Karlsruhe Tabuthema Pädophilie: Sex mit Kindern bleibt Fantasie, wenn Verein "Bios" erfolgreich ist (mit Video)

Über 100 Patienten waren 2019 in Behandlung bei Therapeuten der Behandlungsinitiative Opferschutz (Bios). Diese Patienten sind speziell, denn sie haben eine Neigung, die nicht der Norm entspricht - sexuelle Phantasien mit Kindern. Bios bietet diesen Menschen Hilfe, bevor sie zu Tätern werden.

Diese 100 Menschen haben das Angebot freiwillig wahrgenommen: Es handelt sich um Menschen, die bisher noch nicht straffällig geworden sind und sich bei der Initiative gemeldet haben. Bei Bios werden diese Betroffenen, die Phantasien haben, sie aber nicht aktiv ausleben möchten, "Tatgeneigte" genannt. Sarah Allard hat seit zwei Jahren die theapeutische Leitung bei Bios inne und betreut in ihrem Job auch pädophile Menschen. 

Sarah Allard im ka-news.de-Interview über ihre Aufgaben, Schwierigkeiten bei den Therapien und dass pädophil nicht gleich pädophil ist:

Betroffene brauchen Stabilität

Bei den Tätern liegt oft eine tatbegünstigende Persönlichkeitsstruktur vor, hinzu kommt - oder wird dadurch bedingt - eine instabile Lebenssituation. "Die meisten Menschen haben mehrere Stützen im Leben wie Job, Hobby, Freunde und Familie", Sarah Allard, therapeutische Leitung bei der Behandlungsinitiative. Ähnlich einer Tischplatte, die auch von mehreren Füßen gehalten wird - bricht ein Fuß weg, wird der Tisch instabil.

Sarah Allard
Sarah Allard hat die therapeutische Leitung bei Bios inne. | Bild: Ingo Rothermund

"Falls einer oder mehrerer dieser Stützen weg fällt, braucht dieser Mensch Stabilität - und diese wollen wir mit den Tatgeneigten in unseren Sitzungen wieder aufbauen", sagt Allard. Das Motto der 2008 gegründeten Initiative: "Wo kein Täter, da kein Opfer". 

Den Menschen kann mit Therapie geholfen werden

Gespräche mit Menschen, die pädophile Neigungen besitzen, können erfolgreich sein und den Konsum von Kinderpornografie oder gar einen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen verhindern. "Eine Studie belegt, dass durch entsprechende Therapien die Rückfallquoten um 85 Prozent gesenkt werden können. Jedes Opfer, das verhindert werden kann ist ein Erfolg", so Sarah Allard im Gespräch mit ka-news.de. 

Wie beispielsweise einem 60-jährigen Karlsruher. Er konsumierte über Jahre kinderpornografische Videos bis er den Schritt zu Bios wagte und um Hilfe bat. Zusammen mit den Therapeuten konnte er lernen, mit der Neigung umzugehen und Sucht-Momente zu überwinden.

Konkreter darf Allard nicht über Fälle sprechen - sie unterliegen der Schweigepflicht. Wie es Betroffenen mit der Neigung geht, lässt sich in einem Bericht lesen, der auf der Homepage der Initiative zu finden ist. Welche Auswirkungen die Neigungen haben, hat ein Betroffener niedergeschrieben: "Ohne die Hilfe von Bios und der Unterstützung meiner Frau hätten meine Suizidgedanken konkretere Formen angenommen."

"Ich dachte, nun sei alles aus"

Ein Betroffener, der Kinderpornografie konsumiert hat, erzählt auf dem Portal der Opferinitiative von seinem Ausstieg, als es schon zu spät war. Er wandte sich erst nach einer polizeilichen Hausdurchsuchung und der Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens an Bios. 

"Einerseits war ich in dem Augenblick erleichtert, hatte ich doch das Gefühl, es jetzt hinter mir zu haben, andererseits war der Schock sehr groß. Ich dachte nun sei alles aus. Familie, Arbeit und Freunde verloren. Mit panischer Angst berichtete ich meiner Frau was passiert war und was für ein Doppelleben ich die letzten Jahre geführt hatte", schreibt der Betroffene in seinem Erfahrungsbericht.  Er hatte Glück: Seine Frau hielt zu ihm und unterstützte ihn, sein Anwalt riet ihm, eine Therapie zu machen.  

"Verlangen ist stärker als Verstand"

"Diesen Vorschlag nahm ich gerne an, da ich wusste, dass ich es alleine nicht schaffen würde mit dem Suchen nach Kinderpornographie aufzuhören und ich unbedingt von diesem Verlangen, das stärker war als der Verstand, befreit werden wollte." Während seiner einjährigen Therapie bekam er dort Unterstützung, um den suchtartigen Konsum zu überwinden. "Diese Bereitschaft mich mit meinen Schattenseiten auseinanderzusetzen hat sicherlich mit zum glimpflichen Ausgang des strafrechtlichen Verfahrens beigetragen."

Mithilfe von Sarah Allard und ihren Kollegen gelang es ihm Momente zu meistern, in denen das Verlangen nach kinderpornografischen Material auftauchte. "Wichtig sind auch heute noch die erlernten Strategien, wie mit dem aufkommenden Bedürfnis nach Kinderpornographie zu suchen umzugehen ist und wie ich mich selber von erneutem Fehlverhalten abhalten kann. "

Therapie-Erfolg durch Studien belegt

"Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kann durch eine erfolgreiche Behandlung das Risiko eines Rückfalls deutlich reduziert und bei einem, noch nicht straffällig Gewordenen, die Begehung einer ersten Straftat verhindert werden", sagt Sarah Allard im Gespräch mit ka-news.de.  Ein Therapieerfolg sei auch dann zu verzeichnen, wenn ein pädophil verurteilter Straftäter nicht erneut übergriffig wird und "nur" noch Kinderpornografie konsumiere, so Allard.

Trotz Therapie: Die pädophilen Neigungen bestehen oft weiterhin.  "Ich muss mich jeden Tag aufs Neue dazu zwingen, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen", schreibt der Betroffene in seinem Bericht.  

"Veranlagung wurde nicht frei gewählt"

Etwa 80 Prozent der Menschen mit Fantasien über pädophile Handlungen sind durch die Therapien gut erreichbar, da sie nicht "kernpädophil" sind. "Diese Menschen vergreifen sich an Kindern, weil sie zum Beispiel keinen Kontakt zu erwachsenen Frauen herstellen können oder es andere Probleme in der Vergangenheit gab", sagt Bios-Leiterin Allard.

"Diese Menschen sind mit der Therapie gut zu erreichen, da sie selbst unter ihren Handlungen und Fantasien leiden." Dadurch kann diesen Personen gut geholfen werden - "damit sie trotzdem ein halbwegs glückliches und zufriedenes Leben führen können", so Allard im Gespräch mit ka-news.de.

Und wie empfinden es Menschen mit pädophilen Neigungen? "Diese Veranlagung selber empfinde ich als belastend", schreibt der anonyme  Betroffene. Diese Veranlagung wurde jedoch weder von mir, noch von anderen Betroffenen frei gewählt; man kann sie Niemandem vorwerfen, und sie ist auch nicht verboten. Entscheidend ist hier, wie überall im Leben, wie man damit umgeht und was man daraus macht oder eben auch nicht macht."

ka-news.de-Hintergrund

Im Jahr 2015 hat sich daher in Karlsruhe die Opfer- und Traumaambulanz (OTA) gegründet. Diese gehört zu dem Verein Behandlungsinitiative Opferschutz (Bios) und versucht Betroffenen so schnell wie möglich eine Hilfe anzubieten, damit diese über die traumatischen Ereignisse besser hinwegkommen können. Die Behandlungsinitiative arbeitet eng mit anderen Institutionen, wie Bewährungshelfern, Polizei und Gericht zusammen.

Das neuste Angebot von Bios lautet: "Stopp - bevor was passiert!" Ziel ist es: Bei Betroffenen den Konsum von verbotenen Bildern und Videos einzustellen, Kontakte zu Kindern im Internet zu vermeiden und ihnen zu helfen, ihren sexuellen Neigungen zu Kindern nicht nachzugeben.

Die Therapie ist anonym möglich und erfolgt unter Einhaltung der Schweigepflicht. Weitere Informationen unter www.bios-bw.com und www.bevor-was-passiert.com

In Karlsruhe befindet sich die Behandlungsinitiative am Schlossplatz 23. Sie ist erreichbar unter 0721/47043935.
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (0)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.