"Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten, die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat", lautet ein Zitat des Publizisten Erich Kästner (1899-1974). Diesen Satz schreibt der im Jahr 2012 gegründete Verein "Lernort Zivilcourage und Widerstand" (LZW) aus Karlsruhe in einer Broschüre. 

Wirken badischer NS-Gegner steht im Vordergrund

Ziel des LZW ist es, die Geschichte von Abwehrkampf, Widerstand, Verfolgung und Exil während der Weimarer Republik und unter der NS-Diktatur stärker in den Fokus von Forschung und Vermittlung zu rücken. Leiterin des Projektes ist die Politikwissenschaftlerin und Historikerin Andrea Hoffend, Ehefrau des Karlsruher Oberbürgermeisters Frank Mentrup.

Projektleiterin Andrea Hoffend (links) mit den Mitarbeiterinnen Claire Hölig und Luisa Lehnen.
Projektleiterin Andrea Hoffend (links) mit den Mitarbeiterinnen Claire Hölig und Luisa Lehnen. | Bild: Hans-Joachim Of

Unter dem Motto "Geschichte begreifen - Demokratie erleben" will sie mit den Vereinsmitgliedern das Wirken badischer Gegner der Nationalsozialisten in den Jahren 1918 bis 1945 zeitgemäß aufarbeiten. Bisher fehlten hierfür aber noch die passenden Räumlichkeiten. Bis jetzt.

Ein Konzentrationslager zwischen Bad-Schönborn und Kronau

Denn der LZW möchte auf das Areal des Schlosses Kislau ziehen, die zwischen Bad-Schönborn und Kronau liegt. Das Besondere daran: Die Anlage, deren Ursprünge etwa auf das 11. Jahrhundert zurückgehen, war in früheren Zeiten nicht nur Kaserne, Militärhospital und Gefängnis. In den Jahren von 1933 bis 1939 wurde sie als Konzentrationslager genutzt.

Ehemaliges KZ wird zum "Lernort für Zivilcourage"
Die Ursprünge der Anlage gehen bis ins 11. Jahrhundert zurück. | Bild: Hans-Joachim Of

Hunderte früherer Gegner des Nationalsozialismus wurden von 1933 bis 1939 dort festgehalten. Unter ihnen war auch der im März 1934 ermordete badische Justizminister Ludwig Marum - als Jude Dorn im Auge des NS-Regimes - der in Karlsruhe seine letzte Ruhestätte fand.

"Im badischen Teil von Baden- Württemberg gibt es bislang keine Einrichtung, die eine integrierte Schau auf die Landesgeschichte in den genannten Jahren bietet. Das möchten wir ändern", so der Verein gegenüber ka-news.de.

Lernort soll auf Wiese neben Schloss Kislau entstehen

Wie soll der Lernort nach der Eröffnung aussehen? Die Schlossanlage Kislau, die sich im Besitz des Landes Baden-Württemberg befindet, ist heute eine Außenstelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal.

Ehemaliges KZ wird zum "Lernort für Zivilcourage"
Bild: Hans-Joachim Of

Da zwei der historischen Bauten für das Projekt laut Verein nicht infrage kämen, hat das Land dem LZW ein rund 1.800 Quadratmeter großes Wiesengrundstück in unmittelbarer Nähe des Schlosskomplexes als Baugrund für die Errichtung eines Neubaus angeboten. "Dies birgt die Chance, den räumlichen Erfordernissen und dem methodisch-didaktischen Ansatz des künftigen Lernorts Kislau auf optimale Weise Rechnung zu tragen", so der Verein.

"Aus der Geschichte muss man lernen"

Vor allem Kinder und Jugendliche sollen mir dem Angebot angesprochen werden. Zugleich wolle man sowohl Geschichtsinteressierte als auch jene begeistern, die bislang nichts über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus wussten.

Das Motto des LZW-Vereins.
Das Motto des LZW-Vereins. | Bild: Hans-Joachim Of

"Aus der Geschichte muss man lernen, zumal für heutige Jugendliche die NS-Zeit im Wortsinn Geschichte bedeutet. Nur die wenigsten jungen Menschen haben noch einen persönlichen Bezug zu Zeitzeugen", erklärt Projektleiterin Andrea Hoffend. Dabei bleibe die Aufklärung über die Verbrechen der Nazi-Zeit unverzichtbar.

Bis die ersten Interessierten den Lernort Schloss Kislau betreten können, wird es aber noch eine Weile dauern. Da die finanzielle Seite "noch nicht ganz geklärt" sei, gebe es im Moment auch noch keinen Termin für einen Baubeginn. "Wir hoffen aber auf einen baldigen Beschluss", so der Verein.