Ich stehe an der Haltestelle der stadteinwärts fahrenden S2 am Durlacher Tor und ziehe mir die blickdichte Maske über die Augen. Wo eben noch heller Sonnenschein war, umhüllt mich plötzlich undurchdringliche Schwärze. Augenblicklich umklammere ich den Blindenstock in meiner Hand fester. Er muss mich jetzt führen, mir mithilfe der taktilen Leitlinien auf dem Boden zeigen, wie ich den Weg zum Bahnsteig finde.

Ich kann meinen Ohren nicht mehr trauen
Schritt für Schritt bewege ich mich vorwärts, streiche immer wieder mit der runden Spitze des Stocks über den Boden und versuche mich am Klang der gerillten Spur auf dem Boden an ihr entlang zu orientieren. Doch das ist nicht einfach: Das Kratzen des Stabs geht im Umgebungslärm unter: Kinder rempeln mich lachend an, Autos auf der Kreuzung hupen, Feuerwehrautos mit Martinshorn rasen hinter mir vorbei, Bahnen fahren ratternd in die Haltestelle ein.

Plötzlich kann ich meinen Ohren nicht mehr trauen und jede Unebenheit fühlt sich unter meinem Stock auf einmal gleich an. Ich spüre leichte Panik in mir aufsteigen und reiße mir die Augenbinde vom Kopf. Ich blinzele. Im hellen Sonnenlicht sieht meine Umgebung alles andere als bedrohlich aus. Und obwohl ich weiß, dass das nur eine Übung war, bin ich innerlich sehr froh, mich jetzt wieder auf meine Augen verlassen zu können.
Die größte Herausforderung: "An welchem Bahnsteig stehe ich gerade?"
Michael aber kann das nicht. Der Bachelor-Student am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist seit seiner Geburt blind. Das tägliche Pendeln mit der S1 aus Bad Herrenalb nach Karlsruhe stellt ihn damit - im Gegensatz zu nicht-blinden Menschen - vor eine große Herausforderung. Gerade die Orientierung an den Haltestellen fällt ihm schwer.

"Ich weiß nie, an welchem Bahnsteig ich mich gerade befinde und welche Bahn wann einfährt", erklärt er. Eine "sprechende Bahn", die bei der Einfahrt ihre Linie ansagt, würde ihm sehr helfen. Bis es soweit ist, muss er sich damit begnügen, die anderen wartenden Mitreisenden zu fragen, "aber manche reagieren einfach gar nicht".
Besonders mit den Fahrern des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV) habe er keine guten Erfahrungen gemacht. "Manchmal versuche ich die Leute in der Straßenbahn selbst zu fragen, welche Linie das ist und strecke meinen Stock zwischen die Tür, damit sie nicht zugeht. Ein Fahrer hat ein Mal die Türen trotzdem geschlossen und ist einfach losgefahren. Hätte jemand meinen Stock nicht geistesgegenwärtig herausgerissen, wäre er weg gewesen!"
"Das Durlacher Tor ist ein einziges Durcheinander"
Solche Orientierungsprobleme kennt auch der blinde Master-Student Max Kordel von der neu gestalteten Haltestelle Durlacher Tor auf seinem Weg zur Uni. Wenn möglich, meidet er sie und wählt lieber den Weg über den Kronenplatz.

Besonders das Aufeinandertreffen der verschiedenen Verkehrsmittel macht das Durlacher Tor für ihn zur Herausforderung. "Es ist einfach ein großes Durcheinander: Die Bahnen fahren aus vier Richtungen, dann gibt es noch eine Busspur, Fahrradfahrer, Fußgänger und ein Wirrwarr aus Leitlinien, bei denen ich nie weiß, welche ich jetzt eigentlich genau brauche, um zum Ziel zu kommen", erklärt er im Gespräch mit ka-news.de.

Mobilitätstrainer sollen Orientierung vermitteln
Neben den weißen, taktilen Linien sollen auch akustische Ampelanlagen helfen, Menschen mit Sehbehinderung sicher ans Ziel zu bringen.

Am Durlacher Tor aber reichen diese Hilfsmittel nicht aus. Das hat nun auch die Stadt Karlsruhe erkannt und aus diesem Grund Michael, Max und anderen sehbehinderten KIT-Studenten am Dienstag - dem Tag der Menschen mit Behinderung - eine "fachspezifische Erkundung des Durlacher Tors" angeboten. Das bedeutet: Mithilfe von ausgebildeten Mobilitätstrainern üben sie das sichere Überqueren und Zurechtfinden auf dem Platz vor der Bernharduskirche.

"Mindestens zehn Stunden muss man trainieren, bis man die Umgebung verinnerlicht hat", sagt Ottmar Kappen. Er ist einer der Trainer und hilft Max, die Haltestelle an der Durlacher Allee zu queren. "Am Durlacher Tor ist es vor allem wichtig zu wissen, wo man ankommt, um sich zurechtzufinden", erklärt er gegenüber ka-news.de.

Dass es ein solches Mobilitätstraining überhaupt gibt und jeder Sehbehinderte einen Anspruch darauf hat, sei laut der kommunalen Behindertenbeauftragten Ulrike Wernert noch zu wenig bekannt. "Als spezifisches Angebot gibt es das hier in Karlsruhe leider noch nicht", erklärt sie. "Das Durlacher Tor ist das Tor zur Uni, daher möchten wir mit dieser Aktion heute ein Signal in diese Richtung setzen."

Übersichtspläne in Braille könnten an allen Haltestellen hängen
Doch auch außerhalb des Mobilitätstrainings wünscht Wernert sich für blinde Menschen Hilfsmittel, um ihnen die Orientierung an Haltestellen zu erleichtern. Eines davon könnte beispielsweise eine Übersichtskarte des Durlacher Tors sein - verfasst in Brailleschrift. Als Arbeitsmaterial für Studierende gibt es sie bereits, die kommunale Behindertenbeauftragte könnte sich aber auch vorstellen, einen solchen Plan bei Bedarf an jeder Haltestelle in Karlsruhe anzubringen.

"Hier ist aber noch nichts Konkretes geplant", meint sie. Vorerst wird also das Mobilitätstraining genügen müssen, um Max, Michael und seine Kommilitonen sicher über die Haltestelle zu bringen - für ein kleines Stück mehr Selbstbestimmung im Alltag.