8  

Karlsruhe Karlsruher Knast-Knaben: Hier singen Schwerverbrecher Kanon!

Triste Mauern, beklemmende Stille, graue Langeweile: So ein Knast-Alltag ist alles andere als behaglich. Verständlicherweise. In der Karlsruher JVA schleicht sich jedoch einmal pro Woche ein Hauch Behaglichkeit zwischen die Gitterstäbe - und zwar wenn Michael Drescher zur Chorprobe ruft. Wir haben mit dem Seelsorger über ein ungewöhnliches Projekt, singende Knackis und ihre Lieblingslieder gesprochen.

"Als ich vor 13 Jahren als katholischer Gefängnisseelsorger an die JVA Karlsruhe kam, vermisste ich einen Chor", erinnert sich Michael Drescher im Gespräch mit ka-news - "von anderen Gefängnissen wusste ich, dass Musik hilft, die schwere Zeit in Haft zu bestehen."

Wenn sich Drogendealer und Totschläger das Notenblatt teilen

So nahm sich Drescher zur Aufgabe, die Betreuung auszuweiten. Hierbei stieß er jedoch zunächst auf Hindernisse hinter Gittern: "Da im Karlsruher Gefängnis vor allem Untersuchungshaft vollzogen wird, sind die Gefangenen nicht sehr lange hier - etwa sechs bis zwölf Monate. Nach ihrer Verhandlung werden sie dann in andere Anstalten verlegt." Dieses Kommen und Gehen schien einer dauerhaften Chorarbeit im Wege zu stehen, so der Seelsorger weiter. Schließlich kam ihm und seinen Kollegen die Idee, ehrenamtliche Sänger von außen dazu zu nehmen. Heute wird der Chor von ehrenamtlichen Männern und Frauen getragen - Inhaftierte können jederzeit einsteigen.

Der musische Ausgleich kommt gut an, weiß Drescher. Von Häftlingen höre man immer wieder, dass der Chor für viele das Highlight der Woche sei. Auch Ex-Knackis, die mittlerweile nicht mehr hinter 'Karlsruher Gardinen' verweilen, scheinen sich gern an die Chor-Stunde zurück zu erinnern: "Wir bekommen immer wieder Post von Ehemaligen, in denen steht: Die Zeit im Knast konnte ich nur aushalten, weil ich mich jede Woche auf den Chor freuen konnte."

Gottesdienst in der JVA Karlsruhe

Aktuell nehmen zehn Gefangene und elf Ehrenamtliche regelmäßig an den Chorstunden teil. Auf Nachfrage von ka-news erklärt Drescher, dass es allen Karlsruher Inhaftierten erlaubt sei, mitzusingen, sofern keine besonderen Sicherungsmaßnahmen vorgesehen sind. So könne es beispielsweise sein, dass mutmaßliche Schläger, Drogendealer und Mörder sich das Notenpapier teilen und fröhliche Volkslieder singen.

"Die Gedanken sind frei..."

Das Liedgut sei sehr vielfältig, sagt Drescher. Nationalhymnen, Kirchenmusik, aber auch Taizé-Lieder und Kanongesänge stehen hoch im Kurs. "Es gibt aber ein Lied, das ist fast die Hymne des Chores: 'Die Gedanken sind frei...'" Richtige Auftritte außerhalb der Anstalt gebe es allerdings nicht, so der Seelsorger weiter, "aus verständlichen Gründen." Gelegentlich übernehme der Knast-Chor jedoch die musikalische Gestaltung des sonntäglichen Gottesdienstes in der JVA.

Was ist anders, wenn man mit Häftlingen statt mit den Leuten von nebenan singt, wollen wir wissen. Drescher erklärt: "Die Ehrenamtlichen erfahren von den Inhaftierten eine große Dankbarkeit. Die Gefangenen wissen es sehr zu schätzen, dass sich die Männer und Frauen von außen jede Woche 1,5 Stunden Zeit nehmen, um in den Knast zu gehen." Man singe selten, um sich auf einen Auftritt, wie den in der Kirche vorzubereiten. Im Vordergrund stehe die Freude am gemeinsamen Singen, Musizieren und Ausprobieren, so der Seelsorger weiter. Zudem bleibe auch Zeit für das Gespräch unter einander.

Seit über zehn Jahren veranstaltet Michael Drescher, katholischer Gefängnisseelsorger, gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen Karl-Heinz Dümmig und mit der Unterstützung des Bezirksvereins für soziale Rechtspflege an dem Chor-Projekt in der Karlsruher JVA. Geleitet wird der Chor von Ralph Hammer.

Das Gefängnis-Chor-Projekt aus Karlsruhe kam nun in die Endausscheidung des Wettbewerbs "Ehrenamt echt gut" des Landes Baden-Württemberg. Noch bis zum 4. November können Bürger hierfür ihre Stimme abgeben und den Chor unterstützen.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (8)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   aventador
    (521 Beiträge)

    25.10.2015 23:52 Uhr
    So ein
    Knast-Alltag (nur echt mit dem original ka-news Binde-Strich) soll auch nicht behaglich sein! Unbehaglichkeit ist unter anderem der Sinn des Knast-Alltags. Die Leute sollen gezwungen werden nachzudenken warum sie es unbehaglich haben.

    Aber ok, ich vergass, die sitzen ja alle unschuldig im Knast.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Uhowei
    (594 Beiträge)

    26.10.2015 13:48 Uhr
    U-Haft
    Da im Karlsruher Gefängnis vor allem Untersuchungshaft vollzogen wird (wie es wortwörtlich im Artikel steht) gilt für die dort Inhaftierten bis zur rechtskräftigen Verurteilung die sogenannte Unschuldsvermutung.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Unschuldsvermutung
    Unbehaglichkeit und Zwang, darüber nachzudenken, warum man dort sitzt, ist also verfrüht.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Torflut
    (2209 Beiträge)

    25.10.2015 18:53 Uhr
    Es
    ein Projekt, warum nicht?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   sosiehtsaus
    (624 Beiträge)

    25.10.2015 17:10 Uhr
    Wenns nach mir ginge
    hätten die auch nicht viel mehr zu tun. Tischtennis wäre noch okay. Aber AUF GAR KEINEN FALL hättens sie Gelegenheit für Kraftsport. In den meistens Fällen sind sie ja immer noch kriminell wenn sie rauskommen - bloss dann noch mit Ärmen wie Hulk.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Uhowei
    (594 Beiträge)

    26.10.2015 13:50 Uhr
    genauer lesen!
    Es handelt sich bei den Inhaftierten vorwiegend um Untersuchungshäftlinge! Erst wenn diese rechtskräftig verurteilt wurden, kann man von Kriminellen reden. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   sosiehtsaus
    (624 Beiträge)

    26.10.2015 15:09 Uhr
    Aha
    1. ist es so, dass man nicht so leicht in U-Haft kommt und 2. wenn man das schon geschaft hat, wird es einen nicht umbringen, mal eine Zeit lang keinen Kraftsport zu machen. Krankengymnastik bei Rückenkranken wär glaub ich noch okay...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   aventador
    (521 Beiträge)

    25.10.2015 15:09 Uhr
    Was singen die so?
    Kill 'em all? Seek and destroy? Battery?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Meiksel
    (548 Beiträge)

    25.10.2015 20:43 Uhr
    nee
    Symphony of Destruction!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Schreiben Sie Ihre Meinung
Fett Kursiv Link Zitat Sie dürfen noch Zeichen schreiben
Informiert bleiben: