"So sah ich als kleiner Bub auch aus", eröffnet ein nachdenklicher Johann "Hans" Drach im Gespräch mit ka-news.de und deutet auf die Umschlagseite eines längst vergriffenen Buches, das der österreichische Autor Leopold Rohrbacher im Jahr 1949 veröffentlicht hat. Ein erschütterndes Schwarz-Weiß-Foto darauf zeigt einen ausgemergelten, bis zum Skelett abgemagerten, kleinen Jungen, der kaum noch Leben in sich zu haben scheint.

Das Buch von Leopold Rohrbacher.
Das Buch "Ein Volk ausgelöscht" von Leopold Rohrbacher. | Bild: Hans-Joachim Of

Ein Museum für die Donauschwaben

Das Lesewerk mit dem Titel "Ein Volk ausgelöscht" beschreibt in eindringlichen Worten die systematische Ausrottung des sogenannten Donauschwabentums zwischen 1944 und 1948 im damaligen Jugoslawien. Johann Drach, der im Jahre 1939 als Sohn der Donauschwaben Anna und Heinrich Drach in Parabutsch in der Batschka (das serbische Dorf heißt heute Ratkovo) geboren wurde, wohnt heute wieder in Östringen.

1946 verschlug es ihn in den Kraichgauort, wo er auch zur Schule ging. Später lebte er etliche Jahre in Bruchsal, spielte im Verein Handball und war bei der örtlichen Krankenkasse in der Verwaltung tätig. Seit Anbeginn ist er als Zeitzeuge Mitglied bei der seit 1986 bestehenden Bad Schönborner Heimatortsgemeinschaft (HOG) Parabutsch, die im Ortsteil Langenbrücken ein mehrfach preisgekröntes Heimatmuseum aufgebaut hat.

Donauschwaben
Johann Drach (l.) im Heimatmuseum der HOG Parabutsch. | Bild: Hans-Joachim Of

Als kundiger Museumsführer erzählt Drach den Besuchern die Geschichte der Besiedelung durch Deutsche im Jahre 1786 im Zwischenstromland von Donau und Theiß im heutigen Serbien bis hin zur Vertreibung im Zweiten Weltkrieg 1944. Seine eigenen, schlimmen Erlebnisse als kleiner Junge im Konzentrationslager hat er viele Jahre lang nicht der Öffentlichkeit preisgegeben.

"Es gab fast nichts zu essen, außer Maissuppe"

"Ich erinnere mich in erster Linie daran, dass ich immer Hunger hatte, doch es gab fast nichts, außer einer Maissuppe", so Johann Drach im Rückblick mit ka-news.de. Eine furchtbare Zeit sei es gewesen im damaligen Vernichtungslager Gakovo-Kruschevlje, unweit der Donau, fast an der Grenze nach Südungarn.

Dazu muss man wissen, dass vor dem Zweiten Weltkrieg im damaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien rund 600.000 Menschen deutscher Abstammung lebten. Johann Drachs Vorfahren waren, wie so viele aus Baden und der Pfalz, im 18. Jahrhundert mit dem Schiff auf der Donau, der berühmten "Ulmer Schachtel", in die Batschka gekommen. Fernab der Heimat hatten sie sich als "Donauschwaben" beziehungsweise "Donaudeutsche" genannte Siedler in Parabutsch ein neues Leben aufgebaut.

Donauschwaben
Donauschwaben | Bild: Hans-Joachim Of (Reproduktion)

Später und während des Krieges war ganz Jugoslawien von den deutschen Truppen und seiner Verbündeten besetzt. Als man 1944 die Gebiete zu räumen begann, wurde ein Teil der deutschen Bevölkerung evakuiert.

Etwa die Hälfte der Deutschen, die viele Jahre lang mit der slawischen Bevölkerung ihres Siedlungsgebietes sehr gut ausgekommen und auf vielen Gebieten der Wirtschaft sogar ihr Lehrmeister geworden war, entzog sich jedoch auf Anraten der Einheimischen den Evakuierungsmaßnahmen und blieb in ihrer neuen Heimat und im Dorf. Für viele mit tödlichen Folgen.

"Wir haben den Russen nichts gemacht, als tun sie uns auch nichts an"

Auch Familie Drach hatte zunächst an Flucht gedacht und war schon unterwegs nach Westen. Johann Drach erinnert sich: "Mein Opa meinte jedoch, dass wir zurückgehen sollten. Wir haben den Russen nichts gemacht, als tun sie uns auch nichts an." Anfang Oktober 1944 hatten dann erste russische Soldaten auf ihrem Eroberungszug in Richtung Deutschland jugoslawische Gebiete erreicht und besetzten in wenigen Tagen zuerst das Banat, dann die Batschka.

Donauschwaben
Bild: Hans-Joachim Of

"Am 9. Oktober 1944 kamen die Partisanen", so Drach. In den besetzten Gebieten wurde immer gleich eine Militärverwaltung der serbischen Partisanen eingeführt und man setzte Staatschef Titos Maßnahmen, die Reste der deutschen Bevölkerung systematisch auszurotten, in erschreckender Weise um.

"Im Lager Gakovo waren Menschen Tieren gleichgestellt"

Konzentrations- und Vernichtungslager wurden errichtet, die noch verbliebene Bevölkerung musste ihre Dörfer verlassen. Für arbeitsfähige Männer wurde Zwangsarbeit angeordnet. Auch Johann Drach war mit seiner Mutter und den Geschwistern, der 1935 geborenen Katharina (die heute in Bruchsal lebt) und dem 1941 geborenen Ernst (heute in Forst zuhause) in Gakovo gelandet - dort, wo Krankheit, Hunger und Tod tagtägliche Begleiter waren. Der Vater war zu dieser Zeit im Krieg in Russland.

Im Sommer 1945 erreichte die Zahl der zusammengepferchten Menschen 21.000, schreibt Leopold Rohrbacher in seinem 207-seitigen Buch. Die Internierten mussten alles abgeben, was sie am Leibe trugen. Wer etwas versteckte, wurde sofort erschossen. "Menschen waren Tieren gleichgestellt. Es gab Massaker ohne Ende und eine systematische Ausrottung", sagt Drach.

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Heimatmuseum der HOG Parabutsch. | Bild: Hans-Joachim Of

Er erinnert sich: Im Lager seien über 10.000 Menschen an Krankheiten sowie durch Unterernährung gestorben und in Massengräbern verscharrt worden. In einer "Nacht und Nebel"-Aktion gelang es 1946 durch Helfer aus Ungarn, die der in Budapest lebende Bruder seines Vaters organisiert hatte, den drei eingesperrten Kindern die Flucht aus der "Hölle von Gakovo".

Von Ungarn über Österreich und Bayern nach Östringen

Sie gelangten über die ungarische Hauptstadt und Österreich letztlich über ein Auffanglager in Bayern nach Östringen. Die Mutter hatte Typhus und musste im Lager zurückbleiben, konnte später in Deutschland jedoch nach einer glücklichen Fügung ihre Kinder wieder in die Arme schließen. "Dank der Hilfe des Roten Kreuzes, das in dieser Zeit unglaubliche Arbeit leistete, kamen wir wieder zusammen."

Im Kraichgau begann in Gastfamilien endlich ein neues Leben. Die Erinnerungen an seine schlimmste Zeit in noch ganz jungen Jahren verblassen nach und nach. Trotzdem sagt Johann Drach, der in den vergangenen Jahren schon öfters bei den, von der HOG-Gemeinschaft organisierten, Busreisen in Serbien war und stets die dortige Gedenkstätte besuchte: "Wir dürfen, auch zu Ehren der vielen unschuldig ermordeten Menschen, niemals vergessen."

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