholischen Kirche äußert im Gespräch mit ka-news den Wunsch nach Dialog statt Konflikt: Eine offene Kommunikation zwischen der Kirche und dem Verein GBS könne auftretende Meinungsverschiedenheiten seiner Meinung nach auf besserem Wege angehen.

Einen Verstoß gegen das Tanzverbot bestraft das Ordnungsamt Karlsruhe derzeit mit einem Bußgeld von 500 Euro. Seit 2013 hat die Polizei insgesamt sechs Tänzer in Gaststätten während des Tanzverbotes erwischt, die dieses Bußgeld zahlen mussten.  

Lockerung des Tanzverbots
Menschen tanzen in einer Disco in Stuttgart: An Karfreitag und anderen Feiertagen herrscht in weiten Teilen Deutschlands das «Tanzverbot». Foto: Franziska Kraufmann/Archiv |

Wird das Tanzverbot nun irgendwann ganz abgeschafft sein? Nein: Der Karfreitag wird nach dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts weiterhin als gesetzlicher Feiertag anerkannt - und damit bleibt auch das Tanzverbot bestehen.

Daher haben die meisten Clubs am Karfreitag geschlossen und öffnen ihre Pforten erst wieder am Samstagabend. Wer am Freitag trotzdem weggehen möchte, hat zumindest die Möglichkeit, in verschiedenen Karlsruher Bars den Abend zu verbringen - die Tanzfläche kann man ja schon wieder am nächsten Tag stürmen.

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  •   lutheranus
    (13 Beiträge)

    21.04.2019 12:14 Uhr
    Mal überlegen, wie das Christentum geprägt hat
    Wenn es um das Christentum geht, wird oft verwiesen auf Religionskriege oder die Unterdrückung, die das Papsttum über Jahrhunderte ausübte. Es wird übersehen, dass der christliche Glaube nicht mit Institutionen in eins gesetzt werden kann, sondern allein die Bibel zur Grundlage hat, von der her alles immer wieder kritisch zu betrachten ist. Und was hat uns dies gebracht: Ende von Abtreibung, Ermordung Behinderter, was alles in der Antike üblich war; Krankenhäuser, Pflege von Kranken, Behinderten, Alten. Ja zur Natur, die Antike war naturfeindlich, damit auch zur Forschung, viele frühe Wissenschaftler sind entschiedene Christen gewesen. Persönliche Freiheit aufgrund des Persönlichkeitsbildes der Bibel, der Islam z.B. kennt nur das Kollektiv. Die Kunst ist in vielfältiger Hinsicht christlich geprägt in Bauten, Malerei, Musik. Das nur als Hinweis. Man kann das alles abschaffen, wir Christen brauchen das nicht, um unsren Glauben zu leben. Aber diese Freiheit wird dann meist eingeschränkt.
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  •   lutheranus
    (13 Beiträge)

    21.04.2019 11:58 Uhr
    In welcher Kultur wollen wir leben
    Christentum ist nicht nur Privatsache. Der christliche Glaube hat auch immer etwas mit der Öffentlichkeit zu tun. Zum einen, weil die christliche Ethik natürlich auch das Verhalten gegenüber anderen einschließt, Christen nicht an Abtreibungen, Euthanasie/St erbehilfe teilnehmen können, ebensowenig an Ausbeutung oder Entrechtung von Völkern oder Bevölkerungsgruppen. Und auch Mission ist eine öffentliche Sache. Unsere Kultur ist christlich geprägt. Natürlich kann der Christ auch leben in einem Land ohne religiöse Feiertage, die USA z.B. haben bis auf den ersten Christfesttag gar keine religiösen Feiertage. Ich bin da nicht grundsätzlich dagegen. Wir müssen uns nur darüber klar werden, was eigentlich unsere Kultur sein soll, wovon sie geprägt sein soll. Die Alternativen, die sich bisher aufzeigen, sehe ich nicht für sehr hilfreich an. Die Haltung, jeder könne doch tun und lassen, was er wolle, zeigt nur, wie extrem im Westen der Individualismus übertrieben wird.
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  •   lutheranus
    (13 Beiträge)

    20.04.2019 22:40 Uhr
    Vom Christentum geprägt
    Ja, das Tanzverbot schränkt ein. Aber ob man es nun wahrhaben will oder nicht, dieses Land ist vom Christentum geprägt, seine Kultur ist eine christliche; die freiheitlich-demokratische Grundordnung hat ihre Grundlagen im biblischen Persönlichkeitsverständnis. Wer in einer bestimmten Kultur lebt, muss sich auch ihren Regeln unterordnen, alles andere wäre Anarchie. Das, was von den Gegnern des Tanzverbots versucht wird, ist nichts anderes, als tatsächlich die öffentliche Kultur zu entchristianisieren und das Christliche ins rein Private abzudrängen. Damit soll tatsächlich eine völlig andere, eine unchristliche bzw. antichristliche Kultur gefördert werden - die ja leider durch den Neomarxismus der 68er schon in vielen Bereichen vorherrschend geworden ist. Denn es gibt kein Land, das nicht von einer bestimmten Ordnung geprägt ist, da mache sich keiner etwas vor. Die Frage ist dann immer nur: Welche ist es. Das, was da seit über 40 Jahren aufzieht, hat nur die Freiheit eingeschränkt.
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  •   ALFPFIN
    (6729 Beiträge)

    21.04.2019 09:09 Uhr
    Lutheranus
    So manch ein Christ hätte sich besser aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und sich mit seinem Christsein ins Private abdrängen lassen sollen, selbst wenn damit ein Stück Kultur entchristianisiert
    worden wäre. Es wäre der Menschheit viel erspart worden und das seit Jahrhunderten.
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  •   Krawallradler
    (507 Beiträge)

    21.04.2019 07:25 Uhr
    christlich christlich
    Zitat von Lutheranus Wer in einer bestimmten Kultur lebt, muss sich auch ihren Regeln unterordnen, alles andere wäre Anarchie. Das, was von den Gegnern des Tanzverbots versucht wird, ist nichts anderes, als tatsächlich die öffentliche Kultur zu entchristianisieren und das Christliche ins rein Private abzudrängen.


    das ist wirklich mal eine fundamentalistische christliche Einstellung. Jetzt fehlt nur noch jemand an der Regierungsspitze, der das für Sie auch auslebt.

    Die Türkei hat ihren Erdogan. Wen haben den wir den für den Zweck?
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  •   Gedankenpolizei
    (152 Beiträge)

    21.04.2019 02:40 Uhr
    Es ist ein gesetzliche Feiertag
    Nachdem Staat und Kirche getrennt sein müssen, haben kirchliche Diktate an solchen Tagen keinerlei Existenzberechtigung. Gut, daß es Clubbetreiber gibt, die das sehr geschickt handhaben, hehe. grinsen
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  •   andi79
    (2767 Beiträge)

    21.04.2019 00:41 Uhr
    es soll gar keine religöse
    Kultur gefördert werden... weder christentum, noch islam, noch sonst was. Religion ist privatsache, der staat muss zwar die Möglichkeit sie auszuüben schützen (übrigens auch bei Moslems), nich aber die die keine oder eine andere Religion ausüben einschränken. Das ist nicht Aufgabe des Staates, daher sollten alle religiösen Feiertage abgeschafft werden, inkl. aller Verbote.
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  •   FinnMcCool
    (190 Beiträge)

    20.04.2019 23:55 Uhr
    Christentum
    Wo bitte steht etwas in der Bibel, dass am Karfreitag ein Tanzverbot ausgesprochen wurde? Und was spricht dagegen, wenn das Christliche ins rein Private gedrängt wird? Religion und deren Ausübung ist etwas rein Privates. Es gibt Christen die gehen bei jedem Gottesdienst zur Heiligen Kommunion und andere Christen bleiben auf ihren Bänken und beten im Stillen.
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  •   Gaensebluemchen
    (523 Beiträge)

    20.04.2019 14:33 Uhr
    Statt kirchlicher...
    ... Feiertage sollte man 10 Tage mehr Urlaub haben. Die kann jeder legen wie er will, auch auf Karfreitag - und tanzen muss er da auch nicht.
    Außerdem würde es viel Stress vermeiden, Einkauf vor langen Wochenenden, Zwangszusammenkünfte von Familien, überfüllte Restaurants usw ...
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  •   Winston_Smith
    (594 Beiträge)

    20.04.2019 13:50 Uhr
    Insgesamt gibt's ein massives Toleranzproblem in Schland mittlerweile
    Oder besser ein selektives - nämlich allem gegenüber, was irgendwie nach Tradition oder Althergebrachtem aussieht.
    Einseitigkeit ist aber Einfältigkeit und damit Dummheit - und im Endeffekt das genaue Gegenteil von Vielfalt.
    Genau wie uniforme vorgeschriebene Kleidung nie bunt sein wird.
    Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal, außer vielleicht als Touri, in einer Kirche war - zB um einer Andacht zu lauschen. Trotzdem kann ich die "Karfreitagstraditionen" ertragen, ohne gleich "Aber dann auch bitte so und so...." zu schreien.
    Wie gesagt, für mich ein Problem mit der Toleranz. Wenn sie zu weiss?, europäisch?, abendländisch?, oder gar deutsch? 😧 ist. Selektiv also. Eine intolerante Toleranz. Im Endeffekt eigentlich gar keine mehr.
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