"Als ich vor 13 Jahren als katholischer Gefängnisseelsorger an die JVA Karlsruhe kam, vermisste ich einen Chor", erinnert sich Michael Drescher im Gespräch mit ka-news - "von anderen Gefängnissen wusste ich, dass Musik hilft, die schwere Zeit in Haft zu bestehen."
Wenn sich Drogendealer und Totschläger das Notenblatt teilen
So nahm sich Drescher zur Aufgabe, die Betreuung auszuweiten. Hierbei stieß er jedoch zunächst auf Hindernisse hinter Gittern: "Da im Karlsruher Gefängnis vor allem Untersuchungshaft vollzogen wird, sind die Gefangenen nicht sehr lange hier - etwa sechs bis zwölf Monate. Nach ihrer Verhandlung werden sie dann in andere Anstalten verlegt." Dieses Kommen und Gehen schien einer dauerhaften Chorarbeit im Wege zu stehen, so der Seelsorger weiter. Schließlich kam ihm und seinen Kollegen die Idee, ehrenamtliche Sänger von außen dazu zu nehmen. Heute wird der Chor von ehrenamtlichen Männern und Frauen getragen - Inhaftierte können jederzeit einsteigen.
Der musische Ausgleich kommt gut an, weiß Drescher. Von Häftlingen höre man immer wieder, dass der Chor für viele das Highlight der Woche sei. Auch Ex-Knackis, die mittlerweile nicht mehr hinter 'Karlsruher Gardinen' verweilen, scheinen sich gern an die Chor-Stunde zurück zu erinnern: "Wir bekommen immer wieder Post von Ehemaligen, in denen steht: Die Zeit im Knast konnte ich nur aushalten, weil ich mich jede Woche auf den Chor freuen konnte."
Aktuell nehmen zehn Gefangene und elf Ehrenamtliche regelmäßig an den Chorstunden teil. Auf Nachfrage von ka-news erklärt Drescher, dass es allen Karlsruher Inhaftierten erlaubt sei, mitzusingen, sofern keine besonderen Sicherungsmaßnahmen vorgesehen sind. So könne es beispielsweise sein, dass mutmaßliche Schläger, Drogendealer und Mörder sich das Notenpapier teilen und fröhliche Volkslieder singen.
"Die Gedanken sind frei..."
Das Liedgut sei sehr vielfältig, sagt Drescher. Nationalhymnen, Kirchenmusik, aber auch Taizé-Lieder und Kanongesänge stehen hoch im Kurs. "Es gibt aber ein Lied, das ist fast die Hymne des Chores: 'Die Gedanken sind frei...'" Richtige Auftritte außerhalb der Anstalt gebe es allerdings nicht, so der Seelsorger weiter, "aus verständlichen Gründen." Gelegentlich übernehme der Knast-Chor jedoch die musikalische Gestaltung des sonntäglichen Gottesdienstes in der JVA.
Was ist anders, wenn man mit Häftlingen statt mit den Leuten von nebenan singt, wollen wir wissen. Drescher erklärt: "Die Ehrenamtlichen erfahren von den Inhaftierten eine große Dankbarkeit. Die Gefangenen wissen es sehr zu schätzen, dass sich die Männer und Frauen von außen jede Woche 1,5 Stunden Zeit nehmen, um in den Knast zu gehen." Man singe selten, um sich auf einen Auftritt, wie den in der Kirche vorzubereiten. Im Vordergrund stehe die Freude am gemeinsamen Singen, Musizieren und Ausprobieren, so der Seelsorger weiter. Zudem bleibe auch Zeit für das Gespräch unter einander.
Seit über zehn Jahren veranstaltet Michael Drescher, katholischer Gefängnisseelsorger, gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen Karl-Heinz Dümmig und mit der Unterstützung des Bezirksvereins für soziale Rechtspflege an dem Chor-Projekt in der Karlsruher JVA. Geleitet wird der Chor von Ralph Hammer.
Das Gefängnis-Chor-Projekt aus Karlsruhe kam nun in die Endausscheidung des Wettbewerbs "Ehrenamt echt gut" des Landes Baden-Württemberg. Noch bis zum 4. November können Bürger hierfür ihre Stimme abgeben und den Chor unterstützen.