Karlsruhe Aufarbeiten was liegen blieb

Prinz Bernhard überbrachte eine Grußbotschaft des Hauses Baden (Foto: ka-news)
"200 Jahre Baden - Freiheit verbindet": die zahlreichen Veranstaltungen aus Anlass der Erhebung zum einstigen Großherzogtum fanden gestern einen vorläufigen Höhepunkt. Doch der jetzt als Abschluss der "Badischen Woche" angedachte Festakt am Sonntag im Badischen Staatstheater in Karlsruhe wurde dominiert vom Streit um Kulturgüter. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) versuchte dabei die Gemüter zu beruhigen, sprach im vollbesetzten Opernhaus davon, dass er die kommenden Monate "das aufarbeiten wolle, was 90 Jahre liegen blieb".

Von einem "Ausverkauf badischer Kulturgüter" ist seit Tagen in der Öffentlichkeit die Rede, diesen befürchtete auch eine Protestgruppe vor dem Staatstheater an der Karlsruher Baumeisterstraße. Die Landesvereinigung Baden in Europa, ein Verein zur Wahrung "badischer Interessen" hatte Unterschriftenlisten ausgelegt. Zahlreiche Festgäste trugen sich schon vor Beginn des Festaktes in die Listen ein, von Karlsruhes Kulturdezernent Ullrich Eidenmüller (FDP), über Alt-Oberbürgermeister Gerhard Seiler (CDU) bis hin zur SPD-Landesvorsitzenden Ute Vogt, die - wie SPD-Landesgeneralsekretär Jörg Tauss - ihren Wahlkreis im Landkreis Karlsruhe hat.

Großen Beifall erntete OB Fenrich (Foto: ka-news)
Im einstigen Großen Haus des Staatstheaters, das kürzlich in Opernhaus umbenannt wurde, waren die annähernd 1.000 Plätze nahezu vollständig besetzt. Doch Beifall bekam - neben der Badischen Staatskapelle mit Anthony Bramall - vor allem Karlsruhes Rathauschef Heinz Fenrich, der kritisch anmerkte viele Menschen seien "beunruhigt". Er mahnte gangbare Wege an "zur Sicherung badischen Kulturgutes". Der Erhalt bedeutender Handschriftensammlungen sei nicht allein eine Sache der Badischen Landesbibliothek, sondern "Aufgabe des ganzen Landes", so Fenrich. Ministerpräsident Oettinger widersprach beim Festakt im Staatstheater Befürchtungen, dass kulturhistorisch wertvolle Kulturgüter leichtfertig verkauft würden.

Es ist von "Ausverkauf badischer Kulturgüter" die Rede

In der örtlichen Presse wurden in den letzten Tagen vor allem die zahlreichen altertümlichen Handschriften der Badischen Landesbibliothek erwähnt, die in Gefahr seien. Auch Handschriften auf der Bodenseeinsel Reichenau, der Bibliothek zugeordnet, stehen offenbar zur Diskussion. Oettinger, der eingangs der vergangenen Woche den Oberbürgermeister der einstigen badischen Residenz und die Fraktionsvorsitzenden des Karlsruher Gemeinderates vorab informierte, sprach von Kulturgegenständen im Wert von bis zu 300 Millionen Euro. Das einstige Land Baden habe "diese Frage nie aufgeworfen", merkte seinerseits der Regierungschef kritisch an.

Wehrhaftes Baden: Historische Bürgerwehren vor dem Badischen Staatstheater
(Foto: ka-news)

"Wir wollen möglichst viel von dem was wir besitzen, als Eigentum behalten", sagte Oettinger, aber gleichzeitig auch eine Sicherheit der Rechtskultur schaffen. Es müsse in den nächsten Wochen geklärt werden, welche Kulturgegenstände verbleiben könnten, und welche herausgegeben würden. Mit dem markgräflichen Haus Baden werde angestrebt, Werte in Höhe bis zu 70 Millionen Euro an dieses abzutreten. Das Haus Baden wäre dann bereit, so Oettinger, auf alle weiteren Ansprüche in einem außergerichtlichen Vergleich auf alle Zukunft hin zu verzichten. Neu war gestern die Aussage, dass in einer so genannten "Baden-Klausel" alles Schriftgut, das in Baden entstanden sei oder einen Bezug zum ehemaligen Baden aufweise, ausgenommen bleibe. Auch das Schriftgut der Reichenau solle unverkäuflich bleiben, so Oettinger.

Ministerpräsident Günther Oettinger regt Stiftung an

Der Ministerpräsident rief im Badischen Staatstheater zu Spenden auf, mit dem Grundstock könne dann eine Stiftung gebildet werden. Jedem eingehenden Euro will Oettinger einen weiteren Euro aus Landesmitteln drauf legen. Auch Karlsruhes Oberbürgermeister sprach sich dafür aus, nach Lösungsmöglichkeiten auf dem Wege von Stiftungen zu finden. Bernhard Prinz von Baden, der beim Festakt ein Grußwort sprach, bekundete seine Verbundenheit mit Landschaft, Kultur und auch den Menschen Badens. Mit Verweis auf seinen "geliebten Geburts- und Wohnort Salem" sagte er zu, das markgräfliche Haus sei "zu vielem bereit, um Schloss Salem zu retten". Für Prinz Bernhard bildet das Kleinod - seit Auflösung der Monarchie Hauptwohnsitz der adligen Familie -, den "geistigen und architektonischen Mittelpunkt der Bodenseeregion."

Ministerpräsident Oettinger versuchte beim Festakt die Wogen zu glätten (Foto: ka-news)

Mit dem Verkauf der wertvollen Handschriften sollen dringend notwendige Investitionen auf dem weitläufigen Schlossareal getätigt werden. Schloss Salem könne damit langfristig gesichert werden, heißt es. Am Rande des Festaktes, zu dem zahlreiche Ehrengäste auch aus Nachbarstädten gekommen waren - von Mannheims Oberbürgermeister Gerhard Widder (SPD) über Freiburgs Rathauschef Dieter Salomon (Grüne) bis zum 93-jährigen Altministerpräsidenten Hans Karl Filbinger -, gab es weitere kritische Stimmen zu dem geplanten Verkauf von wertvollen Handschriften.

Ein ehemaliger Minister wünschte sich für Karlsruhe "den König von Württemberg", denn dieser habe sein Haus - mit Hauptsitz in Altshausen, Landkreis Ravensburg - finanziell "immer in Ordnung gehalten". Was man vor allem in den Nachkriegsjahren für das Haus Baden nicht sagen könne. Besagter Festgast hat auch schon einen potenten Mäzen zum Erhalt des Kulturgutes im Blick: den Energiekonzern EnBW, Rechtsnachfolger des einstigen Karlsruher Badenwerks.

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